Ausgabe 5/2003 vom 14.07.03

Im Gespräch: Preetha Pulusani, Ignacio Guerrero und Arthur Spencer

"Offene Systeme nutzen allen"

Mit einem guten Zitat kann es ein deutscher Bürgermeister bis in die USA schaffen. Intergraph-Präsidentin Preetha Pulusani freute sich bei der Eröffnung des weltweiten Nutzertreffens "Gespatial World 2003" in New Orleans sichtlich über die Bemerkung eines Verwaltungschefs, dank eines Ämter übergreifendes Geoinformationssystems (GIS) wanderten "nicht mehr die Bürger, sondern die Daten von Amt zu Amt". "Das demonstriert den Nutzen unternehmensweiter Lösungen", so die gebürtige Inderin. Die Stichwörter "Unternehmenslösung" und "offene Systemarchitekturen" bestimmten auch das Gespräch von Business Geomatics-Chefredakteur Timo Thalmann mit Pulusani und den für die Softwareentwicklung von GeoMedia und G-Technology verantwortlichen Intergraph-Vizepräsidenten Ignacio Guerrero und Arthur Spencer.

Business Geomatics: Welche Bedeutung hat das Geschäft in Deutschland für ein amerikanisches Unternehmen wie Intergraph?

Preetha Pulusani: Der deutsche Markt hat für Intergraph, insbesondere für die Business Unit, für die ich Verantwortung trage - Intergraph Mapping and Geospatial Solutions -, eine große Bedeutung. Das belegen auch die Zahlen: Rund die Hälfte unseres Umsatzes aus diesem Geschäftsbereich stammt aus Nordamerika. Europa steuert ungefähr ein Drittel bei. Die Region Central Europe, in der Deutschland, Österreich und Schweiz zusammengeschlossen sind, liefert den höchsten Umsatzerlös innerhalb Europas. Aber Umsatz allein sagt nicht alles, Profitabilität ist ein besserer Maßstab. Intergraph ist seit über zweieinhalb Jahren - trotz allgemeiner Wirtschaftsflaute - in allen Business Units profitabel. Ein Barbestand von 450 Millionen US Dollar verschafft dem Unternehmen hohe Investitionssicherheit. Angesichts dieser Kennwerte zählen wir laut "Forbes Magazine" zu den Top 500 Unternehmen in den Vereinigten Staaten. Unsere Kunden in Deutschland profitieren direkt von der Stärke der Intergraph Corporation in den USA beispielsweise über erhebliche Investitionen im Bereich der Produktentwicklung.

Business Geomatics: Nun will Intergraph in Deutschland verstärkt im Katasterwesen Fuß fassen. Die ab 2005 geplante Einführung von ALKIS (Amtliches Liegenschaftskataster-Informationssystem) als neuem Standard, der die bisher getrennten Daten von ALK (Amtliches Liegenschaftskataster) und ALB (Amtliches Liegenschaftsbuch) zusammenfasst, hat ja schon für reichlich Bewegung im Markt gesorgt. Kann Intergraph Deutschland mit Blick darauf Einfluss auf die in den USA angesiedelte Produktentwicklung nehmen?

Ignacio Guerrero: Wir halten seit langem enge Kontakte zu großen Kunden in Deutschland, etwa zur Deutschen Bahn AG, die ihr Immobilienvermögen mit unseren Produkten verwaltet. Von ihr haben wir beispielsweise Hinweise auf wichtige Importfunktionen erhalten. Im Katasterwesen gehen große Teile der Darstellungssymbolik bei Intergraph auf deutsche Einflüsse zurück.

Arthur Spencer: Im Bereich Utilities ist der Einfluss aus der Region Intergraph Deutschland sogar noch viel grundsätzlicher. Unsere deutschen Kunden, wie die Ruhrgas AG, waren Pioniere bei der Implementierung unserer Lösungsfamilie G/Technology. Die Kunden steuerten eigene Vorgaben bei und halfen bei der Fortentwicklung der Branchenlösungen.

Business Geomatics: Mit dem Kauf der Terra Map Server GmbH besitzt die Intergraph Corporation neben der Intergraph (Deutschland) GmbH und der Intergraph Public Safety GmbH nun ein drittes Tochterunternehmen in Deutschland. Welchem Zweck dient diese Übernahme?

Pulusani: Die Terra Map Server GmbH und das Webportal terramapserver sind entscheidende Bausteine unserer Strategie, als Lösungsanbieter für Unternehmen aufzutreten. Wir verstehen uns nicht als Softwareverkäufer, der CDs und Handbücher in der Hoffnung verschickt, damit allein die Kunden glücklich zu machen. Wir wollen vielmehr die Probleme des Kunden zu unseren Problemen machen und sie mit ihm gemeinsam lösen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen haben eine gewisse Scheu vor Geoinformationssystemen, vor deren vermeintlicher Komplexität und den Kosten des Geodatenmanagements. Der terramapserver ist eine Antwort darauf. Wir bieten auf dieser Plattform ein komplettes Applications-Hosting an, das den Zugriff auf Geodaten und verschiedene Fachanwendungen für jene Unternehmen ermöglicht, die firmeninterne Installation nicht wollen oder nicht benötigen. Einige dieser kleineren bis mittleren Unternehmen und Verwaltungen müssen nur gelegentlich räumliche Daten beziehen, oder die Anforderungen ihres Geodatenmanagements sind zu umfangreich, um von den eigenen Mitarbeitern erfüllt zu werden. Der terramapserver hat unser Marktangebot erheblich erweitert, vor allem für diese Kundenkreise.

Business Geomatics: "Lösungsanbieter für Unternehmen" klingt anspruchsvoll. Wollen sie ihren Fokus über Mapping und GIS hinaus erweitern?

Pulusani: Ja und Nein. Nein, weil bei Mapping und Geospatial unsere technologischen Kernkompetenzen liegen. Zum Beispiel binden wir betriebswirtschaftliche Software an unsere Systeme an, implementieren diese Fremdsysteme aber nicht bei den Kunden, denn dazu besitzen wir nicht das notwendige Know-how. Und Ja, weil wir uns als Teil unternehmensweiter Software- und Technologielandschaften verstehen. Wir pflegen eine technologische Philosophie offener Systeme, die auf Standard-Datenbanken aufsetzen. Wir muten dem Kunden keine proprietären Lösungen mehr zu und wir sind fähig als Systemintegrator aufzutreten und komplexe, unternehmensweite Projekte zu meistern.

Spencer: Ich will das noch deutlicher sagen: Nicht mehr als ein SQL-Statement, also ein Standard-Datenbank-Befehl, sollte zwischen dem Kunden und seinen Geodaten stehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Einer unserer größten Anwender ist mit über 13 Millionen Kunden der führende Telekommunikations-Provider in Nordamerika. Dort wurde unsere so genannte Geospatial Resource Management (GRM) Lösung installiert. Bei GRM werden alle raumbezogenen Informationen in einer einzigen Unternehmensdatenbank abgelegt. Dies ermöglicht die übergreifende Integration der GRM-Lösung in alle IT-Umgebungen. Mit unserer Lösung kann der Kunde seine Geodaten in Anwendungsbereichen nutzen, die weit entfernt sind von traditionellen GIS-Applikationen.

Business Geomatics: Welchen Vorteil bringt eine unternehmensweite Einbindung?

Spencer: Informationen aus verschiedenen Datenbanken lassen sich mit minimalem Aufwand integrieren und der Datenzugriff kann von allen und in alle Richtungen erfolgen. Über die Eingabe der Telefonnummer eines Kunden erhält der Anwender nicht nur die wichtigsten Kundeninformationen, sondern auch eine geographisch exakte Lagedarstellung des Kunden, außerdem die Lokalisierung des Netzwerks, an das der Kunde angeschlossen ist, und des Umsatzanteils des Kunden. Andererseits kann ein Telekom-Kabel in der digitalen Karte angeklickt werden und man erhält sofort alle zugehörigen Kundennamen und Telekom-Dienste. Dies eröffnet Möglichkeiten zu abteilungsübergreifenden Entscheidungen und integriert Kundenservice, Marketing und Netzwerkbetrieb. Bei diesem Projekt war übrigens nicht die GIS-Abteilung des Telco-Providers, sondern das zentrale IT-Departement unser Ansprechpartner. Wir erwarten zukünftig mehr und mehr Implementierungen auf der über GIS hinausreichenden IT-Ebene.

Guerrero: Unsere Technologie ist seit langem für solche Projekte ausgelegt. Auch die Produktlinie GeoMedia verzichtet vollkommen auf proprietäre Formate und greift grundsätzlich auf eine Standard-Datenbank zurück, wobei alle marktgängigen Sach- und GIS-Datenformate gleichzeitig gelesen und analysiert werden können. Was wir anstreben, ist volle Interoperabilität aller auf dem Markt verfügbaren Anwendungen. Erst der Datenaustausch und die Kombination von Daten aus unterschiedlichen Quellen und Systemen verschaffen dem Kunden den entscheidenden Mehrwert.

Business Geomatics: Wie wollen sie bei all der Offenheit und Interoperabilität verhindern, das Intergraph austauschbar wird? Technologisch lässt sich dann kaum noch für ihre Produkte argumentieren und gerade Intergraph hat sich in der Vergangenheit immer stark über führende Technologie positioniert.

Guerrero: Faktoren wie Skalierbarkeit von Lösungen, Performance, Schnelligkeit des Datenzugriffs werden eine wichtigere Rolle spielen.

Pulusani: Sie haben Recht, dass Intergraph in der Vergangenheit vornehmlich den Technologieaspekt betont hat. Die Strategie, als Lösungsanbieter und Partner der zentralen IT-Abteilungen aufzutreten, verlangt in der Tat eine Anpassung unserer Corporate Identity. Beratung und Services werden künftig eine größere Bedeutung bekommen. Wir werden auf diesem Feld unsere Anstrengungen konzentrieren, zum Beispiel indem wir unsere Mitarbeiter entsprechend fortbilden und das Fachwissen der Consulting-Teams stets aktuell halten.

Business Geomatics: Welche Rolle werden ihre Partner spielen, wenn Sie selber verstärkt Lösungen und Service anbieten?

Pulusani: Unsere Partner genießen weiterhin einen hohen Stellenwert. Sie sorgen für unsere Nähe zum Kunden und sie geben uns Impulse für die Produktentwicklung. Vor allem in Central Europe bilden unsere Partner in fast allen Märkten unsere Speerspitze, ohne die es unmöglich wäre, die Kunden vor Ort zu bedienen. Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden, manchmal sogar mit Konkurrenten, entspricht der Philosophie von Intergraph. Betrachten Sie nur unser Engagement im Open GIS Consortium (OGC), dessen Gründungsmitglied wir sind und dem wir als einziges Unternehmen der GIS-Branche als strategisches Mitglied angehören. Wir stellen hier personelle Resourcen eigens für die Arbeit an den Spezifikationen des OGC bereit. Unsere Investitionen erreichen nicht unerhebliche Beträge, um das Thema Interoperabilität zum Wohle des gesamten Marktes voranzutreiben.

Guerrero: Es gibt zwei Wege, den problemlosen Datenaustausch zu forcieren: Entweder sie versuchen einen Industrie-Standard am Markt durchzusetzen, oder sie suchen die Kooperation und die Einigung auch mit dem Wettbewerb und erst recht mit den Partnern. Dieser zweite Weg mag langwierig erscheinen, aber wir glauben, dass am Ende des Tages die gesamte Branche davon profitiert. Es gibt anschauliche Beispiele für beide Varianten. Als die ersten Videorekorder auf den Markt kamen, versuchten die Hersteller unabhängig voneinander verschiedene technische Systeme durchzusetzen. Das Ergebnis war eine Verunsicherung beim Kunden und es dauerte lange, bis sich mit VHS eine der Techniken etablierte, wenn auch nicht die beste. Ganz anders bei der CD: Alle Hersteller einigten sich vor der Markteinführung auf einen Standard und die Markteinführung gelang in kürzester Zeit. Die gesamte Branche hat davon profitiert.

Business Geomatics: Aber was heißt dieser Exkurs zum OGC nun für Ihre Partner?

Pulusani: Mit dieser Form des Engagements und im Sinne offener Strukturen ist es uns möglich, unseren Partner und Kunden exakt das anzubieten, was sie von einem Lösungsanbieter erwarten: Zukunftsträchtigkeit und Investitionsschutz. Dies sind wichtige Merkmale, die Intergraph von seinen Mitbewerbern unterscheidet.

 




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