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Business-Geomatics Interview
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Bodo Schnabel, Vorstandsvorsitzender von Comroad, über die
Kursentwicklung seiner AG
"Wir haben uns die Augen gerieben"
Die Comroad AG hat Aufstieg und Niedergang des Neuen Marktes am eigenen
Leib erfahren. Nach einem Ausgabekurs von fünf Euro im November 1999
stieg die Aktie des Telematik-Anbieters bis September 2000 auf 64,95 Euro
und bis Ende Oktober diesen Jahres war sie wieder auf neun Euro gefallen.
Was der Vorstandsvorsitzende Bodo Schnabel von dieser Achterbahnfahrt
hält, warum er dennoch von seinem Geschäftsmodell überzeugt
ist und wie er sich die Zukunft ortsbezogener Dienste vorstellt, verriet
Schnabel im Gespräch mit Business Geomatics-Redakteur Timo Thalmann.
Business Geomatics: Herr Schnabel, haben Sie heute schon den Aktienkurs
von Comroad kontrolliert?
Bodo Schnabel: Nein. Meinen Sie, dass ich das tun sollte?
Vielleicht meinen das Ihre Anleger, die von Januar diesen Jahres bis Ende
Oktober rund 80 Prozent ihres Kapitals verloren haben.
Viele von ihnen haben aber auch gewonnen. Wer bei unserem Börsengang
im November 1999 investiert hat, hat mit dem seinerzeit eingesetzten
Kapital bis Ende Oktober 2001 eine Rendite von über 40 Prozent
erzielt, denn unser derzeitiger Kurs liegt immer noch weit über dem
Ausgabepreis. Und das ist so, weil wir ein grundsolides Unternehmen sind.
Dennoch können Sie ihren Absturz am Neuen Markt ja nicht einfach
wegdefinieren...
...um abzustürzen, muss man erst mal aufgestiegen sein und wir sind
in geradezu schwindelerregende Höhen aufgestiegen. Zeitweise lag unser
Börsenwert bei über einer Milliarde Euro, zur Zeit sind es 180
Millionen. Das wirklich erstaunliche daran ist, dass wir zu jedem Zeitpunkt
die gleichen Zahlen und Geschäftsstrategien präsentiert haben.
Wir selbst haben uns zwischendurch ganz schön die Augen gerieben, als
der Kurs immer höher stieg. Und natürlich haben wir davon
profitiert, aber rational war das nie. Eine Rendite von über 40
Prozent in zwei Jahren dagegen ist rational und dabei immer noch
überdurchschnittlich. Ich denke, damit haben wir die
Zukunftsfähigkeit unserer Strategie bewiesen, die sich für den
langfristig denkenden Anleger ausgezahlt hat.
Was ist denn Ihre Strategie?
Wir bieten mit unserem Global Transport Telematics System (GTTS) das erste
Gesamtsystem zum Aufbau einer vollständigen Telematik-Infrastruktur.
Das heißt, wir liefern Hard- und Software für Telematik-
Zentralen, wir liefern alle Module für einzelne Dienste und wir
liefern Hardware und Endgeräte für die Nutzung im Automobil.
Ihr natürlicher Partner wäre demnach die Automobilindustrie...
...das erzählen zwar fast alle Analysten, aber es ist falsch. Die
Automobilindustrie ist viel zu langsam, was Forschung und Entwicklung
betrifft. Wenn wir darauf gesetzt hätten, würden wir jetzt noch
auf den Startschuss für unser System warten. Nein, wir wollten
unabhängig von den Automobilbauern unsere Produkte auf den Markt
bringen und die Entwicklung gibt uns Recht.
Diese Entwicklung zeigt aber auch, dass die Automobilindustrie das Thema
Telematik zunehmend entdeckt und dabei auf Lösungen setzt, die sie
unter dem eigenen Logo vermarkten will, auch wenn sie von Zulieferern
kommen.
Kaum ein Automobilunternehmen hat komplette Telematik-Lösungen im
Angebot. Die meisten beschränken sich auf reine Navigation ohne
mobilen Internetanschluss. Die überlegen derzeit alle noch, wie sie
entsprechende Service-Zentralen aufbauen können und kommen dabei
zunehmend auf uns zu.
Also doch Ihre Partner?
Natürlich, aber in Zusammenarbeit mit unseren bestehenden Partnern -
wir haben bereits 36 Partner in 33 Ländern, die völlig
unabhängig von der Automobilindustrie unsere Technologie verwenden, um
Telematik-Zentralen in ihren Ländern aufzubauen und Dienste anbieten
zu können, die weit über die Navigationsservices hinausgehen. Das
reicht vom automatischen Notruf über E-Mail-Dienste bis zum Internet
im Auto. Und gerade weil wir dieses Netz von Telematik-Zentralen bereits
gespannt haben, wenden sich die Automobilbauer an uns.
Glauben Sie nicht, dass die Automobilindustrie über die
entsprechenden finanziellen Ressourcen verfügt, um eigene Zentralen in
kürzester Zeit aufzubauen?
Bis vor wenigen Monaten war möglicherweise damit zu rechnen, dass
eigene Service-Portale der Automobilindustrie entstehen würden, aber
spätestens seit Oktober ist das Thema vom Tisch. Solche Zentralen
müssen nämlich europaweit und auch in Übersee organisiert
werden. Und das lohnt sich für die Autohersteller nicht. Selbst
für ein Branchenschwergewicht wie BMW wäre das in Amerika, ihrem
zweitwichtigsten Absatzmarkt, nicht rentabel. Aber auch wenn es anders
wäre: Konkurrenz belebt das Geschäft.
Gilt das auch für Endgerätehersteller wie Blaupunkt, die auf der
diesjährigen Funkausstellung in Berlin eigene Telematik-Geräte
vorgestellt haben und entsprechende Zentralen aufbauen wollen?
Die Endgerätehersteller haben einzig und allein das Interesse,
möglichst viele Geräte an den Mann zu bringen. Die Service- und
Telematik-Zentralen sind bei denen von sekundärem Interesse. Das ist
wie bei den Herstellern von Fernsehgeräten. Die interessieren sich
auch nicht fürs Programm - Hauptsache es gibt eins, denn sonst
würde niemand einen Fernseher kaufen. Von daher gehen die Hersteller
von Telematik-Endgeräten derzeit alle möglichen Partnerschaften
ein, die ihnen Programm sichern und sagen zu jedem, der Serviceinhalte
liefert: "Du bist jetzt unser bester Freund." Auf der anderen Seite werden
die niemals ein Gerät herstellen, mit dem nur der Telematik-Service XY
zu empfangen ist. Es würde schließlich auch niemand einen
Fernseher kaufen, der nur ARD empfängt.
Aber Sie verkaufen doch Telematik-Endgeräte, die nur Comroad
empfangen, was ganz erheblich zu Ihrem Umsatz beiträgt. Wirklich keine
Angst vor Konkurrenz?
Es ist richtig, dass wir mit unseren Endgeräten derzeit einen ganz
guten Umsatz erwirtschaften. Aber eigentlich haben wir damit nur
angefangen, weil es 1999 niemanden gab, der für unsere Services
entsprechende Endgeräte geliefert hätte. Unsere Strategie zielt
im übrigen darauf ab, diesen Anteil kontinuierlich zu senken. Im
Prinzip wollen wir das so machen, wie die Mobilfunkunternehmen. Die haben
am Anfang auch Handies verkauft und heute kriegen Sie das Endgerät
einfach dazu, wenn Sie einen Nutzungsvertrag abschließen. So eine
Situation können wir uns auf lange Sicht auch im Telematik-Markt
vorstellen.
Und wovon wollen Sie dann leben?
Sind Sie hinsichtlich künftiger Gebühreneinnahmen nicht etwas zu
optimistisch? Ob im Internet oder bei ortsbezogenen Diensten, die Sie ja
letztendlich anbieten: Gebührenmodelle sind beim Endverbraucher nur
schwer durchzusetzen.
Ich gebe Ihnen Recht, wenn es um Services außerhalb des Autos geht.
Aber bei Diensten, die ans Fahrzeug gebunden sind, gibt es eine andere
Wahrnehmung. Das Auto erfreut sich weltweit hoher Wertschätzung, trotz
seiner vergleichsweise hohen Anschaffungs- und Unterhaltskosten. Die 15
Euro monatlich, die wir für unsere Dienste nehmen, werden deshalb als
angemessener Preis für eine hochwertige Dienstleistung empfunden, die
in einer hochwertigen Umgebung stattfindet. Außerhalb des Autos wird
das in der Tat schwieriger. Was Location Based Services angeht,
schätze ich, dass diese höchstens für ein Viertel der
heutigen Handy-Nutzer von so viel Interesse sind, dass sie auch bereit
sind, dafür etwas zu bezahlen. Und das dürften in erster Linie
Geschäftskunden sein.
Bei Ihrem Geschäftsmodell sind Sie extrem vom Erfolg Ihrer Partner
abhängig. Genau das hat im Frühjahr auch zu Ihrem Absturz an der
Börse geführt: Analysten hatten Zweifel an den Erfolgsmeldungen
Ihrer Partner angemeldet, woraufhin der Kurs in den Keller ging.
Wie gesagt, die Vorgänge an der Börse hatten wenig mit unserem
wirtschaftlichen Erfolg zu tun. Die selben Analysten, die kurz zuvor noch
Kaufempfehlungen abgaben, fielen plötzlich über uns her.
Sie selbst haben dazu eine geradezu abenteuerlich anmutende Theorie
verbreitet: Mehrere Börsenbriefe hätten es in einer konzertierten
Aktion darauf abgesehen, den Kurs zu drücken, um einem
Großinvestor den billigen Einstieg zu erlauben.
Schauen Sie, ich bin Ingenieur. Da sucht man immer nach logischen
Erklärungen, warum etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Und
logisch ist, dass Börsenhändler durch Leerverkäufe mit
geliehenen Aktien massiv auf fallende Kurse setzen. Dieses Short-Selling
ist mit uns geschehen und vor dem Hintergrund eines nervösen Marktes
ist der Kurs dank einiger gezielter Gerüchte gesunken und einige
Händler dürften davon profitiert haben. Das ist für mich
eine logische Erklärung dieser Vorgänge, denn aufgrund der
Unternehmensdaten hätte es diesen Kursrückgang nicht geben
dürfen.
Aber auch nicht den vorherigen massiven Kursanstieg.
Sie sagen es.
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