Ausgabe 7/2001 vom 12.11.01

Business-Geomatics Interview

Nachrichten
Bodo Schnabel, Vorstandsvorsitzender von Comroad, über die Kursentwicklung seiner AG
"Wir haben uns die Augen gerieben"

Die Comroad AG hat Aufstieg und Niedergang des Neuen Marktes am eigenen Leib erfahren. Nach einem Ausgabekurs von fünf Euro im November 1999 stieg die Aktie des Telematik-Anbieters bis September 2000 auf 64,95 Euro und bis Ende Oktober diesen Jahres war sie wieder auf neun Euro gefallen. Was der Vorstandsvorsitzende Bodo Schnabel von dieser Achterbahnfahrt hält, warum er dennoch von seinem Geschäftsmodell überzeugt ist und wie er sich die Zukunft ortsbezogener Dienste vorstellt, verriet Schnabel im Gespräch mit Business Geomatics-Redakteur Timo Thalmann.

Business Geomatics: Herr Schnabel, haben Sie heute schon den Aktienkurs von Comroad kontrolliert?

Bodo Schnabel: Nein. Meinen Sie, dass ich das tun sollte?

Vielleicht meinen das Ihre Anleger, die von Januar diesen Jahres bis Ende Oktober rund 80 Prozent ihres Kapitals verloren haben.

Viele von ihnen haben aber auch gewonnen. Wer bei unserem Börsengang im November 1999 investiert hat, hat mit dem seinerzeit eingesetzten Kapital bis Ende Oktober 2001 eine Rendite von über 40 Prozent erzielt, denn unser derzeitiger Kurs liegt immer noch weit über dem Ausgabepreis. Und das ist so, weil wir ein grundsolides Unternehmen sind.

Dennoch können Sie ihren Absturz am Neuen Markt ja nicht einfach wegdefinieren...

...um abzustürzen, muss man erst mal aufgestiegen sein und wir sind in geradezu schwindelerregende Höhen aufgestiegen. Zeitweise lag unser Börsenwert bei über einer Milliarde Euro, zur Zeit sind es 180 Millionen. Das wirklich erstaunliche daran ist, dass wir zu jedem Zeitpunkt die gleichen Zahlen und Geschäftsstrategien präsentiert haben. Wir selbst haben uns zwischendurch ganz schön die Augen gerieben, als der Kurs immer höher stieg. Und natürlich haben wir davon profitiert, aber rational war das nie. Eine Rendite von über 40 Prozent in zwei Jahren dagegen ist rational und dabei immer noch überdurchschnittlich. Ich denke, damit haben wir die Zukunftsfähigkeit unserer Strategie bewiesen, die sich für den langfristig denkenden Anleger ausgezahlt hat.

Was ist denn Ihre Strategie?

Wir bieten mit unserem Global Transport Telematics System (GTTS) das erste Gesamtsystem zum Aufbau einer vollständigen Telematik-Infrastruktur. Das heißt, wir liefern Hard- und Software für Telematik- Zentralen, wir liefern alle Module für einzelne Dienste und wir liefern Hardware und Endgeräte für die Nutzung im Automobil.

Ihr natürlicher Partner wäre demnach die Automobilindustrie...

...das erzählen zwar fast alle Analysten, aber es ist falsch. Die Automobilindustrie ist viel zu langsam, was Forschung und Entwicklung betrifft. Wenn wir darauf gesetzt hätten, würden wir jetzt noch auf den Startschuss für unser System warten. Nein, wir wollten unabhängig von den Automobilbauern unsere Produkte auf den Markt bringen und die Entwicklung gibt uns Recht.

Diese Entwicklung zeigt aber auch, dass die Automobilindustrie das Thema Telematik zunehmend entdeckt und dabei auf Lösungen setzt, die sie unter dem eigenen Logo vermarkten will, auch wenn sie von Zulieferern kommen.

Kaum ein Automobilunternehmen hat komplette Telematik-Lösungen im Angebot. Die meisten beschränken sich auf reine Navigation ohne mobilen Internetanschluss. Die überlegen derzeit alle noch, wie sie entsprechende Service-Zentralen aufbauen können und kommen dabei zunehmend auf uns zu.

Also doch Ihre Partner?

Natürlich, aber in Zusammenarbeit mit unseren bestehenden Partnern - wir haben bereits 36 Partner in 33 Ländern, die völlig unabhängig von der Automobilindustrie unsere Technologie verwenden, um Telematik-Zentralen in ihren Ländern aufzubauen und Dienste anbieten zu können, die weit über die Navigationsservices hinausgehen. Das reicht vom automatischen Notruf über E-Mail-Dienste bis zum Internet im Auto. Und gerade weil wir dieses Netz von Telematik-Zentralen bereits gespannt haben, wenden sich die Automobilbauer an uns.

Glauben Sie nicht, dass die Automobilindustrie über die entsprechenden finanziellen Ressourcen verfügt, um eigene Zentralen in kürzester Zeit aufzubauen?

Bis vor wenigen Monaten war möglicherweise damit zu rechnen, dass eigene Service-Portale der Automobilindustrie entstehen würden, aber spätestens seit Oktober ist das Thema vom Tisch. Solche Zentralen müssen nämlich europaweit und auch in Übersee organisiert werden. Und das lohnt sich für die Autohersteller nicht. Selbst für ein Branchenschwergewicht wie BMW wäre das in Amerika, ihrem zweitwichtigsten Absatzmarkt, nicht rentabel. Aber auch wenn es anders wäre: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Gilt das auch für Endgerätehersteller wie Blaupunkt, die auf der diesjährigen Funkausstellung in Berlin eigene Telematik-Geräte vorgestellt haben und entsprechende Zentralen aufbauen wollen?

Die Endgerätehersteller haben einzig und allein das Interesse, möglichst viele Geräte an den Mann zu bringen. Die Service- und Telematik-Zentralen sind bei denen von sekundärem Interesse. Das ist wie bei den Herstellern von Fernsehgeräten. Die interessieren sich auch nicht fürs Programm - Hauptsache es gibt eins, denn sonst würde niemand einen Fernseher kaufen. Von daher gehen die Hersteller von Telematik-Endgeräten derzeit alle möglichen Partnerschaften ein, die ihnen Programm sichern und sagen zu jedem, der Serviceinhalte liefert: "Du bist jetzt unser bester Freund." Auf der anderen Seite werden die niemals ein Gerät herstellen, mit dem nur der Telematik-Service XY zu empfangen ist. Es würde schließlich auch niemand einen Fernseher kaufen, der nur ARD empfängt.

Aber Sie verkaufen doch Telematik-Endgeräte, die nur Comroad empfangen, was ganz erheblich zu Ihrem Umsatz beiträgt. Wirklich keine Angst vor Konkurrenz?

Es ist richtig, dass wir mit unseren Endgeräten derzeit einen ganz guten Umsatz erwirtschaften. Aber eigentlich haben wir damit nur angefangen, weil es 1999 niemanden gab, der für unsere Services entsprechende Endgeräte geliefert hätte. Unsere Strategie zielt im übrigen darauf ab, diesen Anteil kontinuierlich zu senken. Im Prinzip wollen wir das so machen, wie die Mobilfunkunternehmen. Die haben am Anfang auch Handies verkauft und heute kriegen Sie das Endgerät einfach dazu, wenn Sie einen Nutzungsvertrag abschließen. So eine Situation können wir uns auf lange Sicht auch im Telematik-Markt vorstellen.

Und wovon wollen Sie dann leben?

GLOBAL PLAYER AUS
UNTERSCHLEISSHEIM
Die 1995 gegründete Comroad Aktiengesellschaft bezeichnet sich als "weltweit führend im Aufbau und der Kommerzialisierung von Telematik- Netzwerken." Durch die Integration des Global Positioning System (GPS) mit dem GSM (Global System of Mobile Communication) und internetbasierten Informationssystemen hat Comroad nach eigener Aussage ein weltumspannendes Netzwerk für Telematik-Dienstleistungen geschaffen, das bereits in 33 Ländern installiert ist. Dazu gehören neben Anwendungen im Bereich der Verkehrs-Telematik wie etwa Sicherheitsüberwachung, Flottenmanagement, Off-Board-Navigation und Road Assistance auch Kommunikations- und Informationsdienste sowie webbasierte Office- Applikationen für den mobilen Einsatz. Über die Geschäftszentrale in Unterschleißheim bei München und weitere Standorte in Sarasota (USA) sowie Hongkong (China) betreut Comroad Telematik-Zentralen in drei großen Weltzeitzonen rund um die Uhr. Für das Geschäftsjahr 2001 plant das am Neuen Markt in Frankfurt gelistete Unternehmen einen Umsatz von rund 95 Millionen Euro.
Wie die Mobilfunkunternehmen: Von Gebühren. Auch heute machen wir unsere Umsätze nicht nur mit den Endgeräten. Viel wichtiger ist uns der Verkauf unserer Zentralen an die Partner. Denen liefern wir ab 200.000 Euro alles, was sie brauchen, um einen Basisdienst aufzubauen, inklusive eines Businessplans für drei Jahre. Und wenn der Dienst erst mal läuft, fließen uns bei jeder Nutzung Lizenzgebühren zu. Außerdem haben wir in Deutschland unsere eigene Zentrale, wo wir die kompletten Gebühren abschöpfen.

Sind Sie hinsichtlich künftiger Gebühreneinnahmen nicht etwas zu optimistisch? Ob im Internet oder bei ortsbezogenen Diensten, die Sie ja letztendlich anbieten: Gebührenmodelle sind beim Endverbraucher nur schwer durchzusetzen.

Ich gebe Ihnen Recht, wenn es um Services außerhalb des Autos geht. Aber bei Diensten, die ans Fahrzeug gebunden sind, gibt es eine andere Wahrnehmung. Das Auto erfreut sich weltweit hoher Wertschätzung, trotz seiner vergleichsweise hohen Anschaffungs- und Unterhaltskosten. Die 15 Euro monatlich, die wir für unsere Dienste nehmen, werden deshalb als angemessener Preis für eine hochwertige Dienstleistung empfunden, die in einer hochwertigen Umgebung stattfindet. Außerhalb des Autos wird das in der Tat schwieriger. Was Location Based Services angeht, schätze ich, dass diese höchstens für ein Viertel der heutigen Handy-Nutzer von so viel Interesse sind, dass sie auch bereit sind, dafür etwas zu bezahlen. Und das dürften in erster Linie Geschäftskunden sein.

Bei Ihrem Geschäftsmodell sind Sie extrem vom Erfolg Ihrer Partner abhängig. Genau das hat im Frühjahr auch zu Ihrem Absturz an der Börse geführt: Analysten hatten Zweifel an den Erfolgsmeldungen Ihrer Partner angemeldet, woraufhin der Kurs in den Keller ging.

Wie gesagt, die Vorgänge an der Börse hatten wenig mit unserem wirtschaftlichen Erfolg zu tun. Die selben Analysten, die kurz zuvor noch Kaufempfehlungen abgaben, fielen plötzlich über uns her.

Sie selbst haben dazu eine geradezu abenteuerlich anmutende Theorie verbreitet: Mehrere Börsenbriefe hätten es in einer konzertierten Aktion darauf abgesehen, den Kurs zu drücken, um einem Großinvestor den billigen Einstieg zu erlauben.

Schauen Sie, ich bin Ingenieur. Da sucht man immer nach logischen Erklärungen, warum etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Und logisch ist, dass Börsenhändler durch Leerverkäufe mit geliehenen Aktien massiv auf fallende Kurse setzen. Dieses Short-Selling ist mit uns geschehen und vor dem Hintergrund eines nervösen Marktes ist der Kurs dank einiger gezielter Gerüchte gesunken und einige Händler dürften davon profitiert haben. Das ist für mich eine logische Erklärung dieser Vorgänge, denn aufgrund der Unternehmensdaten hätte es diesen Kursrückgang nicht geben dürfen.

Aber auch nicht den vorherigen massiven Kursanstieg.

Sie sagen es.




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