Ausgabe 7/2003 vom 17.11.03

Erster Galileo-Satellit soll 2005 starten

Europäer navigieren

Der Weg zu einem von den USA unabhängigen europäischen Navigationssystem scheint weit. Die US-Administration behindert das Projekt Galileo nach Kräften. Dennoch beginnt Galileo Industries jetzt mit dem Bau des ersten Satelliten - in Ottobrunn bei München.

(TTM) - In Sachen Raumfahrt reicht die Erweiterung der Europäischen Union bis nach China. Das Reich der Mitte wird sich mit rund 200 Millionen Euro an dem Aufbau des europäischen Satelliten-Navigationssystems Galileo beteiligen und ist damit finanziell in nahezu gleicher Größenordnung engagiert wie zahlreiche Mitgliedstaaten der EU. Ende Oktober unterzeichneten EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao ein entsprechendes Kooperationsabkommen.

Auch innerhalb der EU scheinen die Weichen für Galileo verbindlich gestellt. Sämtliche organisatorische Hürden sind genommen: Am 10. Juni diesen Jahres haben die europäische Weltraumagentur ESA und die Europäische Kommission offiziell den Gründungsvertrag eines Gemeinschaftsunternehmens Galileo nach Artikel 171 des Amsterdamer Vertrags der EU unterzeichnet. Vornehmliche Aufgabe dieses Gemeinschaftsunternehmens wird es sein, den Aufbau von Galileo zu koordinieren und die dafür erforderlichen Ausschreibungen zu organisieren. Zum Direktor wurde der ehemalige Viag-Vorstand Rainer Grohe ernannt. Parallel zu dieser Unternehmensgründung haben auf Seiten der Industrie sechs europäische Raumfahrt- und Telekommunikationsfirmen Galileo Industries aus der Taufe gehoben. Das Unternehmen hat in Ottobrunn bei München seinen Sitz gefunden und bereits einen ersten Auftrag zum Bau eines Testsatelliten für Galileo im Wert von 72 Millionen Euro erhalten. Mit Günter Stamerjohanns als Chef von Galileo Industries sitzt neben Grohe ein zweiter deutscher Manager an einer wichtigen Schaltstelle des Gesamtprojekts "Europäische Satellitennavigation".

Das geplante europäische Satelliten-Navigationssystem Galileo wird Wirklichkeit. Das eigens zum Bau dieses Systems gegründete Industriekonsortium Galileo Industries hat vom europäischen Gemeinschaftsunternehmen Galileo - ein gemeinsam von der europäischen Weltraumorganisation ESA und der Europäischen Kommission für das Management des Galileo-Programms gegründetes Unternehmen - einen ersten, 72 Millionen Euro großen, Auftrag erhalten. Dafür soll das in Ottobrunn bei München angesiedelte Galileo Industries das so genannte "Galileo System Testbed II" errichten: Das Unternehmen wird einen ersten 525 Kilogramm schweren Demonstrations- und Testsatelliten bauen und ihn Ende 2005 ins All schicken. Damit sollen zahlreiche neue technische Verfahren ausprobiert werden, mit denen Galileo im Gegensatz zu dem amerikanischen Global Positioning System (GPS) zu jeder Zeit und an jedem Ort störungsfreie Signale garantieren will. Dadurch sollen gegen Bezahlung hochwertige Positionsdienste beispielsweise für den Luftverkehr möglich werden.

Neben den Navigationsdaten sollen die Galileo-Satelliten auch andere Dienste möglich machen. Gedacht ist beispielsweise an verschlüsselte Signale für fälschungssichere digitale Zeitstempel, um Übertragungen in der Telekommunikation zu kennzeichnen oder finanzielle Transaktionen zu legitimieren. Insgesamt sind für Galileo 30 Satelliten geplant, die ab 2008 die volle Funktionsfähigkeit des Systems garantieren sollen. Erste eingeschränkte Signale sollen laut Galileo Industries bereits 2006 zur Verfügung stehen.

Der jetzt geplante erste Testsatellit soll zudem die für Galileo vorgesehenen Funkfrequenzen sichern: Sie wurden auf der Weltfunkkonferenz der UNO mit der Auflage vergeben, bis 2005 auch genutzt zu werden. Ist bis dahin kein Satellit im All, fallen die Frequenzen an die UNO zurück und müssten neu beantragt werden.

Das wäre ganz im Sinne der US-Regierung, die das Projekt eines eigenständigen europäischen Satellitennavigationssystems mit Argwohn betrachtet. So konnten beispielsweise die Funkfrequenzen nur gegen den Widerstand der USA vergeben werden. Die US-Regierung führte sicherheitspolitische Bedenken an: Nach ihrer Auffassung liegen die von den Europäern vorgesehenen Frequenzen zu dicht an den militärischen Frequenzen des GPS. Jeder Versuch, im Kriegsfall die Signale von Galileo zu stören, würde danach unweigerlich auch das GPS für das US-Militär beeinträchtigen.

Aber auch aus wirtschaftlicher Sicht ist Galileo für die Amerikaner eine Bedrohung. Derzeit dominieren sie 80 Prozent des weltweiten Marktes in der Satellitentechnik. Allein auf acht Milliarden Dollar wird der jährliche Umsatz mit GPS-Geräten und -Komponenten geschätzt. Von diesem Kuchen könnte sich Galileo ein großes Stück herausschneiden. Der SPD-Europa-Abgeordnete Ulrich Stockmann befürchtet deshalb, dass sich die US-Regierung nicht scheuen wird, neben diplomatischen Mitteln auch juristische Anstrengungen zu unternehmen, um ein europäisches Satelliten-Navigationssystem zu verhindern. Spätestens nach einer Vereinbarung zwischen der EU und China zur Kooperation bei Galileo sei aus US-Sicht das Maß voll, meint der Politiker (siehe Kasten).

Für die europäische Industrie könnte Galileo einen technologischen Forschungs- und Entwicklungsschub bedeuten, nicht zuletzt aufgrund der restriktiven Exportpolitik der US-Behörden. Seit 1999 braucht amerikanische Satellitentechnik eine besondere Ausfuhr-Genehmigung des US-Außenministeriums, die seitdem nur selten gewährt wurde. Für Galileo dürften somit an vielen Stellen zwar teure Neuentwicklungen nötig werden, als Folge davon aber könnte das europäische Know-how in Sachen Weltraumtechnik steigen. Experten erwarten im günstigsten Fall Parallelen zur Entwicklung des Flugzeugmarktes. Die Entscheidung für den Bau des Airbus konnte ebenfalls technisches Know-how in Europa bündeln und den dominierenden US-Firmen den Weltmarkt im Flugzeugbau streitig machen, wenngleich erst nach mehr als zwei Jahrzehnten.

"ES GEHT UM ALLES ODER NICHTS"
Der Europa-Abgeordnete Ulrich Stockmann (SPD) aus Sachsen-Anhalt hält Europa-Politiker und auch die Industrievertreter in Sachen Galileo für zu blauäugig. Europa müsse sich auf eine härtere Gangart der US-Regierung einstellen. "Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Es geht um alles oder nichts", sagt der Sozialdemokrat. Aus US-Sicht habe Europa spätestens durch ein kürzlich geschlossenes Abkommen mit China, das vorsieht, dass sich das Reich der Mitte in den ersten drei Jahren mit 200 Millionen Euro am Aufbau von Galileo beteiligt "den Rubikon überschritten". Stockmann erwartet "proaktive Schritte" der USA gegen Galileo und befürchtet Klagen der US-Regierung gegen die EU-Ausschreibungen vor der WTO (World Trade Organisation). Stockmann fordert daher, die Aufträge für Galileo formal-rechtlich korrekt weltweit auszuschreiben, die Bedingungen aber so zu formulieren, dass europäische Unternehmen sicher zum Zuge kommen. Dazu müsste die EU auch genau definieren, welche Anteile von Galileo Fragen der nationalen Sicherheit berühren. Solche Projekte seien nach internationalen Regeln ohnehin nicht ausschreibungsfähig. Allerdings wäre dann klar, dass Galileo auch militärisch genutzt wird, was die Verantwortlichen derzeit noch ausschließen. Stockmann hingegen plädiert hier für mehr Offenheit. Entscheidend sei, dass Galileo unter ziviler Kontrolle stehe. Das schließe das Militär als Kunden nicht aus.

So gesehen hat das Votum für Galileo in erster Linie industriepolitische Gründe. Das zähe Ringen zwischen Deutschland und Italien um den Standort von Galileo Industries und das finanzielle Engagement der Regierungen an dem Projekt spricht ebenfalls für diese Annahme. Galileo Industries selbst ist ein Joint Venture, an dem sechs europäische Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen beteiligt sind. Einen Anteil von jeweils 19 Prozent besitzen Alcatel Space (Frankreich), Alenia Spazio (Italien), sowie die zwei zum Raumfahrtkonzern EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) gehörenden Firmen Astrium GmbH (Deutschland) und Astrium Ltd. (Großbritannien). Die übrigen 24 Prozent teilen sich seit Juli dieses Jahres das spanische Konsortium Galileo Systemas y Servicios und die französische Thales-Gruppe.

Gleichwohl ist die Entscheidung für Ottobrunn als Hauptsitz von Galileo Industries eine Weichenstellung zu Gunsten von Deutschland. Zudem sitzen zwei deutsche Manager an den Schaltstellen des Projekts: Zum einen überwacht der ehemalige VIAG-Vorstand Rainer Grohe als Direktor des europäischen Gemeinschaftsunternehmens Galileo sämtliche Ausschreibungen von EU und ESA im Zusammenhang mit dem Navigationssystem. Zum anderen führt der langjährige Chef der Bremer Eurockot Launch Services GmbH Günter Stamerjohanns seit September Galileo Industries, das derzeit einziger Auftragnehmer des Gemeinschaftsunternehmens Galileo ist. Beide Unternehmen residieren demnächst Tür an Tür in Ottobrunn.

Die Beteiligten versichern jedoch, eine automatische Auftragsvergabe an Galileo Industries ohne ordentliche Ausschreibung werde es nicht geben. Der erste Auftrag beziehe sich lediglich auf Bau und Start eines Versuchs-Satelliten. Wie zum Beweis hat die EU Mitte Oktober die Ausschreibung für die Galileo-Betriebskonzession gestartet. Wer Interesse daran hat, ab 2006 für den laufenden Betrieb von Galileo zu sorgen, kann sich unter www.galileoju. com über die Bedingungen der Konzessionsvergabe informieren. Abgabeschluss für Bewerbungen ist der 5. Dezember dieses Jahres, 12.00 Uhr MEZ.




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