„Ein klassisches GIS ist überholt“

31.10.2014 Dr. Wolfgang Martin über die weitereichende Wirkung der Geokodierung.

Was mit dem Schlagwort Location Intelligence zu einer internationalen Formel gefasst wurde, beschreibt eigentlich einen recht simplen Vorgang: die Zuweisung einer raumbezogenen Information zu einem Datensatz. Geokodierung, Georeferenzierung oder auch Geotagging sind weitere Synonyme. Welchen Wert dieser Vorgang für die Wirtschaft besitzt, wird deutlich, wenn man die weit verbreitete These zitiert, dass rund 80 Prozent aller Daten einen Raumbezug haben. Für Unternehmen, Forschung und die öffentliche Hand scheint dieser Grundsatz zum Mantra erhoben worden zu sein. Das ist nicht verwunderlich, bedeuten doch Daten den Weg zu Informationen und folglich den Weg zu Wissen. Mit einer umfassenden Wissensgrundlage lassen sich Entscheidungen treffen, Strategien entwickeln – und nicht zuletzt Kosten sparen. Geographische Daten haben damit großes Aufwertungspotenzial für den Kundenservice und CRM-Systeme.


Dr. Wolfgang Martin ist Datenanalytik- Experte und Gründer der Consulting- Firma Wolfgang Martin Team.
Business Geomatics: Herr Martin, der Vorgang der Geokodierung ist eigentlich ein relativ einfacher ...

Martin: ... und nicht neu.

Neuer ist hingegen die Formel der Location Intelligence (LI). Welche Möglichkeiten bietet diese Form der IT-Intelligenz?

LI ist eine Erweiterung der Business Intelligence (BI). Während es im BI vor allem um die Faktoren Information und Zeit für Geschäftsprozesse geht, kommt durch die LI der Faktor Raum hinzu. Die Geschäftsprozesse werden also tatsächlich in einer zusätzlichen Dimension abgebildet. Die ersten Anwendungen drehten sich darum, schlicht gesagt Unternehmenszahlen auf die Landkarte zu bringen. Das bot dem Auge neue Eindrücke. Doch tatsächlich handelte es sich dabei zunächst lediglich um die Anreicherung und Verbesserung von Vorhandenem.

Inwiefern eröffnen sich durch neue Technologien heutzutage weitere Möglichkeiten?

Die Erkenntnisse aus LI wirken sich nicht nur auf die operative, sondern auch auf die strategische und taktische Unternehmensebene aus. Eine typische Anwendung ist die Standortoptimierung. Die wird vor allem im Bereich Handel eingesetzt. Hier lassen sich mit räumlichen Informationen Fragen klären wie: In welchen Gebieten wohnen meine Kunden? Wie viel Kaufkraft herrscht in diesem oder jenem PLZ-Gebiet? Wo sind die Wettbewerber positioniert? Aber nicht nur die Industrie setzt LI ein. Auch die öffentliche Hand nutzt diese Werkzeuge. Etwa bei der Ermittlung von Standorten für Neubaugebiete. Hier spielt die Anbindung an Infrastruktur ein große Rolle: Welche Straßen führen dorthin? Wo sind Kindergärten und Schulen zu planen? Weitere Branchen, für die der Einsatz von LI von Vorteil ist, sind die Logistik und das Bank- und Versicherungswesen. Bei der Logistik ist das „Wo“ gewissermaßen inhärent, wenn es um die Routenermittlung oder die Disposition geht. Banken können dagegen zum Beispiel klären, wo es Problembezirke im Sinne von Kreditwürdigkeit gibt. Für Versicherungen ist es wichtig zu wissen, wo häufig Diebstähle vorkommen. Das wirkt sich auf die Prämienhöhe bei Hausratsversicherungen aus. Die Grundlage von all diesen Analysen ist die Geokodierung.

Es gibt kommerzielle Software für Geokodierung, die auch immer erschwinglicher wird. Web- und Open-Source-basierte Ansätze erleichtern zunehmend den Zugang zu diesen Tools. Wie beeinflusst das den Markt?

Mit dem Einsatz von Open-Sourcebasierter Software sparen sich die Anwender zwar zunächst einmal die Investitionskosten, die bei einem kommerziellen Programm anfallen würden. Aber Open Source erfordert stets Aufwendungen für Support und Pflege, die nicht geringer ausfallen als bei anderen Produkten. „There is no free lunch“ lautet ein Spruch aus dem Bankwesen, der diesen Umstand ausdrückt. Zwar können Anwender bei Open-Source-Tools des Weiteren auf den Quellcode zugreifen und die Software somit auf ihre Anforderungen anpassen. Doch nach einem neuen Release sind diese Änderungen vielfach nicht mehr kompatibel. Zudem müssen neu-generierte Quellcodes wieder der Community zur Verfügung gestellt werden, was wiederum den Marktvorteil durch die eigenen Softwareanpassungen obsolet macht.

Also haben kostengünstige beziehungsweise freie Tools keine positiven Effekte?

Ihr Vorteil liegt sicherlich in der Verwendung während der Evaluierungsphase. Das heißt, wenn Unternehmen vor der Entscheidung stehen, welches Produkt sie sich letztlich zulegen. Hier kann das Testen der Daten mit einer Open-Source-Software hilfreiche Einblicke über die jeweiligen Anforderungen geben. Außerdem senken solche freien Produkte die Einstiegsgrenze.

Wo sehen Sie die Treiber von LI-Technologien?

Eine Antriebskraft liegt in der Entwicklung von neuen Anwendungen. Nach dem E-Commerce kommt jetzt beispielsweise der M-Commerce. Das meint, die lokale Ortung von potenziellen Kunden durch ihr Smartphone. Betritt ein Kunde etwa ein Einkaufszentrum, so kann der Händler prüfen: Ist das einer meiner Kunden? Wie sieht sein Kaufprofil aus? Entsprechend können dann Angebote etwa via Anzeige in einem sozialen Netzwerk auf sein Smartphone gesendet werden. Kommt der Kunde dann tatsächlich in das Geschäft, so könnte der Verkäufer den Kunden durch die Information aus dem sozialen Netzwerk beispielsweise erkennen und sogar mit Namen begrüßen. In den USA wird so etwas bereits teilweise realisiert.

Welche Rolle spielt das GIS bei der Geokodierung?

Das GIS ist die Basis von all dem. Mit dessen Hilfe ist es möglich, die Koordinaten festzulegen. Allerdings ist ein klassisches GIS für Location Intelligence nicht mehr nötig, vielmehr werden daraus nur bestimmte Komponenten gebraucht, wie das Koordinatensystem für die Verortung.

Was kann LI nicht leisten?

Die Akzeptanz der Kunden. Es geht vor allem um ethische Details. Auf technologischer Basis sind wir durchaus zu „Big Brother“ fähig. Gerade deshalb gehört in jede Marketing- Abteilung eigentlich ein Ethikrat, der für den sorgfältigen und ethischkorrekten Umgang mit Kundendaten sorgt. Um dies sicherzustellen, ist die auch Politik gefordert. Das Problem ist allerdings, dass die technische Entwicklung schnell voranschreitet und der Gesetzgeber dafür meist zu langsam arbeitet. (jl)



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