Disruption in der Fernerkundung

Im Zuge der Partnerschaft von der European Space Agency (ESA) und SAP soll die Kommerzialisierung von Satellitendaten vorangebracht werden. SAP spricht von disruptiven Technologiesprüngen.

Carsten Linz von SAP (links) erklärt, wie Satellitendaten von SAP HANA automatisch verwertet werden können, um etwa den Schaden durch einen Hurricane zu prognostizieren. Bild: SAP

Carsten Linz von SAP (links) erklärt, wie Satellitendaten von SAP HANA automatisch verwertet werden können, um etwa den Schaden durch einen Hurricane zu prognostizieren. Bild: SAP

Die Partnerschaft zwischen ESA und SAP hat ein großes Potenzial: Einerseits liefern gerade die Satelliten aus dem europäischen Copernicus-Programm immer neue Daten über die Erde, andererseits hat SAP mit HANA eine Datenbanktechnologie im Angebot, die auf die Auswertung von „Big Data“, in diesem Fall also hochvoluminöse Satellitendaten, ausgerichtet ist. Die ESA hofft, dass die Satellitendaten besseren Zugang zu den IT-Systemen von Wirtschaft, Industrie und Öffentlicher Verwaltung finden, SAP hofft, dass sie mit dem neuartigen „Datenrohstoff“ die Verbreitung der noch recht jungen und kostenintensiven Hana-Plattform vorantreiben kann. Demnach wurde auf der Veranstaltung am Darmstädter ESOC, zu der beide Firmen im Rahmen des „SAP Digital Leaders Summit“ auch die Presse eingeladen hatten, die weitere Vertiefung der Partnerschaft von SAP und der ESA verkündet. Bei dieser Gelegenheit wurde über die vielen Möglichkeiten berichtet, die entstehen sollen, wenn Satellitendaten sehr schnell und einfach in Geschäftsprozesse integriert werden können. Kurz: Die ESA liefert „Big Data“; SAP macht daraus „Smart Data“, wie es der Walldorfer Technologiekonzern nicht ohne Eigenwerbung auf en Punkt brachte.

Rückfluss deutscher ESA-Gelder

Hintergrund der Kooperation ist der sogenannte geografische Mittelrückfluss („Geographic Return“), also ein Verteilungsschlüssel, nachdem die ESA die Industrieaufträge für Raumfahrtprogramme in den Mitgliedsstaaten steuert. Je mehr ein Mitgliedsstaat bei der ESA beisteuert, desto mehr Aufträge erhalten auch die Unternehmen, wie in diesem Fall die SAP. Deutschland ist schließlich der gewichtigste europäische Einzahler bei der ESA.

Daher hatten SAP und die ESA im Februar eine Absichtserklärung unterzeichnet, in der die Entwicklung neuer Ansätze für die Verarbeitung großer Mengen von Erdbeobachtungsdaten über den Zugang zu Echtzeit-Plattformen vereinbart wurde. Technologische Grundlage dafür soll die SAP HANA Cloud-Platform sein. „Gemeinsam mit SAP möchten wir neue Benutzergruppen erschließen und den Weg für neue satellitenbasierte Anwendungen ebnen”, erklärte Professor Volker Liebig, ehemaliger Leiter des ESA-Erdbeobachtungsprogramms.

Beispiele: Eine konkrete Anwendung (Use Case) liegt bei Versicherungsunternehmen, die die Auswirkungen möglicher Schadensfälle auf ihre Rendite vorhersagen und steuern können. Dazu füttert der Technologiekonzern seine SAP HANA Cloud Platform mit ESA-Erdbeobachtungsdaten, die in Realtime zur Verfügung stehen. Droht laut den Wetterprognosen etwa an der US-Ostküste ein Hurrikan, lassen sich vom Versicherer mit Hilfe des Climate Earth Dashboards – das auf dem SAP Digital Boardroom basiert – verschiedene Szenarien und eine damit einhergehende Bewertung der finanziellen Risiken durchspielen. Als Ergebnis liefert das Dashboard beispielsweise Kennzahlen für die Jahresabschlusszahlen, die sich bei jeweiligen Prognosen für den weiteren Verlauf der Stürme ergeben würden.

Darstellung des prognostizierten Versicherungsschadens bei einem Wirbelsturm. Bild: SAP

Darstellung des prognostizierten Versicherungsschadens bei einem Wirbelsturm. Bild: SAP

Die Partnerschaft schließt auch gemeinsame Gründerinitiativen ein, sprich die Unternehmensgründungen sollen in diesem Bereich forciert werden. In Darmstadt präsentierten ausgewählte Talente pfiffige Geschäftsideen. Dabei trafen die Sieger der ESA-Förderprogramme „App Camps“ und „Copernicus Master“ auf Teams aus dem SAP-HANA-Startup-Focus-Programm, wobei der Agrarsektor besonders im Fokus stand; schließlich liefern gerade die Sentinel- Satelliten wichtige Aussagen über den Zustand von Böden und Pflanzen – und damit wichtige Daten für das sogenannte „Digital Farming“. Dieses Geschäftssegment hat SAP besonders im Auge. Weitere Einsatzgebiete sind Städtebau, Verkehrsplanung oder Katastrophenschutz. SAP-Manager Carsten Linz sprach in Darmstadt von „Myriaden neuer Anwendungen“ und drückte damit aus, wie vielfältig der Nutzen der Satellitendaten in den „weltraumfernen“ Branchen sein kann und wie diese den Trend zur Digitalisierung voranbringen können.

SAP betont dabei auch den disruptiven Charakter dieser Ansätze. Das bedeutet, dass solche IT-technischen Ansätze bisherige Modelle, wie sie in der Fernerkundung bekannt sind, ablösen. SAP spricht diesbezüglich von überkommenen Siloanwendungen, die langsam sind und nur wenig Integration in weitere Geschäftsprozesse bieten. Dagegen geht es für SAP darum, auch weitere Auswertekompetenzen der Daten etwa aus den naturwissenschaftlichen Bereichen Biologie, Geologie, Klimatologie oder der Chemie zu adaptieren, die ihr Wissen unmittelbar im Hana-Kontext anwenden sollen.

Solche Neuerungen steuert SAP über sein „Center for Digital Leadership“, einer Institution, die neben den klassischen Abteilungen für Forschung & Entwicklung zu verorten ist. Innerhalb dieser Organisation sollen Start Ups neue Technologien und Prozesse entwickeln, die dann bei Marktreife von SAP „skaliert“ werden. Für Dr. Carsten Linz, Leiter des Zentrums, sind demnach Smart Data die Goldnuggets des digitalen Zeitalters, die jedoch noch kein Wissen schaffen. Zentral ist dabei der Plattformgedanke von SAP Hana. Als technische Grundlage enthält sie bereits Geschäftslogiken, die aber durch die Start-Ups die notwendige Anwendungsreife gewinnen sollen.

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