Boomzeiten der Geoanalyse

Die Bedeutung von geo-basierten Analysen und Risikobewertungen in der Versicherungswirtschaft nimmt zu. Damit wandeln sich aber auch die Anforderungen an die IT, etwa durch Big Data Anwendungen, erklĂ€rt Andreas Siebert von dem RĂŒckversicherer Munich Re.

Die Versicherungsbranche befindet sich derzeit in einer ihrer grĂ¶ĂŸten Umbruchsphasen, mit starken VerĂ€nderungen in der IT, dem Markt- und Kundenverhalten bei unverĂ€ndertem Kostendruck. Es gilt neue Lösungen zu entwickeln, bestehende Prozesse zu vereinfachen und dabei neue Plattformen und KanĂ€le zu nutzen. Vor allem schwere Erdbeben, Überschwemmungen und StĂŒrme machen den Versicherern dabei zu schaffen. Im Jahr 2016 gab es die höchsten SchĂ€den aus Naturkatastrophen seit vier Jahren. Die Schadenssumme war mit 175 Mrd. US$ fast so hoch wie im Rekordjahr 2012 (180 Mrd. US$). Man erwartet, dass ein ungebremster Klimawandel sich nachhaltig auf wetterbedingte Katastrophen auswirken wird. „NatĂŒrlich lassen sich einzelne Ereignisse nie direkt auf den Klimawandel zurĂŒckfĂŒhren. Jedoch spricht inzwischen viel dafĂŒr, dass der Klimawandel bestimmte Ereignisse wie Unwetter mit Starkregen und Hagel in bestimmten Regionen schon heute wahrscheinlicher macht“, sagte Peter Höppe, Leiter der GeoRisikoForschung von Munich Re kĂŒrzlich.

Dies verĂ€ndert auch die Rolle der Geoinformatik bei Versicherern. Geo-Analysen wurden anfangs schwerpunktmĂ€ĂŸig in der Sachversicherung fĂŒr die Erkennung und Bewertung von Naturgefahren und sogenannten Kumul-Situationen (ein Ereignis löst viele EinzelschĂ€den aus) eingesetzt, um dabei den rĂ€umlich-visuellen Kontext von Risiko-Nachbarschaften rechtzeitig sichtbar zu machen. Karten- und Satellitendaten stĂŒtzen dabei das RisikoverstĂ€ndnis. Da sehr viele Parameter zur Bestimmung des Risikos eine rĂ€umliche Komponente beinhalten, sind kartographische Visualisierungslösungen eine hervorragende ErgĂ€nzung zur klassischen, aktuariellen Bewertung. Business Geomatics sprach mit Andreas Siebert, Leiter Geospatial Solutions, bei Munich Re, mit 12.000 Mitarbeitern einer der fĂŒhrenden RĂŒckversicherer weltweit.

 

Business Geomatics: Herr Siebert, welchen Stellenwert hat die Geoinformatik heute in der Versicherungsbranche?

Andreas Siebert sieht in Big Data-Anwendungen der Geoinformatik einen wichtigen Innovationstreiber in der Assekuranz. Foto: MĂŒnchener RĂŒckversicherungs-Gesellschaft

Andreas Siebert sieht in Big Data-Anwendungen der Geoinformatik einen wichtigen Innovationstreiber in der Assekuranz. Foto: MĂŒnchener RĂŒckversicherungs-Gesellschaft

Andreas Siebert: Ganzheitliches Risikomanagement ohne raumbezogene Informationen, den sogenannten Geodaten, ist heute kaum noch vorstellbar. Dabei ist es gerade erst 20 Jahre her, dass die Erst- und RĂŒckversicherungsbranche den Mehrwert dieser Analysemöglichkeiten aus der Geoinformatik fĂŒr viele Wertschöpfungsbereiche entdeckte. Themen wie „Geospatial Analytics“ oder „Geoanalytics“ erleben in den letzten Jahren einen unglaublichen Boom und sind auch in der Assekuranz weiter im Vormarsch.

Inwiefern kann die Versicherungswirtschaft davon profitieren?

Nachdem sich die Geoanalysen schwerpunktmĂ€ĂŸig in der Sachversicherung fĂŒr die Erkennung und Bewertung von Naturgefahren und Kumul-Situationen etabliert hatten, begann die Branche in einer zweiten Phase, das Auftreten von SchĂ€den zu visualisieren und mit Bestandsdaten abzugleichen. Dadurch haben die Schadenexperten die Möglichkeit, Schadenschwerpunkte, Schadenmuster und AuffĂ€lligkeiten im Portfolio zu erkennen. AussagekrĂ€ftige Informationen fĂŒr die EinschĂ€tzung von VulnerabilitĂ€ten und die kĂŒnftige risikoadĂ€quate Tarifierung können abgeleitet werden. Auch weit verbreitete Service- und Wissens-Plattformen in der Versicherungswirtschaft setzen auf die StĂ€rken von sogenannten Mapping-Lösungen. Zu nennen wĂ€ren hier ZÜRS, ein deutschlandweites Überschwemmungs-Analyse- Tool, das vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) initiiert wurde und ein globales Naturgefahren-Bewertungs-Werkzeug wie NATHAN, das von Munich Re fĂŒr Kunden und Öffentlichkeit entwickelt wurde.

Die Menge an heute verfĂŒgbaren Geodaten explodiert. Was sind neue Entwicklungen und IT-Trends?

Im Zuge von Digitalisierung und Big Data haben sich IT-Technologien entwickelt, die auch wichtige Treiber bei den komplexen und rechenzeit-intensiven Geoanalysen sind. So verwenden moderne Datenbank-Managementsysteme sogenannte In-Memory-Technologien, die den Arbeitsspeicher der Rechner als Datenspeicher nutzen. Zudem bietet das Big-Data-Framework Hadoop eine verbesserte Abarbeitung der Prozesse und skalierbare Rechenleistungen, womit sich selbst Petabyte an Geound Fachdaten in Echtzeit verarbeiten lassen. Auf dieser Infrastruktur können auch Verarbeitungsmethoden wie „machine learning“ oder anderen Algorithmen der kĂŒnstlichen Intelligenz (KI) ihr Analysepotenzial voll entfalten.

Woher stammen die Daten?

Diese technologischen Entwicklungen werden in den letzten Jahren von einer Explosion an neuartigen Geodaten begleitet. So bieten heute globale DatenbestĂ€nde und daraus abgeleitete Informationen aus der Erdbeobachtung immer höhere rĂ€umliche Auflösungen und zeitliche Überdeckungen, die nun ein tĂ€gliches Monitoring von Risiken erlauben. ErwĂ€hnenswert sind die mittlerweile frei verfĂŒgbaren Sentinel-Daten aus der Copernicus-Mission der europĂ€ischen Weltraumagentur ESA, aber auch hochauflösende Drohnen-Aufnahmen, die besonders wirkungsvoll im Schadenmanagement beziehungsweise in der post-event-Analyse herangezogen werden. Mögliche DatenlĂŒcken werden seit Kurzem auch durch ein dichtes Netz sogenannter Klein-Satelliten geschlossen, die hoch agil und kostengĂŒnstig aktuelle Bild-Informationen zur Erde funken.

Und die terrestrische Datenerfassung?

Die Satellitenaufnahme zeigt den gerade entstehenden Hurrikan Alex am 14. Januar 2016. Seit 1851 ist es erst viermal vorgekommen, dass in einem Januar ein Hurrikan im Nordatlantik aufzieht. Foto: flickr (NOAA Satellites) CC0

Die Satellitenaufnahme zeigt den gerade entstehenden Hurrikan Alex am 14. Januar 2016. Seit 1851 ist es erst viermal vorgekommen, dass in einem Januar ein Hurrikan im Nordatlantik aufzieht. Foto: flickr (NOAA Satellites) CC0

Auch hier sehen wir eine regelrechte Datenflut auf die Branche zurollen. So bietet die Telematik die Möglichkeit Verkehrsströme und Fahrverhalten zu analysieren, im TransportgeschĂ€ft Warenströme und Fahrzeugflotten zu ĂŒberwachen, Schiffsbewegungen zu verfolgen und Routenplanungen zu optimieren. Auch Sensorinformationen aus dem Internet der Dinge haben oftmals Positionsinformationen, die fĂŒr kĂŒnftige Betrachtungen genutzt werden können. Deutlich klarer zeichnet sich der Mehrwert beim Einsatz von 3D-Daten ab, wobei die Modellierung in StĂ€dten im Rahmen der Smart Homeund Smart City-Projekte und bei der hochgenauen GebĂ€ude-Analyse durch Building Information Modelling (BIM) oder Indoor Positioning-Methoden, insbesondere fĂŒr das Gewerbe- und IndustriegeschĂ€ft, neue Einblicke gewĂ€hren können. Zudem wird heute die VerfĂŒgbarkeit und der Zugriff auf viele Datenquellen durch Open Data-Initiativen und kostengĂŒnstige Online-Datendienste deutlich erleichtert.

Welche neuen Bereiche tangiert dies bei Versicherungen?

Big Data und Geo-Applikationen hatten ihren Ausgangspunkt eindeutig in der Sachversicherung. VerstÀrkt finden sich Risikomanagement-Analysen heute auch in der Kfz- und Transport-Versicherung wieder. Seit Kurzem sind auch die Lebens- und Gesundheitssparten daran interessiert, die Verbreitung von Krankheitsbildern und rÀumliche Ausbreitungsmuster zu erkennen. Hier wird, vor dem Hintergrund des Datenschutzes, selbstverstÀndlich nur mit aggregierten DatenbestÀnden gearbeitet. Im Vertrieb kann durch die Verwendung von sozioökonomischen Kennziffern auf Marktpotenziale und Marktverhalten geschlossen werden, was wiederum Einfluss auf die Vertriebssteuerung haben kann.

Spielt auch die Einbindung von Echtzeit-Informationen eine Rolle?

Das ist tatsĂ€chlich ein weiterer Trend. Dies erlaubt dem Risikomanager oder Datenanalysten aktuelle Ereignisse wie StĂŒrme und Unwetter, aber auch Man made-Katastrophen zu verfolgen, und die Auswirkungen auf den Versicherungsbestand zeitnah abzuschĂ€tzen. Dieses Verfahren kann auch als FrĂŒhwarnsystem fungieren und somit einen wichtigen Beitrag zu PrĂ€vention und Schadenminderung leisten.

Welche Anforderungen an die Software bringt dies mit?

5.5 Location Intelligence

Acxiom Deutschland GmbH

Acxiom gehört zu den weltweit grĂ¶ĂŸten Datendienstleistern und verfĂŒgt ĂŒber jahrzehntelange Erfahrung im Geo- und Mikromarketing in Deutschland. Wir betreiben in Deutschland eine der grĂ¶ĂŸten Datenbanken mit mikrogeografischen Haushalts- und amtlichen Marktdaten. Die Acxiom-Datenbasis ist das verlĂ€ssliche Fundament in den Bereichen Profilierung und Segmentierung von Zielgruppen, Potenzial- und Standortanalysen, Werbeansprache und Vertriebssteuerung (B2C und B2B).

AZ Direct GmbH

AZ Direct, zugehörig zum Digital Marketing-Bereich der Bertelsmann Printing Group, ist der Partner fĂŒr erfolgreiches data-driven Multi-Channel-Marketing mit Adressen, Daten & Systemen fĂŒr: Direct Mail, E-Mail-Marketing, Social Media-/Display-/Mobile-Advertising, Multi-Channel-Retargeting – auf Basis des umfassenden Audience Targeting Systems AZ DIAS und statistisch-geografischer Analysesysteme.

Fichtner IT Consulting GmbH

Die Gewinnung, Strukturierung und PrĂ€sentation von Informationen – auch im rĂ€umlichen Bezug – sind der SchlĂŒssel fĂŒr effiziente und effektive GeschĂ€ftsprozesse. Wir beraten und implementieren leistungsfĂ€hige IT-Lösungen fĂŒr technische Netze, Anlagen und Infrastruktur. Branchenkenntnis und Prozess-Know-how verbinden wir mit aktuellster Technologiekompetenz und liefern so Lösungen fĂŒr unsere Kunden.

GiS-Akademie

Die GIS-Akademie bietet seit 1999 kundenspezifische Firmenschulungen, Consulting und Projektdienstleistungen in den Bereichen GIS sowie Geomarketing an. Wir vermitteln die Logik kundenspezifischer GIS-Systeme und deren vielfÀltige Anwendungsmöglichkeiten. Wir antizipieren und bewerten neueste GIS-Trends bereits im Entwicklungsstadium um unternehmensspezifische Fachanwendungen zu optimieren als auch zu entwickeln.

infas 360 GmbH

infas 360 schafft mit einer einzigartigen Kombination aus CRM-, Geo-, Markt- und Ad hoc-Daten einen individuellen Datenpool fĂŒr die Lösung spezifischer unternehmerischer Aufgabenstellungen. Diesen analysiert und interpretiert infas 360 mit einem innovativen Disziplinmix aus CRMAnalytics, Geomarketing und Marketing Research. Mit diesem Wissen können Unternehmen alle Fragen ĂŒber MĂ€rkte, Kunden, Zielgruppen und Potenziale (B2B und B2C) beantworten und Strategie wie operatives Handeln optimieren.

IVU Traffic Technologies AG

Seit 1976 entwickelt die IVU Lösungen fĂŒr Logistik und Geoinformatik. Ihr Location-Intelligence-Tool IVU.locate bietet umfangreiche Funktionen zur Zielgruppenanalyse, Tourenplanung sowie Standort-, Gebiets- und Mediaplanung. Zudem ist sie Spezialist fĂŒr Geodateninfrastrukturen, Geoportale und Geo-Government. IVU.workforce unterstĂŒtzt bei der Arbeitsvorbereitung und Einsatzsteuerung im Außendienst.

Nexiga GmbH

Nexiga – Full Service Anbieter fĂŒr innovatives Geomarketing – unterstĂŒtzt Unternehmen erfolgreich in der Planung und Bewertung von Vertriebs- und Versorgungsgebieten, Standorten und Filialen sowie der Segmentierung und Profilierung von Kunden und Zielgruppen. Das vielschichtige Datenportfolio, die intelligente Analysemethodik sowie die passgenauen Software-as-a-Service-Lösungen bieten jedem Unternehmen umfangreiches Wissen fĂŒr differenzierte Marketing- und Vertriebsstrategien.

Pitney Bowes Deutschland GmbH

Pitney Bowes bringt Milliarden von Transaktionen in der GeschĂ€ftswelt in Schwung und unterstĂŒtzt als weltweit agierendes Technologieunternehmen mehr als 1,5 Mio. Kunden in rund 100 LĂ€ndern mit innovativen Produkten und Lösungen in den Bereichen Globaler digitaler Handel, Postbearbeitung und Versand, Location Intelligence, Customer Information Management sowie Customer Engagement.

PTV Group

Die PTV Group bietet Software und Consulting fĂŒr Verkehr, Transportlogistik
und Geomarketing. Ob Transportrouten, Vertriebsstrukturen, Individualverkehr
oder öffentlicher Verkehr – rund 600 Mitarbeiter planen und optimieren
weltweit alles, was Menschen und GĂŒter bewegt. Vorne an: die marktfĂŒhrenden
Produktlinien PTV Map&Guide zur Transportroutenplanung und Vision
Traffic Suite zur Verkehrsplanung.

Ubilabs GmbH

Nutzen Sie die Potenziale interaktiver Karten fĂŒr Ihr Unternehmen – mit Ubilabs, dem Spezialisten fĂŒr Mapping-Technologien. Von der Datenvisualisierung bis zur Optimierung von Logistikprozessen: Wir entwickeln individuelle Kartenanwendungen fĂŒr Unternehmen aller Branchen und bieten als Google Cloud Premier Partner zertifizierte Beratung sowie den Vertrieb von Lizenzen fĂŒr Googles Geo-Produkte.

WIGeoGIS GmbH

WIGeoGIS steht fĂŒr langjĂ€hriges Knowhow bei Geomarketing-Analysen und innovative WebGIS-Software. Wir bieten online eine weltweite Geokodierung sowie prĂ€zise Geodaten und aktuelle Marktdaten.
Wir wissen, rÀumliche Analysen schaffen Fakten und neue Perspektiven. Mehr als 400 Unternehmen vertrauen der WIGeoGIS und ihren Geomarketing-Produkten.

Bei allen vorgestellten Lösungen ist es sehr wichtig, intuitive und einfach zu bedienende, maßgeschneiderte Lösungen fĂŒr die Versicherungsexperten anzubieten. Oftmals werden die FunktionalitĂ€ten in bereits bestehende IT-Infrastrukturen integriert oder ĂŒber web-basierte Anwendungen zugĂ€nglich gemacht. Letztere bewĂ€hren sich gerade in Zeiten, in denen nach Alternativen und neuen Produkten gesucht wird, da kurzfristig und kostengĂŒnstig neue „use cases“ getestet und diskutiert werden können.

Ein Ausblick: Wie wirken sich Geoanalysen auf Innovationen aus?

Dies muss man vor allem im Kontext mit Spatial Big Data sehen, da hierdurch nicht nur wertvolle neue Einblicke in vorhandene VersicherungsbestĂ€nde, sondern auch das Marktverhalten und KundenbedĂŒrfnisse erkennbar werden. Geobasierte Informationen sind fĂŒr diese Entwicklungen ein wichtiger und zentraler „Treibstoff“. Geoanalysen sind dafĂŒr prĂ€destiniert, Informationen und Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzufĂŒhren. Die Wertschöpfung der Branche erfolgt kĂŒnftig auch an den Schnittstellen unterschiedlicher Disziplinen. Bei aller berechtigten Euphorie sollte aber immer eine gute Balance zwischen den neuen technischen Möglichkeiten und dem Erfahrungsschatz der Risikoexperten erhalten bleiben.

www.munichre.com