Game Changer für Geomarketing

Mit Route360° hat das Potsdamer Unternehmen Motion Intelligence eine Plattform geschaffen, die Wirtschaftsgeographie auf eine neue technologische Ebene bringt. Netzwerkorientierte Geoanalysen sind unmittelbar per Browser verfügbar.

Welcher ist der schnellste Weg von A nach B? Als diese Frage erstmals mit Hilfe der Verfahren zur automatischen Routenplanung beantwortet werden konnte, fiel der Startschuss für den Markt für Navigation und den daraus abgeleiteten Themenfeldern, wozu vor allem das Thema Geomarketing mit seinen wirtschaftsbezogenen Anwendungen gehört. Plötzlich konnten Unternehmen Analysen etwa zu ihrem Filialnetz durchführen, die bis dahin noch nicht möglich waren. Heute bilden Navigation und Geomarkting in der Summe einen Multimilliarden-Markt. Navigation und Routenplanung gehören zur Commodity, also zu jenen Gebrauchsfunktionen, die längst überall vorhanden sind. Kaum ein Unternehmen in Handel, Versicherungen oder Logistik kommt heute ohne sie aus.

Ist die Geschichte damit zu Ende erzählt? Ein klares Nein kommt aus Potsdam von der Firma Motion Intelligence (MI). Das 2013 gegründete Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, die einige klassische Funktionen des Geomarketings auf eine völlig neue Basis stellt und damit die Bezeichnung als Game Changer verdient, der Teile des Marktes stark verändern könnte. Das Instrument hierfür ist die Plattform Route360°, die vom MI entwickelt wurde. Sie ermöglicht es, über einen Internet-Service (SaaS) eine multidimensionale, netzwerkorientierte Routingabfrage durchzuführen. Entscheidend ist, dass dabei nicht Start- und Zielpunkt eingegeben werden müssen, sondern diese unbestimmt bleiben können. Route360° ermittelt also zum Beispiel nicht nur binnen Sekunden die Isochrone eines vorgegebenen Filialstandortes, also die Grenze von Orten, die von dort aus in derselben Zeit zu erreichbar sind, sondern kann umgekehrt berechnen, wo im fraglichen Gebiet der Standort liegt, den die meisten Kunden innerhalb von 30 Minuten mit beliebigen Verkehrsmittel erreichen können. „Das Ergebnis kommt zustande, indem die Plattform sämtliche potenzielle Standorte erfasst und basierend darauf statistische Vergleichswerte errechnet“, sagt Geschäftsführer Henning Hollburg. Bei Route360° erhält der Nutzer die Antworten zudem binnen Sekunden und kann die Parameter seiner Abfrage somit beliebig verändern und bekommt sogleich neue Ergebnisse.

Beispielanwendung für Berechnung der zeitlichen Entfernung eines Standortes. Route360 nutzt dafür eine neuartige Routing- Methode. Foto: Motion Intelligence GmbH

Beispielanwendung für Berechnung der zeitlichen Entfernung eines Standortes. Route360 nutzt dafür eine neuartige Routing- Methode. Foto: Motion Intelligence GmbH

Neue Algorithmen und Prozesse

Wie also funktioniert diese Technologie? Route360° basiert auf einem Algorithmus, der hinsichtlich des sogenannten a-to-n-Routing optimiert wurde. Er eignet sich daher besonders für Fragestellungen, bei denen keine konkreten Zielorte definiert sind. Aufgrund einer ausgetüftelten Ausarbeitung der einzelnen Prozesse besitzt Route360° zudem die Fähigkeit, die dafür notwendigen Rechenschritte zu parallelisieren und so die benötigte Rechenleistung quasi beliebig skalieren zu können. Dadurch liegen die Rechenergebnisse nahezu in Echtzeit vor.

Das Team mit derzeit rund zehn Mitarbeitern kann bereits ein buntes und internationales Kundenspektrum vorweisen. Es reicht von skandinavischen Verkehrsunternehmen über deutsche Behörden bis hin zu internationalen Handelsgesellschaften.

Die Kunden profitieren laut MI alle davon, dass Analysen, die auf geografischen „One-to-many“- oder „Many-to-many“-Beziehungen basieren, mit Route360° schnell und intuitiv durchgeführt werden können. Eine weitere Besonderheit dieser Methode liegt auch darin, dass die aus der GIS-Welt bekannte Analyse über Isochronen umgangen wird. Die Ergebnisse stammen vielmehr aus Unmengen an Punkt-zu- Punkt Analysen. „Dies spart nicht nur Zeit, sondern bringt auch den Vorteil, dass die Analysequalität von Fachdaten deutlich gesteigert wird, da eine Isochrone letztlich eine mehr oder weniger starke Vereinfachung der Realität darstellt“, beschreibt Hollburg. Konkret bedeutet das auch, dass etwa Fragenkomplexe aus Verkehrsgeographie, Wirtschaftsgeographie oder Soziographie innerhalb einer Analyse behandelt werden können. Bei klassischen GIS-Analysen mit Layer-orientierten Verschneidungen (spatial intersection) ist dies zwar ebenfalls möglich, es beansprucht jedoch sehr viel mehr Zeit bei wesentlich geringerer Ergebnisqualität.

Die Route360°-Analyse macht es somit möglich, dass Routing- orientierte Analysen mit beliebigen statistischen Geodaten verknüpft werden können. Das heißt auch, dass völlig neue Fragestellungen plötzlich praktikabel zu beantworten sind. Zum Beispiel jene nach dem Ort in Deutschland, den die meisten Leute, die zwischen 30 und 39 Jahren alt sind, innerhalb von 15 Minuten erreichen können? Oder welcher Standort einer Filiale den größten Einzugskreis für eine halbstündige Erreichbarkeit einer bestimmten Konsumgruppe hat?

Die entsprechenden Daten kommen aus verschiedenen Quellen. Zum einen greift MI auf offene Daten zurück, die bereits in der Plattform integriert sind. Spezielle Methoden für das Datenmanagement sorgen zum anderen dafür, dass sowohl beliebige externe Marktdaten als auch Daten aus den Systemen der Kunden für Route360° nutzbar gemacht werden können. MI übernimmt dafür bei den Kundenprojekten die Rolle des Datenintegrators. Der Verfeinerung der Analysen sind durch diese Möglichkeit, beliebige Daten auf der Plattform einzustellen, keine Grenzen gesetzt. „Aufgrund unserer Flexibilität in Bezug auf die Daten können also beliebige Fragestellungen beziehungsweise Business Cases einfach auf der Plattform eingestellt werden“, beschreibt Hollburg. Kunden müssen die Daten nicht in eine Cloud abgeben. „Für Route360° ist es prinzipiell gleich, wo die Daten liegen, die Daten können daher auch im IT-administrativen Hoheitsgebiet der Auftraggeber belassen werden“, beschreibt der Geschäftsführer.

www.route360.net

 

Beispielanwendungen

Eine wichtige Referenz für Route360° ist die deutsche Fachmarktkette Getränke Hoffmann, die ihr Netz mit derzeit über 300 Filialen analysiert und den weiteren Ausbau plant. Für diese Anwendung hat MI beispielsweise demographische Daten (Zensus) einbezogen. So kann man klassische Erreichbarkeitsanalysen von Standorten mit demografischen Daten verbinden. „Dies erfolgt sehr flüssig und intuitiv, so dass das Unternehmen unmittelbar die Auswirkungen verschiedener Planungsszenarien erkennen kann“, beschreibt Hollburg.

Vor allem ist es die Geschwindigkeit der Analyse, die die Plattform für Anwender so wertvoll macht. Durch einen einfachen Rechtsklick auf einen beliebigen Punkt der Karte kann beispielsweise ein neuer Filialstandort hinzugefügt werden, wobei sofort simuliert werden kann, wie sich dies auf das gesamte Filialnetz auswirkt.

Als zentraler Einstieg in die Anwendungen dient jeweils eine interaktive Karte, auf der Filialstandorte, weitere Marktdaten (komplementäre und konkurrierende Gewerbe) und demographische Daten angezeigt werden. Die Visualisierung kann individuell angepasst werden.

Vergleichbare Anwendungen wurden in Zusammenarbeit mit der englischen Beratungsfirma Oxford Retail Consultants, dem Osloer Verkehrsunternehmen Ruter oder Auftraggebern im Gesundheitsbereich entwickelt. Auf der Webseite von Motion Intelligence (https://www.route360. net/) finden sich ausführlichere Beschreibungen und Beispielsanwendungen.

Andere Anwendungen wie beispielsweise die auf Route360° basierende Applikation Propmatch (https://propmatch. ch/) aus der Immobilien-Branche haben andersartige Informationen integriert. Dort sind beispielsweise Profile von schweizerischen Immobilienentwicklern hinterlegt. So können Banken nicht nur eine geografische Standortanalyse von möglichen Objektplanungen durchführen, sondern auch erfahren, zu welchem Projekt welcher Immobilienpartner am besten geeignet ist.

Die Plattform Naturtrip (https://www.naturtrip.org/) ermöglicht es auf Grundlage von Route360° touristische Ziele zu entdecken, die schnell mit dem ÖPNV erreicht werden können.