Mehr als nur Verkehrssicherung

Der städtische Baumbestand wird dokumentiert und regelmäßig kontrolliert, um der Verkehrssicherungspflicht zu genügen. Aktuell zeichnet sich der Trend zur Digitalisierung des Baumkatasters ab.

Worst Case für Kommunen: Bei Verletzung der Verkehrssicherungspflicht drohen hohe Folgekosten oder Rechtstreits. Der Klimawandel verschärft die Situation. Foto: Tuxyso / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Worst Case für Kommunen: Bei Verletzung der Verkehrssicherungspflicht drohen hohe Folgekosten oder Rechtstreits. Der Klimawandel verschärft die Situation. Foto: Tuxyso / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Spechtlöcher sind ein schlechtes Zeichen für den Gesundheitszustand von Bäumen. Entdeckt ein Baumkontrolleur sie an Bäumen an Straßen, Spielplätzen oder öffentlichen Plätzen, sieht es in der Regel schlecht aus für die Zukunft der Bäume. Im schlimmsten Falle droht das Fällen, denn man muss mit vermehrtem Totholz rechnen und das schadet der Verkehrssicherheit. Falls herabstürzende Äste Schäden anrichten, muss die Kommune mit Klagen rechnen. Baumkontrolle und Baumpflege bilden einen Themenkreis, der für die kommunale Verwaltung in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist. Bäume verbessern zwar das Stadtklima und den Lebensraum, verursachen durch die notwendigen Kontroll- und Pflegearbeiten aber auch erhebliche Kosten. Vor allem sind die fachlichen Anforderungen an die Baumkontrolle gestiegen. War früher eine laienhafte Sichtprüfung üblich, so sind heute spezielle Ausbildungen, Richtlinien und Zertifikate für Baumkontrolleure notwendig. Kommunen qualifizieren ihre Mitarbeiter entsprechend oder vergeben die Aufgaben an spezialisierte Drittunternehmen. Im Zuge der Professionalisierung des Aufgabenbereichs ist der Einsatz von Softwarelösungen für das Baumkataster notwendig geworden.

Dies bildet die Grundlage für eine effiziente Umsetzung der Verkehrssicherungspflichten und anderer Aufgaben rund um die Stadtbäume. Auch politisch rückt das Thema immer weiter nach oben auf die Agenda. „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft“ ist der Titel des Grünbuchs Stadtgrün des Bundesministeriums für Umwelt und Naturschutz. Kommunen und Großstädte sind aufgefordert, mehr Grünflächen zu etablieren und die bestehende Stadtflora zu schützen und zu pflegen. Denn Grünflächen und ausreichend Bäume machen eine Stadt lebendig, verbessern die Luftqualität und machen den Standort attraktiv für Investoren und Einwohner.

Verkehrssicherung nach wie vor wichtigstes Thema

Vor allem aber treibt das Thema Verkehrssicherungspflicht die Kommunen um. Wird ein Verkehrsteilnehmer verletzt oder entsteht ein Sachschaden, haftet der Eigentümer, oder – bei öffentlichen Straßen oder Parks – die zuständigen Träger, falls der Schaden durch entsprechende Baumpflege hätte vermieden werden können. Um diese Vorschriften möglichst effizient umsetzen zu können, haben viele Kommunen ein spezielles, digitales Baumkataster aufgebaut.

Vorteil solcher Softwarelösungen ist vor allem die systematische Speicherung aller Daten. So kann die Historie von Baumkontrolle und Pflegemaßnahmen einfach nachvollzogen werden, was Revisionssicherheit und lückenlose Nachweise bei rechtlichen Streitigkeiten gewährleistet. Die Dokumentation des Baumbestandes kann für alle Mitarbeiter, externe Partner und Bürger zugänglich gemacht und als Arbeitsgrundlage genutzt werden. Ein weiterer Vorteil eines flächendeckenden Baumkatasters ist die verbesserte Risikoeinschätzung im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht.

Außerdem bietet ein Baumkataster ein Instrumentarium, um herauszufiltern, welche Baumarten sich am besten im Stadtgebiet bewähren. Die Lebensbedingungen haben sich nämlich in den letzten Jahren stark geändert, so dass bisherige Arten nicht mehr die besten Voraussetzungen mitbringen. Im Zuge des Klimawandels müssen Gehölze zum Beispiel Temperaturen von minus 30 Grad Celsius im Winter bis plus 40 Grad Celsius im Sommer aushalten. Das Forschungsprojekt „Stadtgrün 2021“ hatte diesbezüglich im Jahr 2016 erstmals bahnbrechende Erkenntnisse systematisch zusammengefasst und herausgestellt, dass bisherige Baumsorten bei den aktuellen Umweltbedingungen Schwierigkeiten bekommen – vor allem ausgelöst durch sogenannte abiotische Schäden (Hitze, Starkregen, Starkwinde etc.) sowie die stärkere Verbreitung neu eingewanderter Schädlinge.

So macht zum Beispiel die seit Sommer 2003 im Zuge der Hitzewelle vermehrt auftretende Massaria-Krankheit den Platanen zu schaffen. Die Pilzkrankheit sorgt für eine schnelle Bildung von Totholz, auch bei stärkeren Ästen. Der Befall ist nur schwer zu erkennen und erfordert viel Fachwissen bei der Kontrolle. Da Platanen oft am Straßenrand stehen, entstehen hier besondere Herausforderungen im Zuge der Verkehrssicherungspflicht.

Marktangebot

Identifikation von Bäumen aus 3D-Punktwolken. Kommunen können so auch flächenhafte Bestände und Grünflächen automatisch erfassen und klassifizieren. Hier ein Beispiel der Stadt Koblenz. Foto: pointcloudtechnology (Eckdaten bereitgestellt von der Vermessungs- und Katasterverwaltung Rheinland-Pfalz)

Identifikation von Bäumen aus 3D-Punktwolken. Kommunen können so auch flächenhafte Bestände und Grünflächen automatisch erfassen und klassifizieren. Hier ein Beispiel der Stadt Koblenz. Foto: pointcloudtechnology (Eckdaten bereitgestellt von der Vermessungs- und Katasterverwaltung Rheinland-Pfalz)

Folglich hat der Einsatz von Softwarelösungen gerade in den letzten Jahren einen gehörigen Schub erfahren. „Analoge Verfahren und Excel-basierte Lösungen geraten im Zuge der massiv gestiegenen Anforderungen schnell an ihre Grenzen und sind einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagt Dr. Joachim Bauer von der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK). Insbesondere die politische Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema sei in den letzten Jahren stark angestiegen, so der Arbeitskreisleiter Stadtbäume bei GALK. So weite sich die fachliche Betrachtung von Baumschäden zum Beispiel auch stark auf das unmittelbare Umfeld der Bäume aus. Durch bauliche Tätigkeiten an Leitungsnetzen oder zusätzliche Versiegelungen können Bäume beispielsweise unter Stress geraten, was bei der Untersuchung und Analyse von Schäden sehr wichtig sein kann. „Eine digitale Dokumentation versammelt alle fachlichen Informationen an einem Ort und macht die Untersuchung erheblich einfacher und effizienter“, so Bauer.

Kommunen finden mittlerweile auf dem Markt unterschiedlichste Technologien, Hardware- und Softwareprodukte, um ein Baumkataster zu erstellen und auch zu pflegen. Die einfachste und wahrscheinlich günstigste Methode ist, die Baumdaten analog – also im Feld – zu erfassen und in eine digitale Tabelle zu übertragen. Und in der Tat ist diese Methode nicht nur in kleineren Kommunen, sondern auch in größeren Städten noch üblich.

Moderne Baumkataster nutzen die kartenbasierte Dokumentation für die eindeutige Identifizierung und machen so die bekannten Baumplaketten theoretisch überflüssig – sofern alle Fachbeteiligten den jeweiligen Baum anhand der digitalen, kartographischen Beschreibung ausmachen können. Die Lokalisierung des Baumes kann per GPS geschehen, oder dem Baum wird kartengestützt per Hand ein Standort zugewiesen. GIS-unterstützte Programme für Baumkataster zeichnen in der Regel mittels hochwertiger GPS-Empfänger den Standort auf, der unmittelbar in die bereitzustellenden georeferenzierten digitalen Kartenwerke eingetragen wird. Die geforderten Genauigkeiten sind nicht so hoch, als das man GPS zwingend benötigt, aber die Positionsbestimmung „auf Knopfdruck“ kann, unterstützt durch eine Korrektur per Luftbild, sehr zweckdienlich sein.

Wer also zumindest den Erfassungsaufwand etwas reduzieren möchte, greift auf Handhelds, wie Tablets oder Outdoor-PCs mit GPS zurück, und kann so auch direkt Bilddaten aufnehmen und hinzufügen. Auch zur manuellen Erfassung gibt es Alternativen, die sich je nach Größe des Baumbestands am Ende auch mit Blick auf die Gesamtkosten lohnen können.

So lassen sich die städtischen Baumbestände beziehungsweise Grünflächen generell anhand von Befliegungsdaten, wie hochwertiger Luftaufnahmen, bestimmen. Dabei werden die Luftbilder mithilfe spezieller Software in Punktwolken umgerechnet und die einzelnen Bäume automatisch erkannt und entsprechend markiert. Zudem lassen sich mit dieser Methode auch die Baumgattung und – in einem ersten Ansatz –der Baumzustand bestimmen.

Praxis nutzt Möglichkeiten oft nicht aus

Baumplaketten werden auch im Zeitalter von Digitalen Katastern noch genutzt, wenngleich mobile Endgeräte die Identifikation erleichtern. Foto: Ludwig Sebastian Micheler

Baumplaketten werden auch im Zeitalter von Digitalen Katastern noch genutzt, wenngleich mobile Endgeräte die Identifikation erleichtern. Foto: Ludwig Sebastian Micheler

Häufig wurden in der Vergangenheit jedoch die Funktionsbereiche Dokumentation/Erfassung einerseits und Planung/operative Steuerung andererseits getrennt. Das Einmessen der Bäume wurde zwar durch Vermessungsbüros oder andere geodätisch ausgebildete Außendienstmitarbeiter im Tagesgeschäft erledigt. Die Baumkontrolle und die darauf aufbauende Planung und Vergabe der Baumpflege wurde dann aber oft noch händisch erledigt. Im letzteren Leistungsbereich verbergen sich viele Vorteile solcher Systeme, die sich ganz konkret in Kosteneinsparpotenzialen niederschlagen können.

Dabei ist der Kostendruck hoch. Mittelgroße Städte können 30.000 Bäume zählen, die die Verkehrssicherheit betreffen und regelmäßig kontrolliert werden müssen. Köln zählt rund 70.000 Bäume, die im Umfeld von Straßen, Wegen, Plätzen, in Grünanlagen, auf Friedhöfen, an Kindertagesstätten und Schulen stehen. Hamburg als besonders grüne Stadt pflegt sogar 248.000 Bäume im Baumkataster. Im Vergleich zu den Kosten für Bepflanzung, Kontrolle und Pflege ist die Einführung einer IT-Lösung günstig. Experten gehen davon aus, dass sich die Anschaffungskosten in kurzer Zeit wieder amortisieren – vorausgesetzt, man nutzt alle Potenziale der eingeführten Systeme.

Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen zur Marktdurchdringung von Baumkatastern, doch gerade mittelgroße Kommunen haben inzwischen die verwaltungstechnischen Vorteile erkannt. Vor allem die Revisionssicherheit bei Streitfällen und die Effizienzsteigerungen etwa bei der Beauftragung von Dritten für die Baumpflege waren dafür entscheidende Argumente. Den Dienstleistern können so baum- und maßnahmengenaue Pläne zur Verfügung gestellt werden – anstelle großflächiger Pauschalplanungen, die meist ein größeres Auftragsvolumen haben und viele Arbeiten beinhalten, die nicht notwendig sind.

Größere und finanzstarke Kommunen haben diese Vorteile oft erst später entdeckt. Die Stadt München befindet sich beispielsweise gerade im Ausschreibeprozess. Die Stadt Köln will ihre in Eigenregie entwickelte Lösung durch ein Standardprogramm ablösen. Andere Städte wie Frankfurt a. M., Europas Stadt der Bäume 2014, setzen seit 2011 auf die digitale Erfassung von Baumdaten und haben ihr Baumkataster seit 2014 sogar online zur Verfügung gestellt. Viele Kommunen haben zwar entsprechende Systeme, nutzen diese aber nur rudimentär.

Dabei wächst der Funktionsumfang ständig, auch webbasierte Systeme kommen seit einigen Jahren vermehrt zum Einsatz. Diese bieten bereits erweiterte Auskunftsmöglichkeiten und Dienstleister können ihre Tätigkeiten vor Ort per mobilem Gerät direkt dokumentieren. Solche Prozesse laufen unter dem Schlagwort der Digitalisierung und zeigen ganz konkrete Nutzungsvorteile.

So werden zum Beispiel die Kontrollen externer Arbeiten durch den Auftraggeber sowie deren Dokumentation vereinfacht. Ebenso lassen sich im Zuge einer zentralen Disposition optimierte Pläne für die Kontroll- und Pflegearbeiten erstellen.

Erweiterter Ansatz bei modernen Systemen

Das Marktangebot unterscheidet sich grob in zwei Richtungen. Einmal gibt es GIS-basierte Produkte, deren Funktionalität in Bezug auf Visualisierung und raumbezogene Abfragen sehr hoch ist. Sie verknüpfen Sachdatenbank und GIS und profitieren davon, dass GIS mit entsprechenden Fachanwendungen schon seit Jahrzehnten in Kommunen etabliert sind.

Daneben gibt es Baumkataster-Anwendungen, die von Beginn an für die Prozesse rund um die Baumkontrolle und – pflege herum entstanden sind und digitalen Karten als zusätzlichen Bestandteil integriert haben. Sie übernehmen zwar Daten aus dem GIS, benötigen aber keine zusätzliche GIS-Software. In den letzten Jahren haben sich die Funktionalitäten aber angenähert, so dass heute die funktionale Unterscheidbarkeit kleiner geworden ist.

Moderne Systeme bieten auch Anleitungen zur nachhaltigen Pflege von Jungbäumen, die zwar aus Sicht der Verkehrssicherung irrelevant sind, deren Aufwachsen aber unter den schwierigen Lebensbedingungen in der Stadt mehr Aufmerksamkeit als bisher benötigt. Baumkataster unterstützen auch die Wertermittlung bei Bäumen, die sich in der Doppik niederschlägt. Ebenso existieren interessante Webanwendungen, die beispielsweise spezifisch die Dokumentation der Baumpfleger vor Ort unterstützen. Zudem unterstützen die Systeme die Verwaltung von Baumpatenschaften und Initiativen zur privaten Pflanzung von Bäumen mit vielfältigen Funktionen. In Hamburg beispielsweise wird in einer Web-Karte der Standort von Bäumen inklusive einem Steckbrief gezeigt, der neben den Fachinformationen auch Spendenstand und Anzahl der Spender zeigt.

 

Fachliche Anforderungen steigen

Ein weiterer Markttreiber für den Einsatz von Baumkatastern sind die gestiegenen fachlichen Anforderungen rund um Kontrolle und Pflege. Die möglichen Ansätze einer qualifizierten Baumkontrolle werden seit langen Jahren intensiv diskutiert. Inzwischen gehören Baumkontrollrichtlinien der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung (FLL) zum Standard in der Branche und werden auch von Gerichten als fachlicher Maßstab für die Beurteilung der Verkehrssicherungspflicht anerkannt. Die FLL-Richtlinien kamen erstmals 2004 heraus und wurden 2010 erneuert. Derzeit ist die neuste Fassung in Arbeit.

In den FLL-konformen Kontrollen werden die Bäume mittels GPS-Daten erfasst und EDV-technisch verwaltet. Die Begutachtung ist umfassend (etwa Insektenbefall, Astungswunden, morsche Stellen, Risse etc.).

Die FLL hat dafür gesorgt, dass die in der Vergangenheit teilweise intensiven Diskussionen um den Detaillierungsgrad der Baumkontrolle abgeebbt sind. Des Weiteren gibt es noch die VTA (Visual-Tree-Assessment), die zwar nach Erscheinen vor rund 15 Jahren wissenschaftlich auch kritisiert wurde, inzwischen aber in der akademischen Welt und ebenfalls rechtlich anerkannt ist. Die marktführenden Systeme unterstützen diese Richtlinien weitestgehend, aber gleichzeitig haben die Kommunen noch viel Spielraum bei der Planung der Kontrolle. So hat auch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zuletzt immer wieder bekräftigt, dass die Häufigkeit der Baumkontrollen nicht vorgeschrieben werden kann und abhängig vom Alter und Zustand des Baumes sowie dessen Standort ist.

Ein systematisches Planungstool gilt daher als Voraussetzung für eine effiziente Planung der Baumkontrolle und -dokumentation. Das betrifft auch die in der Praxis weit verbreitete Form der vereinfachten Dokumentation, die sogenannte Negativkontrolle. Mit ihr werden nur Bäume erfasst, bei denen eine Maßnahme erforderlich ist, um die Verkehrssicherheit zu erhalten. Als wichtigste Maßnahme gilt die qualifizierte Inaugenscheinnahme in angemessenen Abständen.