Interview: Kein aktueller Trend ohne 3D-Daten

Trimble ist eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich Geodäsie und GIS und traditionell einer der Intergeo-Aussteller mit der größten Standfläche. Das Unternehmen setzte im zweiten Quartal 2017 661,9 Millionen US-Dollar um, was eine Steigerung von neun Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 2016 bedeutet. Business Geomatics sprach mit Ron Bisio, Vice President bei Trimble Geospatial, über aktuelle Marktentwicklungen.

Business Geomatics: Betrachten Sie die INTERGEO als regionale oder als globale Veranstaltung?

Ron Bisio: Ich sehe die INTERGEO als regionale ebenso wie als globale Veranstaltung. Im deutschsprachigen Raum ist sie natürlich die wichtigste Veranstaltung für uns, bei der wir mit unseren deutschen Partnern und Kunden direkt in Kontakt kommen. Aber die Messe ist auch ein globales Ereignis, wo wir wichtige Produkte vorstellen und auf diese Weise unsere umfassende Botschaft vom Wandel vermitteln: vom tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt, an dem wir mitwirken. Viele unserer Vertriebshändler aus der ganzen Welt wollen zur INTERGEO kommen, und dies gibt uns Gelegenheit, auch unsere Kunden aus China, Lateinamerika und anderen Regionen zu treffen.

In Deutschland gibt es eine langjährige, auch wissenschaftlich geprägte Vermessungstradition. Wie schätzen Sie den Markt im weltweiten Vergleich ein?

Im historischen Verlauf hat Deutschland für die vermessungstechnische Praxis höchste Maßstäbe gesetzt. Am Markt der Vermessungsbranche befindet sich Deutschland heute zweifellos im oberen Segment, denn hier arbeiten einige der weltweit erfahrensten und fortgeschrittensten Anwender mit höchsten Genauigkeitsansprüchen – der perfekte Ort für uns, um unsere hochgenauen Lösungen zu präsentieren und einzuführen.

Zunehmend gibt es auch Low-cost-Vermessungsgeräte, iPhone oder Tablet mit GPS werden immer wieder genannt. Wie bringt sich Trimble als Unternehmen ein, das wie alle branchenbekannten Hersteller traditionell aus dem High-end- Segment stammt?

Ron Bisio sieht in dem branchenübergreifenden IT-Trend zur Nutzung von 3D-Daten einen wichtigen Treiber für geodätische Anwendungen. Foto: Trimble

Ron Bisio sieht in dem branchenübergreifenden IT-Trend zur Nutzung von 3D-Daten einen wichtigen Treiber für geodätische Anwendungen. Foto: Trimble

Professionelle Vermessungsingenieure müssen Verfahren zur Hand haben, die ihnen Flexibilität ermöglichen und Kontrollmöglichkeiten bieten, sodass sie ihre Arbeit effizient erledigen können. Über die eigentliche Vermessungsbranche hinaus existiert jedoch auch ein breiterer Markt für verschiedenste Anwendungsfelder, deren Genauigkeitsansprüche ebenfalls wachsen. Was Trimble von den Geräteherstellern des Massenmarkts unterscheidet, ist, dass wir das gesamte Spektrum abdecken, und zwar einschließlich Vertriebspartnern, Korrekturdiensten, Cloud-Lösungen und Software. Für Vermessungsingenieure bieten wir nicht nur erstrangige Ausrüstungen wie unser integriertes GNSS-System R10 mit der Trimble Access Feldsoftware, sondern wir bedienen auch den breiten Massenmarkt mit mechanischen Totalstationen und Lösungen wie Trimble Catalyst, unseren softwaredefinierten GNSS-Empfänger für Android-Geräte.

Mit welcher Kostenentwicklung können Anwender für die Realisierung höchster Genauigkeit im Bereich GNSS rechnen?

Vom softwaredefinierten GNSS-Empfänger Trimble Catalyst bis zum integrierten System R10 können sich die Kunden für das Genauigkeitsniveau entscheiden, das ihren Anforderungen und ihren Preisvorstellungen entspricht – einschließlich aller Komponenten, die für die Funktionsfähigkeit des Systems unerlässlich sind.

Zunehmend ist in der Vermessung der Trend zur Vertikalisierung von Lösungen erkennbar, also die Anpassung von ready-to-use-Produkten für spezielle Anwendungsgebiete. Wie reagiert Trimble auf diesen Trend?

Wir sind sehr stark auf vertikale Märkte ausgerichtet. Beispielsweise haben wir jeweils eigene Geschäftsbereiche für Vermessung und Scanning in der Forensik und der Eisenbahnsparte, oder auch für die seismische Vermessung. Mit unseren Produkten versuchen wir dann, spezielle Geschäftszweige aufzubauen, die auch bereichsspezifische Software sowie entsprechenden Service und Support umfassen – kurz: all die Dinge, die diesen vertikalen Markt ansprechen und hierfür eine Gesamtlösung bieten.

Die IT-Welt diskutiert über das Thema Big Data. Wie wird die Vermessung davon beeinflusst?

Vermessung ist eine Möglichkeit zur Erfassung hochgenauer Daten, die sich dann mit Massendaten aus mobilen Kartierungssystemen, Unbemannten Fluggeräten (UAVs) oder anderen Datenerfassungsgeräten zusammenführen lassen. Aus dieser Kombination erwächst das, was als Big Data bezeichnet wird und Kunden in die Lage versetzt, bessere und sachgerechtere Entscheidungen zu treffen. Aber Big Data ist nur eine begriffliche Hülle, eine Art der Beschreibung für die Zusammenführung und Verdichtung von Daten, die genutzt werden, um fundierte Entscheidungen zu fällen. Für manche Entscheidungen sind Vermessungsdaten unerlässlich — sicherlich würden Sie keine Entscheidungen über Grundstücksgrenzen treffen, ohne über zutreffende und hinreichend genaue Informationen darüber zu verfügen. Vermessung spielt eine Rolle beim Zusammentragen großer Datenmengen, denn ohne die Vermessung würde es bei den von uns erwarteten Antworten an Genauigkeit mangeln. Andererseits müssen sich die Datenformate der Vermessung auch für die Massendatenanalyse eignen. Für Orte, an denen Massendaten erfasst werden müssen, haben wir mobile Kartierungssysteme und UAVs. Für Orte, die eher nach Genauigkeit verlangen, ist eine präzise Vermessung die geeignete Lösung. Big Data wird auch von dem Bedürfnis nach „guten“ oder qualitativ hochwertigen Daten beeinflusst. Dabei kamen in der Vermessung immer bewährte Praktiken zum Einsatz, um diese „guten“ Daten zu erzeugen.

Ein weiteres Thema ist BIM. Welche Rolle kommt der Datenerfassung bei dem Megatrend der Bauindustrie zu?

Um zutreffende und genaue Modelle erzeugen zu können, müssen wir zu einem präzisen Verständnis der bei der Bauausführung herrschenden Bedingungen gelangen, sodass Architekten und Ingenieure in der Lage sind, baureife Modelle zu entwickeln. Positionsgenauigkeit ist von entscheidender Bedeutung über den gesamten Bauprozess, sei es beim Platzieren von Ankerbolzen, beim horizontalen Ausrichten von Betonplatten oder beim Einbau mechanischer und anderer Infrastrukturkomponenten. Vermessungsfachleute können ihr Leistungsspektrum erweitern, wenn sie die Lage- und Höhentransformationen beherrschen, die zwischen den verschiedenen Modellen erforderlich sind.

Stichwort Connecting Sensors: Vermesser wollen Daten aus verschiedenen Sensoren zunehmend automatisiert zusammenführen, beispielsweise innerhalb von 3D-Punktwolken. Wie unterstützt Trimble diese Anforderung technologisch?

Mit unserer Kooperationsumgebung Trimble Connect lassen sich – in Kombination mit der Trimble Business Center und Trimble Realworks Software – Daten aus UAVs, aus der mobilen Kartierung und aus der Vermessung zusammenführen. Diese unterschiedlichen Datensätze aus Punktwolken und Vermessungen werden in das Kooperationsumfeld importiert, segmentiert, klassifiziert, mit Metadaten versehen und dann entweder zur Bauausführung oder für Zwecke der Betriebsmittelverwaltung genutzt. Trimble Connect dient dazu, die Daten zusammenzubringen, und nachgelagerte Anwendungen können dann auf diese aggregierten Daten zugreifen.

Mit dem autonomen Fahren kommt auch die hochgenaue Echtzeit-Positionierung in den Massenmarkt. Wie will Trimble davon profitieren?

Den in diesem Bereich tätigen Vermessungsfachleuten obliegt es, den Verlauf der Straßen sowie weitere Attribute wie die an den Straßen befindlichen Anlagen und Wirtschaftsgüter akkurat zu erfassen – für Modelle, die künftig von autonomen Fahrzeugsystemen verwendet werden. Für uns ist dies ein weiterer Kundenkreis, der auf hochgenaue Daten über den Straßenverlauf und über die zugehörigen Anlagen im Umfeld angewiesen ist.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo sehen Sie die Vermessung in 3D heute stehen und was können wir in Zukunft noch erwarten?

Vermessung liegt heute bei 10 – aus all den Gründen, die ich gerade beschrieben habe. Vermessung spielt eine Rolle für autonome Fahrzeuge, und tatsächlich ist keiner der momentan wichtigen IT-Trends in der Welt ohne genaue 3D-Daten denkbar. Ganz gleich, ob Sie eine Leitplanke an einer Autobahn errichten, eine Konstruktion innerhalb eines Gebäudes modellieren oder eine Fahrzeugkollision kartieren, um die betroffene Straße wieder freigeben zu können – überall werden dreidimensionale Messdaten benötigt. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, was die Marktentwicklung betrifft. Die Zukunftsaussichten sind gut, denn wir beobachten eine immer stärkere Nutzung raumbezogener Daten und eine wachsende Kooperation zwischen den beteiligten Akteuren und Interessengruppen.

www.trimble.com
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