Wachstum per Digitalisierung

Auf dem Forum Netze der GEOMAGIC wurde deutlich, wann moderne IT-Projekte als digitale Transformation bezeichnet und warum sie ein Erfolgsfaktor für Kunden und Hersteller werden können.

Unter Digitalisierung verstand man einst den Wandel von analogen in digitale Daten. Heute bezeichnet das Schlagwort Veränderungsprozesse in der Gesellschaft inklusive Wirtschaft, Kultur, Bildung und Politik. Doch was bedeutet das für den Einsatz von Software in Unternehmen? Wann gehört ein IT-Projekt zur Digitalisierung und wann nicht? Das diesjährige „Forum Netze“ des Softwarehauses GEOMAGIC im September in Hagen, dem „Tor zum Sauerland“, lotete aus, wie sich der Wandel konkret fassen lässt. Und zwar nicht nur im Sinne von Zahlen, Prozessen und Geschäftsmodellen. „Uns war es wichtig, nicht nur die technische Brille aufzusetzen, sondern auch die menschliche und kulturelle Perspektive einzunehmen“, sagte Sina Leutbecher von GEOMAGIC, die das Treffen moderierte und bereits in der Einleitung klar machte, dass diesmal der thematische Bogen für ein Softwarehaus etwas weiter gespannt war als üblich.

Das Forum Netze legt traditionell den Schwerpunkt auf Erfahrungs- und Informationsaustausch. Foto: sig Media

Digitalisierung ist natürlich ein Trendthema und so manches Beratungsunternehmen wird eine ganze Großladung an Buzzwords dazu vom Stapel lassen können. Nicht so bei GEOMAGIC. So wurde deutlich, dass die Digitalisierung ein Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens darstellt. „Seit den letzten zwei Jahren sind unsere großen Projekte nicht mehr IT- sondern meist eben Digitalisierungsprojekte“, sagte Geschäftsführer Dr. Andreas Hartke. Und das mit außerordentlichem Erfolg: In den letzten drei Geschäftsjahren konnte das Leipziger Unternehmen sowohl Mitarbeiter- (63) als auch Umsatzzahlen (6,4 Millionen Euro) um 30 Prozent steigern.

Dass daher die Suche nach geeigneten Mitarbeitern das wichtigste „Nebenthema“ des Unternehmens war, lag auf der Hand. Vor diesem Hintergrund war es auch eine strategische Personalberaterin, die den Keynote-Vortrag halten durfte. Constanze Buchheim, Gründerin der i-Potentials GmbH aus Berlin zeigte, dass Personalentwicklung immer wichtiger wird. Immer wieder setzte sie Personal und IT in Bezug. „Visionen scheitern, weil Projekte mit dem vorhandenen Personal nicht umgesetzt werden können“, sagte Buchheim. Daher sei in Zukunft mehr und mehr entscheidend, Geschäftsstrategie in eine People- Strategie umsetzen. Und Führungskräfte haben die Aufgabe emotional zu inspirieren, Komplexität zu reduzieren und Freiräume zuzulassen. Erfolgreiche Projekte benötigen sowohl den Typus der Gestalter als auch der Umsetzer. Sobald das Verhältnis zueinander nicht stimme, werde es kritisch. Dies gelte nicht nur für Start-Ups, sondern auch für die „Old Economy”. Das spiegelt sich auch im Kundenspektrum von i-Potentials wider. „Früher gehörten meist IT-Gründungsunternehmen zur Klientel, inzwischen halten sich junge und etablierte Unternehmen die Waage“, so Buchheim.

Digitales Rohrbuch für das Großprojekt EUGAL
Ein weiteres wichtiges GEOMAGIC-Projekt im Jahr 2018 war das neue digitale Rohrbuch, dass die Firma GASCADE Gastransport GmbH für den Bau der EUGAL-Leitung nutzt. Hintergrund: Mit der neuen Gastransportleitung gewinnt GASCADE ein Drittel mehr an Länge des Leitungsnetzes. Etwa 47.000 Rohre müssen zwischen der Ostsee und der tschechischen Grenze verbaut werden. Das Unternehmen wollte in diesem Zuge von der bisherigen teilanalogen Vorgehensweise Abstand nehmen und auf ein vollständig digitales Rohrbuchdatenmanagement (kurz: PipeWarehouse) umstellen. GASCADE hatte dazu die internen Prozesse analysiert und die Anforderungen in einer innovativen App umgesetzt. In der online sowie offline-fähigen Applikation wurde sukzessive von einem unternehmensübergreifenden Team eine komplett medienbruchfreie Anwendung über den gesamten Lebenszyklus eines Rohres von der Annahme am Rohrlagerplatz über den Verbau bis zur technischen Zustandsbewertung umgesetzt. Jedes EUGAL- Rohr wurde bereits herstellerseitig mit einem QR-Code versehen, um es eindeutig zu identifizieren. Die QR-Codes werden zur Rohrannahme am Rohrlagerplatz und später zur Erstellung des digitalen Rohrbuches eingesetzt. GASCADE intern soll auf einer interaktiven Karte der Fortschritt beim Verschweißen der Rohrstränge dargestellt werden.

Was genau Digitalisierung in der Praxis der „Old Economy“ bedeutet, diese Frage stand auch bei einem Vortrag der Verbundnetz Gas (VNG) AG im Mittelpunkt. Das Unternehmen hat eigens ein Team aufgebaut, das Digitalisierungsprojekte begleitet, moderiert und berät. Eine grundlegende Aufgabe, so führte Dr. Stephan Sachse, Manager Digitale Transformation bei der VNG aus, ist es dabei, Agilität, Flexibilität und Kommunikation, aber auch bei Projektteilnehmern die kritische Reflexion des eigenen Handelns zu fördern. Dabei sei nicht klar definiert, was ein Digitalisierungsprojekt ist. Es reiche von der klassischen Optimierung einzelner Prozesse, die manchmal, so Sachse, schon ein großer Hebel für Effizienzsteigerungen sind, bis hin zu umfassenden Projekten, wo es bis zur Etablierung neuer Geschäftsprozesse gehe. „Digitalisierung hat immer was mit Kultur und Menschen zu tun“, erläutert Sachse. Klassische Berater würden moderne Buzzwords jedoch auch gerne instrumentalisieren, um neue Projekte und Software besser zu verkaufen. Wolle man Digitalisierung auf einen gemeinsamen Nenner bringen, diene sie immer den klassischen Unternehmenszielen, wie etwa der Wertsteigerung und der Verbesserung von Prozessen. Immer wieder sind heutzutage etwa bereichsübergreifende Teams, die Förderung einer Fehlerkultur bei Innovationen und eine neue Rolle der Führungskräfte gefordert.

An Bedeutung verliere, so führte auch Constanze Buchheim aus, das Projektmanagement alter Schule mit seinen starren Plänen, Regeln und Zielvorgaben. Die heutige Gesellschaft sei gekennzeichnet von den Faktoren Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit (im Englischen das Akronym VUCA). Genau dies korrespondiert mit den Entwicklungen moderner IT. Denn langfristige IT-Strategien sind kaum mehr zu planen. „Wir haben festgestellt, dass wirklich gute Projekte in zwei bis drei Monaten umgesetzt werden können“, sagte auch Hartke. Kleine, effektiv ausgeführte Schritte schaffen Zufriedenheit und Vertrauen in Projekten, so seine Erfahrungen.

So versuchte sich auch der promovierte Ingenieur daran, den Zeitgeist aus der Perspektive des Softwarehauses zu fassen und wagte sogar eine Definition der Digitalisierung. Fünf Kriterien seien ausschlaggebend: Intensive Kommunikation (oft auch unternehmensübergreifend), mehr Schnelligkeit (im Sinne von Timing, denn Projekte sind nur erfolgreich, wenn sie mit dem richtigen Zeithorizont geplant sind), Effizienzsteigerung („ohne dieses Ziel geht es nicht“), die Messbarkeit von Erfolg („dies muss sich über die Nutzung ergeben und plakativ sein“) und schließlich die Schaffung neuer Möglichkeiten. „Der Begriff Enabler ist hier am passendsten. Nicht alle, aber einige wenige Projekte, vor allem im Start-up-Bereich, ermöglichen die Hebung neuer Wertschöpfungspotentiale“, so der GEOMAGIC-Geschäftsführer. Drei von diesen fünf Kriterien müssten, so Hartke, erfüllt sein, dann könne man von einem Digitalisierungsprojekt sprechen.

Digitalisierung ist sicherlich ein umstrittener Begriff. Wie er konkret und auch im betriebswirtschaftlichen Sinne erfolgreich umgesetzt werden kann, machten GEOMAGIC und deren Kunden in Hagen deutlich. Dabei wurde der Bogen von der gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu gegenständlichen Projekten mit Leichtigkeit gespannt.

Halle 12.1 | C.098

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