Geodatenplattformen: Forderung nach Reformen

Die Verarbeitung von Geoinformationen in ├Âffentlicher Hand unterliegt derzeit noch zahlreichen Hemmnissen, wie der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) herausstellt. Der Verband bezieht Position und formuliert, was sich in Zukunft ├Ąndern muss.

Geodatendienste der ├Âffentlichen Hand m├╝ssen k├╝nftig so schnell und einfach genutzt werden k├Ânnen, wie Apps auf dem Smartphone. Das ist die zentrale Forderung des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) in seinem im September 2018 ver├Âffentlichten Positionspapier. ÔÇ×Unternehmen brauchen in Deutschland oft detektivisches Gesp├╝r, um herauszufinden, bei welcher Beh├Ârde welche geografischen Daten liegen. Zudem unterscheiden sich die Daten oft sehr stark in Qualit├Ąt, Aktualit├Ąt und ihren BezugsbedingungenÔÇť, stellte Bitkom schon 2005 heraus. Bereits da formulierte der Verband eine Forderung nach einheitlichen Standards und Vernetzung. Heute forciert der Verband die Thematik erneut. Denn der Status quo, so Bitkom, zeigt: Von einer schnellen und einfachen Verf├╝gbarkeit von Geodatendiensten ist die ├Âffentliche Hand noch weit entfernt.

Den ├ťberblick behalten: Eine Geodatengovernance soll als politisches Werkzeug eine Struktur f├╝r die Verf├╝gbarkeit von Geodaten vorgeben. Foto: Unsplash (John Towner)

Immer noch seien Geodaten der Verwaltung in der Regel nicht ohne Weiteres automatisiert kombinier- und verarbeitbar, die Aktualit├Ąt der Daten und die Struktur der Datenmodelle weiterhin sehr unterschiedlich. Zudem sind nach Aussage des Bitkom dynamische Geodaten, wie sie von Fahrzeugsensoren, Messnetzen und baulichen Infrastrukturen geliefert werden, in Einrichtungen der ├Âffentlichen Hand noch eine Seltenheit und deren Einbindung, wenn denn vorhanden, h├Ąufig nicht standardisiert. Nicht zuletzt seien Einzelbeh├Ârden oft nicht bereit, ihre Geodaten zur Verwertung nach dem Open Data-Prinzip freizugeben, vielfach w├╝rden Geb├╝hren erhoben und die Zugangsbedingungen wie auch Formate der Geodaten seien weiterhin sehr unterschiedlich.

Eine Plattform, eine Geodatengovernance

Mit dem Anfang 2018 gegr├╝ndeten Arbeitskreis ÔÇ×GeoinformationÔÇť will Bitkom den Status quo seiner Vision entsprechend ├Ąndern und formuliert einzelne Ziele und Ma├čnahmenvorschl├Ąge. Um Geoinformationen effektiv nutzen zu k├Ânnen, sollen Geodatenplattformen k├╝nftig vernetzt sein, betont der Verband. Da solche Daten vor allem von Einrichtungen der ├Âffentlichen Verwaltung erhoben w├╝rden, m├╝ssen sich diese intensiver mit technischen Entwicklungen besch├Ąftigen und sich diesen anpassen. Im Zuge der IT-Konsolidierung des Bundes spricht sich Bitkom auch daf├╝r aus, eine zentrale Geodatenplattform einzurichten und zu betreiben, damit nicht nur die gegenseitige Nutzung vereinfacht wird, sondern auch die R├╝ckf├╝hrung von Ergebnisdiensten an alle Bundesinstitutionen.

Ein darauf aufbauendes Ziel ist Technologieoffenheit von Geodaten: Sie sollen ├╝ber jedes beliebige Datenportal und als beliebiger Datensatz beziehungsweise Datendienst aufgerufen werden k├Ânnen. Ein zentraler Aspekt, dem sich Bitkom verschrieben hat, ist au├čerdem eine Geodatengovernance f├╝r die entsprechenden Plattformen. Sie soll den nachhaltigen Betrieb der Plattformen Ressort- und Verwaltungsebenen ├╝bergreifend regeln.

Die Geodatengovernance sollte, so Bitkom, bundesweit entwickelt und implementiert werden. F├╝r Unternehmen wie auch Verwaltungen will Bitkom Investitionssicherheit durch einen verl├Ąsslichen Plattformbetrieb schaffen. Trotzdem sollen weiterhin Experimentierr├Ąume f├╝r Bereitsteller, Dienstleister und Nutzer von Geoinformationen angeboten werden, die die Datennutzung, -analyse, -kombination und -verwendung unter einheitlichen Rahmenbedingungen erleichtert und den Weg zu Innovationen freih├Ąlt. Au├čerdem m├╝sse der IT-Planungsrat eine neue Positionsbestimmung zum Thema Geodaten vornehmen ÔÇô mit besonderer Ber├╝cksichtigung der Digitalisierung. Dabei fordert Bitkom, dass hier nicht nur der IT-Planungsrat, sondern auch Vertreter der Geoinformationswissenschaft mitwirken. Geoinformationen sollen letztendlich, so der Verband, als Schl├╝sselelement der digitalen Infrastruktur f├╝r Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft bereitgestellt werden, wobei schneller und einfacher Zugang nach dem Open Data-Prinzip das ├╝bergeordnete Ziel ist.

VIER FRAGEN

Christian Herzog, Bereichsleiter IT-Infrastruktur & Kommunikationstechnologien beim Bitkom, erkl├Ąrt unter anderem warum sich Bitkom wieder der Geoinformation widmet.

Business Geomatics: Seit Langem besch├Ąftigt sich der Bitkom wieder mit der Geoinformation. Was war der ausschlaggebende Punkt f├╝r den Verband, sich dem Thema wieder zu widmen?

Christian Herzog: ÔÇ×Die Digitalisierung schreitet in allen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft voran. Auch der Bereich der Geoinformationen ist zunehmend davon betroffen. Geoinformationen werden zuk├╝nftig in standardisierten Formaten und auf einfache Art abrufbar ben├Âtigt, damit agile Unternehmen und die interessierte ├ľffentlichkeit einen Mehrwert daraus generieren k├Ânnen. Wir sehen, dass die geodatenhaltenden Stellen dieser Entwicklung nur m├╝hsam folgen. Unsere Mitglieder berichten von zahlreichen Problemen in der Praxis: Umst├Ąndliche Lizenzmodelle, vorhandene Geo-Portale zum Beispiel der L├Ąnder sind sehr unterschiedlich aufgebaut und arbeiten mit unterschiedlichen Datenformaten (das bedeutet individuellen Anpassungsaufwand f├╝r jede Datenquelle), Echtzeitdaten sind bisher kaum verf├╝gbar. Wenn die Digitalwirtschaft mit Geodaten arbeiten k├Ânnen soll, muss sich hier etwas tun. Der Plattform-Gedanke ist eine m├Âgliche L├Âsung. Hier schlie├čt sich der Kreis f├╝r Bitkom.ÔÇť

Sie sprechen von Geodatengovernance. Was verstehen Sie darunter und was ist neu an dem Konzept?

ÔÇ×Gemeint ist hier eine politische Lenkung, die eine Struktur vorgibt, wie Geodaten zur Verf├╝gung gestellt werden sollen. Dies gibt es bisher nicht. Man sieht an den vielen Datenquellen, wie unterschiedlich jede geodatenhaltende Stelle hier arbeitet. Und das ist Teil des Problems, das es zu l├Âsen gilt. Wenn man beispielsweise als Startup einen neuen Service oder eine App auf der Basis von Geodaten aufbaut und diese Geodaten besser von Google Maps bekommt, als von einer offi ziellen Stelle, sollte es allen Beteiligten zu denken geben.ÔÇť

Schon 2005 forderte Bitkom eine zentrale Geodatenplattform. Ist die Forderung in einem f├Âderalistischen Staat ├╝berhaupt reell?

ÔÇ×In der Tat ist der f├Âderalistische Ansatz bei diesem Thema nicht hilfreich. Allerdings bedeutet F├Âderalismus ja nicht, dass man nicht einen gemeinsamen Ansatz finden kann. Es muss der Wille und die Einsicht vorhanden sein, damit sich alle beteiligten Stellen einigen. Daf├╝r ist eine gewisse Koordinierung hilfreich, siehe Geodatengovernance.ÔÇť

Wie stellen Sie sich konkret den zentralen Betrieb einer Geodatenplattform vor?

ÔÇ×Hier gibt es viele M├Âglichkeiten ÔÇô und wir haben dazu noch keine konkrete Ausgestaltung diskutiert. Denkbar w├Ąre eine zentrale ÔÇÜEinstiegsstelleÔÇś, die dann an die verschiedenen Dienste weitervermittelt. Besser w├Ąre ein konsolidierter Betrieb, entweder durch ein Landesrechenzentrum oder einen beauftragten Industriepartner. In jedem Fall muss dabei die langfristige Perspektive sichergestellt sein, sodass Unternehmen ihre Dienste darauf einstellen k├Ânnen. Wenn es die Unsicherheit gibt, dass in absehbarer Zeit der Weiterbetrieb nicht gesichert ist, w├╝rden die meisten Datennutzer sich nicht darauf einlassen.ÔÇť

 

www.bitkom.org