Zweiter FrĂŒhling fĂŒr Solarpotenzialkataster

Bereits vor einigen Jahren war das Interesse an Solarkatastern in Deutschland hoch. Zwar ebbte diese Nachfragewelle zwischenzeitlich deutlich ab, mittlerweile erleben sie jedoch ihren zweiten FrĂŒhling: Kommunen, Kreise und BundeslĂ€nder setzen wieder verstĂ€rkt auf Solarpotenzialanalysen und versuchen BĂŒrger und Unternehmen von geeigneten Standorten fĂŒr Solaranlagen zu ĂŒberzeugen.

Privathaushalte und Unternehmen, die sich fĂŒr die Installation von Solaranlagen entscheiden, leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, vielmehr profitieren auch sie durch die stetig steigenden Energiepreise und die staatliche Subvention regenerativer Energien vom Aufbau einer solchen Anlage. Weil Solar- thermie- und Photovoltaikanlagen in den letzten Jahren zusĂ€tzlich ihre Performance steigern konnten und somit zu einer ökonomisch noch wertvolleren Alternative zum herkömmlichen Strom wurden, erlebt Deutschland derzeit eine Nachfragewelle nach Solaranlagen. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vielfĂ€ltig: Zum einen weisen die Anlagen eine ausgereiftere Technologie bei geringeren Anschaffungskosten auf. Auch steigt der Energiebedarf in Deutschland, vor allem durch neue Anwendungsgebiete wie die ElektromobilitĂ€t, stetig. Zum anderen sorgen Stromanbieter mit flexiblen Angeboten – beispielsweise Wallboxen, die mit intelligenten Solaranlagen kombiniert werden – fĂŒr eine erhöhte AttraktivitĂ€t fĂŒr Privathaushalte.

Welch großen Zuwachs die Solarenergie in Deutschland in den letzten Jahren erleben durfte, zeigt sich beim Blick auf das Jahr 2018: Bis zum Stichtag am 30. November wurde nach Angaben des Fraunhofer ISE eine Photovoltaik-KraftwerkskapazitĂ€t von insgesamt 45,93 GW bei der zustĂ€ndigen Bundesnetzagentur gemeldet. Das entspricht circa 2,5 Prozent des weltweiten Photovoltaik-Zubaus und einer Steigerung von 2,95 GW im Vergleich zu 2017 (42,98 GW). Ein positiver Wert also, aber nicht mehr als ein Anfang: Um den Koalitionsvertrag vom MĂ€rz 2018, der den Anteil Erneuerbarer Energien (EE) bis zum Jahr 2030 auf 65 Prozent des Gesamt-Bruttostromverbrauchs anheben will, zu erfĂŒllen, ist ein stetiger, jĂ€hrlicher Photovoltaik-Zubau von etwa 5 GW notwendig. Deutschland muss also noch etwas tun, um die ambitionierten Ziele zu erreichen.

Solarkatatser sollen helfen

Grundlage fĂŒr Solarpotenzialanalysen sind hochprĂ€zise Laserscans und Luftbildbefliegungen. Foto: Bezirksregierung Köln

Was können Politik und Wirtschaft also unternehmen, um die Installation von Solaranlagen auch fĂŒr kleine bis mittelstĂ€ndische Unternehmen sowie Privathaushalte attraktiver zu gestalten? Ein erster Schritt sind sogenannte Solarpotenzialkataster. Zwar gibt es solche Kataster schon seit etlichen Jahren, ihr Nutzen ist jedoch aktueller denn je. Dabei ist der Grundgedanke dahinter recht simpel: Um eine Photovoltaik- bzw. Solarthermieanlage gewinnbringend einsetzen zu können, muss zunĂ€chst einmal die Frage beantwortet werden, welcher Standort fĂŒr die Anlage geeignet ist. Wo ist die meiste Sonneneinstrahlung? Wo sind die Verschattungen am geringsten? Wo kann eine solche Anlage ihr Leistungsmaximum entfalten? Solarkataster sollen bei der Identifikation solcher FlĂ€chen helfen – und somit Privathaushalten und Unternehmen das Potenzial einer Solaranlage auf dem eigenen Dach vor Augen fĂŒhren.

Grundlage eines Solarkatasters ist eine sogenannte Solarpotenzialanalyse. DafĂŒr nutzen spezielle Softwarelösungen Geometrien aus digitalen 3D-Stadtmodellen oder aus hochaufgelösten 3D-Laserscandaten, den sogenannten digitalen OberflĂ€chenmodellen (DOM). Diese Daten werden dann mit einer prĂ€zisen Strahlungsberechnung auf Basis reprĂ€sentativer meteorologischer Eingangsdaten kombiniert. Einige Lösungen beachten dabei sogar Verschattungseffekte durch umliegende GebĂ€ude, die Vegetation oder (stĂ€dtebauliche) Topographie. Um Kommunen ebenso wie professionelle Anlagenplaner, Unternehmen und Privathaushalte gleichermaßen ansprechen zu können, reicht das Einsatzgebiet solcher Methoden bei vielen Anbietern von stadtweiten Analysen ĂŒber detaillierte Einzelobjektanalysen bis hin zur Optimierung konkreter Anlagenplanungen.

Beispiel Brandenburg an der Havel

In der RealitĂ€t gibt es bereits zahlreiche Solarkataster. Neben den Niederlanden und DĂ€nemark, die sogar landesweite Kataster erstellen ließen, haben in Deutschland beispielsweise die BundeslĂ€nder Nordrhein-Westfalen und ThĂŒringen ĂŒbergreifende Solarkataster angelegt. Aber auch etliche Kommunen und StĂ€dte haben bereits eigene Solarpotenzialanalysen durchgefĂŒhrt und auf deren Basis ein Solarkataster implementiert. Das Beispiel der Stadt Brandenburg an der Havel zeigt, welche Wissensgrundlage damit geschaffen werden kann: Eine Untersuchung der Technischen Hochschule Brandenburg (THB) ergab, dass etwa 20.000 von rund 47.000 DĂ€chern in der Stadt fĂŒr die Installation von Solaranlagen geeignet sind. Das entspricht circa 42 Prozent aller DĂ€cher. Insgesamt sind nach Angaben der THB 3.304.000 Quadratmeter auf den DĂ€chern der Stadt Brandenburg fĂŒr die Erzeugung von Solarenergie geeignet. Die maximal installierbare Leistung (in kWp; Kilowatt peak) liegt bei 345.359 kWp.

Die Untersuchung fand im Rahmen des Projekts „PreLytica“ am Fachbereich Wirtschaft der THB statt. DafĂŒr wurde eine 3D-Solarpotenzialanalyse sĂ€mtlicher BestandsgebĂ€ude im Untersuchungsgebiet durchgefĂŒhrt. Auf Basis dieser 3D-Daten wurde jedes eingemessene GebĂ€ude im Stadtgebiet auf seine Eignung fĂŒr Solarstromanlagen untersucht. Dabei wurden nicht nur die individuellen Dachformen berĂŒcksichtigt, sondern auch mögliche Verschattungen. Zudem mussten die Forscher solche DachflĂ€chen aus der Berechnung herausfiltern, die schon aufgrund ihrer geringen GrĂ¶ĂŸe fĂŒr die Installation von Solaranlagen ungeeignet sind. Das waren in diesem Fall vorwiegend Garagen und kleinere GartenhĂŒtten. Solche Ergebnisse werden reihenweise von deutschen StĂ€dten mit Hilfe der einschlĂ€gig bekannten Unternehmen berechnet. Technologie und DatenbestĂ€nde sind inzwischen so ausgereift, dass auch individuelle Dachformen und Verschattungen fĂŒr die Ertragspotenziale herangezogen und dem Interessenten somit belastbare Prognosen fĂŒr mögliche Projekte geliefert werden können.

Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist in Nordrhein- Westfalen zu finden. Hier hat die Landesregierung NRW bereits ein bundeslandweites Solarkataster veröffentlicht, das fĂŒr Auskunftssuchende kostenfrei nutzbar ist. Mit gravierenden Befunden: Nach den Daten des NRW-Solar- katasters nutzt das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands lediglich rund 6 Prozent des eigentlich vorhandenen Potenzials. Dabei zeigt das Kataster auf, dass mindestens die HĂ€lfte des landesweiten Strombedarfs durch Photovoltaik- bzw. Solarthermieanlagen gedeckt werden könnte.

Insgesamt erzeugen die Solaranlagen in NRW laut dem Landesverband Erneuerbare Energien (LEE NRW) genug Solarstrom fĂŒr den jĂ€hrlichen Haushaltsverbrauch von fast vier Millionen BĂŒrgern. Zwar wolle die NRW-Landesregierung und der LEE NRW die Solarstromproduktion deutlich steigern, gleichzeitig bemĂ€ngeln die FunktionĂ€re, dass aktuelle PlĂ€ne der Bundesregierung diese Ziele gefĂ€hrden wĂŒrden. Jan Dobertin, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des LEE NRW, kritisiert: „WĂ€hrend NRW mit dem Solarkataster die großen Potenziale bei der Produktion von Solarstrom aufzeigt, plant die Bundesregierung massive Einschnitte in diesem Bereich. Die in der Vergangenheit bereits stark gebeutelte Solarbranche wird damit erneut in BedrĂ€ngnis gebracht.”

Konkret meint Dobertin damit die AnkĂŒndigung der Bundesregierung Mitte Dezember 2018, zu Beginn des Jahres 2019 eine KĂŒrzung der EinspeisevergĂŒtung fĂŒr grĂ¶ĂŸere Photovoltaik-Anlagen von rund 20 Prozent vornehmen zu wollen. Das sorgte schnell fĂŒr Unruhe in der Branche, wie Jan Dobertin berichtet: „Bei den Installateuren rufen nun Kunden an, die bereits geschlossene VertrĂ€ge wieder stornieren wollen. Solche politischen SchnellschĂŒsse sind das Gegenteil von Planungssicherheit und klaren Investitionsbedingungen. So kann man mit einer wichtigen Zukunftsbranche nicht umgehen.”

Es zeigt sich also: Es gibt noch gehörig Arbeit, um die ambitionierten Klimaschutzziele bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Mit dem steigenden Einsatz von Solarkatastern und der damit einhergehenden erhöhten AttraktivitĂ€t von Solarthermie- und Photovoltaikanlagen auch fĂŒr Privathaushalte und kleine bis mittelstĂ€ndische Unternehmen, ist jedoch ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung gelungen. (jr)