Open Data in Thüringen: „Wichtig ist uns, dass niemand ohne Fachkenntnisse abgeschreckt wird”

Das Geodatenportal des Thüringer Landesamtes für Bodenmanagement und Geoinformation (TLBG) erfreut sich großer Beliebtheit, nicht nur aufgrund von Open Data.
 Seit der Umstellung auf Open Data  wurden die Webdienste in Thüringen erweitert. Foto: Unsplash (Markus Spiske; Franki Chamaki); StockSnap (Finn Hackshaw)

Seit der Umstellung auf Open Data wurden die Webdienste in Thüringen erweitert. Foto: Unsplash (Markus Spiske; Franki Chamaki); StockSnap (Finn Hackshaw)

Am 9. Februar 2016 startete in Thüringen im Bereich Geoinformation eine neue Zeitrechnung. Im Zuge des Landesprogramms „Offene Geodaten“ lies der Freistaat die Zugangsbeschränkungen für die Nutzung von Geodaten fallen. Seit diesem Zeitpunkt können Unternehmen, Verwaltungen und Privatleute die amtlichen Geodaten (ohne Personenbezug) mit einer „einfachen, einheitlichen und leicht verständlichen Lizenz im Internet“ nutzen, wie es auf der Website des Thüringer Landesamts für Bodenmanagement und Geoinformation (TLBG) formuliert ist.

Doch was passierte seit diesem fundamentalen Paradigmenwechsel? Behielten die gegenüber Open Data skeptisch eingestellten Verwaltungsexperten in Deutschland Recht, die meist den Verlust der zuvor generierten Einnahmen, des Interesses der Nutzer oder von Service- und Datenqualität befürchteten? Oder hat sich die Nutzung intensiviert, sind neue Services entstanden und kann sich das TLBG eines gesteigerten Renommees als Dienstleister erfreuen?
Bei Open Data gibt es immer noch viele Bedenkenträger und Thüringen bleibt im Moment noch wie Hamburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen die Ausnahme im Hinblick auf die Umsetzung der Digitalen Agenda der Bundesregierung auf Länderebene. Doch dieses Beispiel zeigt, dass die Argumente gegen Open Data immer schwerer zu rechtfertigen sind, denn Thüringens Erfahrungen mit den offenen Daten sind durchweg positiv. Keine der etwaigen Befürchtungen ist eingetreten. „Fast ausnahmslos alle Mitarbeiter des TLBG haben eine sehr positive Einstellung zu den Entwicklungen der letzten drei Jahre“, fasst Frank Engel, Referatsleiter Entwicklung Geoinformationssysteme, zusammen.
Das belegen auch die Zahlen: Das TLBG zählt seit 2017 rund 10.000 verschiedene Nutzer pro Monat, die durchschnittlich zwei Terabyte an Daten herunterladen. „Alleine bei den Orthofotos haben wir jetzt das 100-fache an Downloads im Vergleich zu vorher“, sagt Engel. Solche Nutzerzahlen hatte kaum jemand erwartet. Diese Steigerung liegt natürlich an den nunmehr kostenfreien Daten. Aber das TLBG steigert auch nach und nach Datenumfang und Servicequalität.
Mehr als reine Verfügbarkeit
Inzwischen hat das TLBG die Funktionalität des Portals anwenderspezifisch ausgebaut, etwa im Bereich der Bereitstellung der Daten. Dabei liefert das Portal Informationen zu Daten, die sich im Zuge der Fortführung geändert haben. Über einen Schieberegler können Nutzer den Zeitraum auswählen, für den die Daten überprüft werden. Dabei werden nur die Teilbereiche der Daten gezeigt, die geändert wurden, sprich Fortführungen erfahren haben. Bei den LoD2-Daten, die seit 2017 flächendeckend in Thüringen zur Verfügung stehen, geht es vor allem um Modellierungen einzelner Gebäude und Landmarken, die nach und nach detaillierter in 3D ausgearbeitet werden und über das LoD2-Niveau hinausgehen. Hinter der Funktion steht eine umfassende Prozessoptimierung.
Früher war dieser Weg von der Fortführung der Daten bis zu deren Bereitstellung ein verwaltungstechnisch aufwendiger Prozess in mehreren Stufen, der sich lange hinziehen konnte. Heute geht die Bereitstellung der Fortführungsdaten für einzelne Bereiche (Inspire, interne GDI, Portal etc.) automatisch. Verantwortlich dafür ist die Technologie aus dem Hause M.O.S.S. (novaFACTORY), mit der auch das gesamte Management, die Produktion und die Bereitstellung der 3D-Daten und anderer Rasterdatensätze umgesetzt werden. novaFACTORY definiert qualitätsgesicherte und strukturierte Prozesse. Die automatisierte Ableitung der 3D-Gebäudemodelle geschieht etwa durch den tridicon 3D Editor, bei dem auch eine interaktive Nachbearbeitung der Dachformen möglich ist.
Die neu produzierten oder fortgeführten Daten werden dann genau wie andere von den Mitarbeitern geänderte Daten in einem speziellen Verzeichnis abgelegt, von dem aus der Aktualisierungsprozess innerhalb des Portals vollständig automatisiert abgearbeitet wird. Im Moment sind dies alle Bereiche von Digitalen Topographischen Karten (DTK). In naher Zukunft sollen auch die Nutzer der 3D-Gebäudemodelle diesen Service nutzen können. „Innerhalb eines Tages sind diese dann auch für die Nutzer verfügbar“, beschreibt Engel.
Portal mit Servicequalität
Die automatische Bereitstellung von Informationen über erneuerte Daten bietet gerade für professionelle Nutzer eine hohe Praktikabilität. Bearbeitet etwa ein Ingenieurbüro ein Planungsprojekt mit einer großen Flächenausdehnung über einen längeren Zeitraum, ist ein unmittelbarer Hinweis auf Änderungen wichtig. Zuvor mussten die Ingenieure in einem aufwändigen „Studium“ der Metadaten erst in Eigenregie aufspüren, was sich geändert hat. In Thüringen werden sie darauf beim Download der Daten automatisch hingewiesen. Für Profinutzer hat das TLBG auch einen RSS-Feed programmiert, sodass Nutzer proaktiv darauf hingewiesen werden, wenn sich bei ihren Daten Neuerungen ergeben haben.
Das Portal für Geodaten: LoD2-Daten stehen landesweit zur Verfügung. Screenshot: TLBG

Das Portal für Geodaten: LoD2-Daten stehen landesweit zur Verfügung. Screenshot: TLBG

Grundsätzlich ist es das Ziel des TLBG, die Daten möglichst nutzerfreundlich bereitzustellen, also nicht nur Profianwender zu bedienen, sondern vor allem Verwaltungsmitarbeiter und Bürger zu unterstützen, die keine GIS-Kenntnisse haben. „Es gab intensive Diskussionen um die Gestaltung der Weboberfläche und der Dienste. Wir mussten um jeden Knopf kämpfen, der nicht in der Nutzeroberfläche drin ist“, beschreibt Engel. Die radikale Fokussierung auf die Usability bedeutet eben auch, dass nicht jedes Fachfeature für Power-User aufgeführt ist. Zwar werden die Daten gemäß den geltenden AdV-Spezifikationen abgegeben, für den Prozess gilt aber: „Diese Kundengruppe nutzt die Darstellungs- und Downloaddienste oder eigene Skripte. Viel wichtiger ist uns aber, dass niemand ohne Fachkenntnisse abgeschreckt wird“, so Engel. Weniger ist mehr, das gilt für das Geoportal und ist auch verwaltungsintern relevant. „Viele Fachleute zum Beispiel in den Umweltämtern und der Kommunalverwaltung schätzen gerade den einfachen Zugriff auf die Daten“, so Engel.

Direkte Feedbacks der Nutzer
Als sehr wichtig wird vom Daten- anbieter TLBG das Feedback der Nutzer eingeschätzt. Hieraus sind Rückschlüsse auf den enormen Zugewinn an Effektivität in der Datenbereitstellung abzuleiten. So gab es zum Beispiel im heutigen Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) vor 2017 eine Anzahl von Mitarbeitern, die sich ausschließlich mit der Bereitstellung der Daten für Werkverträge beschäftigten. Deren Hauptaufgabe war es, die Inhalte der Daten gemäß den damals bestehenden lizenzrechtlichen Bedingungen anzupassen. Ein enormer Verwaltungsaufwand also, der nun fast komplett wegfällt, und somit betriebswirtschaftlich gesehen auch fehlende Vertriebserlöse der Geodaten kompensiert.
„Positive Rückmeldungen kommen aus den verschiedensten Bereichen“, so Engel. Bundesweit sind Hochschulen begeistert darüber, dass sie für Studien und Abschlussarbeiten nun problemlos auf großflächige Daten zugreifen und so zum Beispiel analytische Berechnungen durchführen können, wie es früher nie möglich war.
Das gilt auch für Privatleute, die unterschiedlichste Interessen verfolgen. So hat es Veröffentlichungen in Publikationen von Hobbyeisenbahnern gegeben, die die historischen Luftbilder des Geoportals (bis zu 70 Jahre alt) analysiert haben. „Wir merken das zum Beispiel daran, dass viele das Geoportal auch noch abends nach 18:00 Uhr nutzen“, so Engel. Ein Programmierer hat beispielsweise 3D- und Luftbilddaten herangezogen, um virtuelle Strecken für eine App im Bereich von Rallye-Echtzeitsimulation zu gestalten. Beispiele also, die über die häufig zitierten Interessen an politischen Themen in den Bereichen Energie, Umwelt und Infrastrukturplanung auch hinausgehen.
Open Data wirkt sich in Thüringen bis in Nischenbereiche des öffentlichen und privaten Lebens aus. „Das Interesse der anderen Bundesländer an unseren Erfahrungen ist sehr groß“, berichtet Engel. (sg)