Mit Baumkatastern zur Green City

Digitale Baumkataster auf Basis von GIS finden in Kommunen immer öfter Verwendung. Sie dienen nicht nur der Verkehrssicherung, sondern sind ein wichtiges Tool zur Entwicklung von nachhaltigen und resilienten Städten, bei denen Umwelt und Lebensqualität gleichermaßen im Fokus stehen.

Eine nachhaltige Baumkontrolle bedarf zwingend weder eines mobilen digitalen Endgerätes noch einer speziellen Software, einem sogenannten Baumkataster. Doch in vielen Städten kommen Grünflächenämter, Betriebshöfe und externe Baumpfleger kaum ihrer Arbeit nach. Die vergangenen trockenen Sommer haben den Stadtbäumen massiv zugesetzt, so dass der Krankheitsbefall stark zugenommen hat. Viele Bäume müssen gefällt werden.

Die aktuelle Lage sorgt dafür, dass die Vorteile einer digitalen Transformation auch im Themenumfeld des Stadtgrüns immer stärker in den Vordergrund rücken, vor allem beim Baumkataster, das systematische Daten zum Bestand und zum Zustand aller relevanten Straßenbäume liefert. Es dokumentiert nicht nur die für die Verkehrssicherungspflichten notwendigen und durchgeführten Maßnahmen, sondern bildet auch die Grundlage für eine Krankenakte der zuletzt stark beanspruchten Stadtbäume. Es beantwortet Fragen zur nachhaltigen Stadtplanung. Und es liefert die Planungsgrundlage für außerordentliche Maßnahmen rund um den Baumerhalt wie etwa die Bewässerung in extremen Trockenzeiten.

Beratung für entsprechende Lösungen

Folglich hat der Einsatz von Softwarelösungen gerade in den letzten Jahren einen gehörigen Schub erfahren. „Analoge Verfahren und selbstgestrickte Softwarelösungen können den heutigen Anforderungen nicht mehr standhalten und sind daher nicht mehr zeitgemäß“, sagt Gerhard Doobe, Leiter des Stadtbaummanagements in der Umweltbehörde der Stadt Hamburg. Insbesondere die politische Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema sei in den letzten Jahren stark angestiegen, so das Mitglied im Arbeitskreis Stadtbäume bei der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK).

Als Hamburg in den 1990er Jahren begann, ein digitales Baumkataster aufzubauen, war dies noch Pionierarbeit. Schon damals war die Karte das Grundprinzip des Baumkatasters. „Baumkontrolleure wollen unbedingt mit einer Karte arbeiten und haben daher meist auch Interesse, draußen mit einem möglichst großen Display unterwegs zu sein“, so Doobe.

Heute haben sich ausgereifte Lösungen am Markt etabliert, so dass keine Kommune mehr „von Null und in Eigenregie anfangen muss“, so Doobe, doch bei der Auswahl der passenden Lösung sei Sorgsamkeit gefragt. „Die Erfahrungen zeigen, dass ein in der Anschaffung kostengünstiges Produkt langfristig nicht die günstigste Lösung sein muss“, sagt Doobe. Entscheidend seien vielmehr die Anforderungen aus den jeweiligen Arbeitsabläufen. Die wichtigste Aufgabe bestehe für Kommunen darin, eine sehr genaue Bedarfsanalyse zu machen und daraufhin die Suche nach einem geeigneten Produkt aufzubauen. Erst dann seien beispielsweise Kosten und Nutzen abzuwägen und demnach die wirklich kostengünstigste Lösung zu bestimmen.

Darstellung der Spendenaktion „Mein Baum – meine Stadt“ in Hamburg. Die 2011 gestartete Aktion wird aufgrund des großen Erfolges weitergeführt. Bürger sehen auf der Karte, wieviel Spendengeld pro Baum notwendig ist, bis er gepflanzt werden kann. Foto: www.geoportal-hamburg.de

Darstellung der Spendenaktion „Mein Baum – meine Stadt“ in Hamburg. Die 2011 gestartete Aktion wird aufgrund des großen Erfolges weitergeführt. Bürger sehen auf der Karte, wieviel Spendengeld pro Baum notwendig ist, bis er gepflanzt werden kann. Foto: www.geoportal-hamburg.de

Vor allem sei die Grundstruktur wichtig. „Die Daten müssen frei verfügbar sein, das heißt vom System exportierbar und in weiteren Applikationen nutzbar“, so der Diplom-Biologe. Das sei zwar eigentlich eine Binsenweisheit, aber immer noch ein bei vielen Anschaffungen nicht ernstgenommener Punkt. Arbeitsabläufe sollten genau untersucht und dabei bestimmt werden, welche bestehen bleiben und welche angepasst werden sollen. „Wenn Produkte Arbeitsabläufe vorgeben, besteht das Risiko, die eigene Organisation an solche sogenannten Best Practices anpassen zu müssen“, sagt Doobe. Deshalb sei es wichtig, vorher alle Betroffenen ämter- und bezirksübergreifend an einen Tisch zu holen. Leider zeigen Beispiele in deutschen Großstädten, so Hamburgs Umweltbehörden-Chef, dass nacheinander mehrere Systeme angeschafft werden, deren Einführung und Einsatz dann aber scheitern.

Inzwischen bieten Systeme auch den Online-Einsatz an. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Offline-Fähigkeit, sprich die Möglichkeit, auch bei fehlendem Mobilfunkempfang Daten editieren zu können, die dann automatisch vom Programm aktualisiert werden, wenn wieder Verbindung vorhanden ist. Dieses Feature stellt zwar entwicklungstechnisch für die Softwareanbieter eine große Hürde dar, die aber zumindest von den größeren Anbietern für Baumkataster-Lösungen weitestgehend unterstützt wird. Genauso heiß diskutiert ist das Thema satellitenbasierte Ortung. Der Signalempfang in der Stadt und unter Baumkronen ist kompliziert und wird trotz fortschreitender GNSS-Technologie noch nicht durchgehend gewährleistet. Dennoch ist GNSS eine preiswerte Alternative zu anderen Verfahren der Baumkennung wie etwa mit RFID, die bisher eingesetzt werden.

Klimawandel verändert auch Baumkataster

Die Verkehrssicherungspflicht ist juristisch gesehen ein scharfes Schwert und setzt Kommunen unter Druck. Doch ein Baumkataster leistet mehr als nur die revisionsfeste Dokumentierung der Ergebnisse. Es ist auch ein zeitgemäßes Tool für die Diskussionen rund um nachhaltige, klimafreundliche Städte. „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft“ ist der Titel eines Weißbuchs Stadtgrün des Bundesministeriums für Umwelt und Naturschutz aus dem Jahr 2017, in dem Städte dazu aufgefordert werden, die bestehende Stadtflora besser zu schützen und zu pflegen. Im Zuge des Klimawandels dienen Baumkataster auch dem Patienten Baum. „Man kann gewissermaßen zu jedem Baum eine Krankenakte anlegen“, so Doobe. Im Zuge der trockenen Sommer müssen insbesondere dieses Jahr viele Bäume gefällt werden, doch die Entscheidung, ob dies überhaupt notwendig ist, muss individuell getroffen werden. „So wird vermieden, dass mehr Bäume gefällt werden, als notwendig“, weiß Doobe. An dieser Stelle sei es auch sehr hilfreich, im Vorfeld die Öffentlichkeit zu informieren.

Derzeit gibt es noch keine bundesweite Statistik über das Absterben von Stadtbäumen in Deutschland. Experten wie etwa Somidh Saha vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) fordern daher auch die bundesweite Überwachung des Zustands städtischer Bäume und Wälder. Im Rahmen eines Interviews mit der ESKP (Earth System Knowledge Platform), der Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft, regte er zudem an, alle Stadtbäume in einem digitalen Register zu führen, auch jene in privatem Besitz. Die Diskussion über die massiv steigenden Kosten, die mit solchen Ansätzen verbunden sind, wird derzeit jedoch nur unter vorgehaltener Hand geführt, nur vereinzelt gehört sie im Rahmen der Kommunalpolitik zur Tagesordnung. Sehr groß ist auch die Befürchtung, dass eine aufwändige Kontrollmethodik mit Einzelbaumdokumentation für Flächenbestände gefordert wird, was Kommunen unter massiven finanziellen Druck setzen würde.

Karten unterstützen Spendenaktionen

Es ist wünschenswert, dass sich Bürger auch mit der Vegetation in der Stadt identifizieren und dies gilt insbesondere für Bäume. Dazu ist es förderlich, wenn notwendiges Wissen über die Einzelbäume zur Verfügung steht. Viele Städte leiten aus ihrem Baumkataster auch ein webbasiertes Informationssystem für Bürger ab, das genau diesem Zweck dient. Die Aufgabe ist es, möglichst barrierefrei Informationen etwa über Alter, Höhe und Sorte zur Verfügung zu stellen. Wie dies auch bei speziellen Kampagnen sinnvoll eingesetzt werden kann, zeigt die Aktion „Mein Baum – meine Stadt“ in Hamburg. Im Rahmen der Bürger-Aktion, die im Hinblick der Umwelthauptstadt 2011 in der Hansestadt stattfand, wurden über 2.600 Straßenbäume gepflanzt.

Die Hamburger Grünverwaltung hatte bereits Ende der 90er Jahre ihr Stadtbaummanagement modernisiert und die Baumkontrollen neu ausgerichtet. Dies zeigte aber damals auch einen erheblichen Sanierungsstau im Hamburger Straßenbaumbestand. Die Stadt ist seit Jahren dazu veranlasst, die finanziellen Mittel genau zu evaluieren. Seit 2002 mussten Nachpflanzungen verschoben werden. Insgesamt fehlten in 2010 rund 2.600 Bäume.

Im Jahr 2011, als Hamburg Umwelthauptstadt war, sollte dieses Problem nachhaltig adressiert werden. Dazu wurde die Bürgeraktion „Mein Baum – meine Stadt“ ins Leben gerufen. Die Stadt selbst finanzierte die Pflanzung von 2.011 Bäumen, für die restlichen Exemplare wurden Bürger aufgefordert, mit Spenden zu unterstützen. Man geht von rund 2.000 Euro Kosten für eine Bepflanzung eines Stadtbaums aus.

Dabei konnte in Hamburg ein eigener Wunschbaum im Internet ausgewählt werden, wo die Spendenbäume auf einer interaktiven Karte veröffentlicht wurden. „Alle Bürger wollten ‚ihren‘ Baum haben, dafür hat das Baumkataster im Web wichtige Dienste geleistet“, so Doobe. Man sah auch, wieviel Geld jeweils bis zu den notwendigen 500 Euro pro Baum fehlte und konnte dann gezielt spenden. Ende des Umweltjahres hatten die Hamburger rund 300.000 Euro für neue Bäume gespendet. Damit konnten 600 zusätzliche Straßenbäume gepflanzt werden, denn sobald 500 Euro auf einem Standort eingegangen waren, übernimmt die Stadt den Rest und garantierte so die Pflanzung. Die Baumpflanzaktion in Hamburg wird wegen ihres großen Erfolges auch in den kommenden Jahren fortgesetzt und soll ein fester Bestandteil der Grünunterhaltung mit Bürgerbeteiligung bleiben. (sg)

www.hamburg.de