WHRC-Studie: Folgen des Klimawandels weitreichender als angenommen

Neue Studien des Woods Hole Research Center und des McKinsey Global Institute zeigen, dass der Klimawandel weitreichendere Folgen haben k√∂nnte, als bisher angenommen. Daf√ľr nutzten die Wissenschaftler auch die √úberwachung aus dem All.

Dass der Klimawandel bei einem ungebremsten Anstieg der CO2-Emissionen negative Auswirkungen auf die globale Wirtschaft und Gesellschaft haben wird, ist bekannt. Der breiten √Ėffentlichkeit bisher weitgehend unbekannt ist jedoch, wie weitreichend die Folgen davon wirklich sein k√∂nnten. Eine neue Studie des McKinsey Global Institute (MGI) zeigt: Wenn die Emissionen weiterhin in dem Tempo ansteigen wie bislang, werden bereits in zehn Jahren hunderte Millionen Menschen in Regionen leben m√ľssen, in denen lebensbedrohliche Hitzewellen herrschen. ‚ÄěDer Klimawandel hat auf lokaler Ebene in Regionen auf der ganzen Welt bereits erhebliche physische Auswirkungen ‚Äď und die Anzahl und Gr√∂√üe der betroffenen Regionen d√ľrfte steigen‚Äú, stellt McKinsey-Partner Hauke Engel, einer der Koautoren der Studie, fest.

Verkn√ľpfung wissenschaftlicher Klimamodelle

Die MGI-Studie ‚ÄěClimate Risk and Response‚Äú verkn√ľpft daf√ľr wissenschaftliche Klimamodelle ‚Äď ausgehend von einem Business-as-usual-Szenario ‚Äď mit Wirtschaftsprognosen bis 2030 und 2050. Konkret wurden die sozio√∂konomischen Folgen des Klimawandels in 105 L√§ndern analysiert ‚Äď darunter auch Deutschland. Zus√§tzlich untersuchte das MGI in neun regionalen Fallstudien die Auswirkungen z.B. von Hitzewellen und Missernten sowie die Folgen f√ľr den globalen Handel und k√ľnftige Investitionsentscheidungen. Deutschland wird in der Studie zwar als ‚Äělower risk country‚Äú eingeordnet. Hitze und Trockenperioden werden jedoch auch hier zunehmen. Als Exportnation muss sich das Land zudem wirtschaftlich auf Risiken durch gef√§hrdete Lieferketten einstellen.

Daf√ľr st√ľtzt sich die MGI-Studie auf das am h√§ufigsten verwendete und von Experten √ľberpr√ľfte Ensemble von Klimamodellen, um die Wahrscheinlichkeiten relevanter Klimaereignisse abzusch√§tzen und die m√∂glichen Auswirkungen dieser Ereignisse zu untersuchen. Das renommierte Woods Hole Research Center (WHRC) erstellte f√ľr die Studie einen Gro√üteil der wissenschaftlichen Analysen zu physikalischen Klimagefahren. Das methodische Design und die Ergebnisse wurden von hochrangigen Wissenschaftlern des Environmental Change Institute der Universit√§t Oxford unabh√§ngig √ľberpr√ľft, um Unparteilichkeit zu gew√§hrleisten und die wissenschaftlichen Grundlagen f√ľr die neuen Analysen in diesem Bericht zu pr√ľfen. Es wurde das Emissionsszenario ‚ÄěRCP8.5‚Äú zugrunde gelegt.

Immer mehr Regionen betroffen

Doch was bedeutet das f√ľr Wirtschaft und Gesellschaft? ‚ÄěDie sozio√∂konomischen Auswirkungen des Klimawandels werden aller Voraussicht nach nicht linear sein‚Äú, warnt Experte Hauke Engel. Das hei√üt: Werden bestimmte Systemschwellen √ľberschritten, sind die Folgewirkungen massiver als je zuvor. Die Zahl derer, die in Regionen leben, in denen regelm√§√üig auch f√ľr gesunde Menschen t√∂dliche Hitzewellen auftreten, w√ľrde ohne Gegenma√ünahmen massiv ansteigen: Von heute null auf 250 Millionen bis 360 Millionen Menschen 2030 und sogar 700 Millionen bis 1,2 Milliarden bis 2050.

Das Bild zeigt die Wasserresorvoire Ugandas. Aufgenommen wurde es durch den Sentinel-3-Satelliten im Rahmen des Copernicus-Erdbeobachtungsprogramms. Foto: European Space Agency (ESA)

Das Bild zeigt die Wasserresorvoire Ugandas. Aufgenommen wurde es durch den Sentinel-3-Satelliten im Rahmen des Copernicus-Erdbeobachtungsprogramms. Foto: European Space Agency (ESA)

Nicht nur die gesundheitlichen, auch die √∂konomischen Folgen der Erw√§rmung w√§ren drastisch, wenn die Emissionen weiter so steigen wie bisher. Die Erw√§rmung des Ozeans k√∂nnte den Fischfang so verringern, dass es die Lebensgrundlage von 650 Millionen bis 800 Millionen Menschen beeintr√§chtigen w√ľrde. Auch auf die Finanzm√§rkte wird sich der Klimawandel auswirken. Er k√∂nnte die Risikobewertung in den betroffenen Regionen ver√§ndern ‚Äď vor allem mit Auswirkungen auf Kapitalallokationen und Versicherungen. Eine konkrete Folge k√∂nnte sein, dass in bestimmten Regionen wichtige Infrastrukturen wegbrechen k√∂nnten. Etliche f√ľr die Logistik wichtige Flugh√§fen liegen beispielsweise unter dem Meeresspiegel und in K√ľstenn√§he, wodurch sie von einem globalen Anstieg des Wasserpegels besonders bedroht sind.

Resilienz statt Effizienz

Ein zentrales Fazit der MGI-Autoren: Alle wichtigen gesch√§ftlichen und politischen Entscheidungen sollten k√ľnftig unter dem Aspekt des Klimawandels gepr√ľft werden. ‚ÄěIn der Wirtschaft wird es k√ľnftig nicht mehr nur um Effizienz gehen k√∂nnen, sondern viel mehr auch um Resilienz‚Äú, fasst es McKinsey-Partner Engel zusammen. Anpassungen seien dringend notwendig, um Klimarisiken zu managen ‚Äď auch wenn sich dies f√ľr die betroffenen Regionen zun√§chst als investitionsintensiv erweisen und mit schwierigen Entscheidungen verbunden sein k√∂nnte.

Zu wenig Satelliten im All

Zu √§hnlichen Erkenntnissen kommt eine Studie des WHRC, die sich mit der satellitenbasierten √úberwachung der arktisch-borealen Zone (ABZ) besch√§ftigt. Demnach sei die gegenw√§rtige Satellitenfernerkundung von unsch√§tzbarem Wert f√ľr die Erkennung von Ver√§nderungen im n√∂rdlichen √Ėkosystem. Gleichzeitig sei, so die WHRC-Studie, die Anzahl der Satelliten f√ľr eine systematische √úberwachung der ABZ unzureichend. Der Grund: Die ABZ erw√§rmt sich schneller als andere Regionen auf der Erde. Dies bedroht Bewohner, Wirtschaft und √Ėkosystem des Nordens gleicherma√üen. Um genauere Vorhersagen √ľber k√ľnftige Ver√§nderungen zu erhalten und passende Gegenma√ünahmen entwickeln zu k√∂nnen, werde die satellitenbasierte √úberwachung laut der WHRC-Studie eine Schl√ľsselrolle spielen. ‚ÄěSatelliten wie das Landsat-Programm sind unerl√§sslich, um die sich schnell √§ndernde ABZ √ľberwachen zu k√∂nnen‚Äú, erkl√§rt Brendan Rogers, WHRC-Wissenschaftler und Mitautor der Studie. ‚ÄěEinige dieser Programme beobachten inzwischen jahrzehntelang konsistent die Erde. Das erm√∂glicht es uns, kritische ABZ-Eigenschaften w√§hrend der ersten Jahrzehnte der Klimaerw√§rmung zu verfolgen.‚Äú

Eine dieser kritischen ABZ-Eigenschaften ist das Abschmelzen des Permafrosts. Da in den tiefen Frostschichten ‚Äď in manchen Regionen erstreckt sich der Permafrost bis in 1.500 Meter Tiefe ‚Äď fossile Pflanzen und Tierreste eingelagert und konserviert sind, enth√§lt der gefrorene Boden nach An-gaben des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) weltweit zwischen 1.300 und 1.600 Gigatonnen Kohlenstoff. Zum Vergleich: Die gesamte Atmosph√§re enth√§lt nur etwa 800 Gigatonnen Kohlenstoff. Schmilzt nun der Permafrost nach und nach weg, hat das Auswirkungen auf unser Klima. Denn durch die Freisetzung der Pflanzen- und Tierreste, wird auch Kohlenstoffdioxid und Methan freigesetzt ‚Äď was wiederum zu einer weiteren Verdichtung der Treibhausgase in der Atmosph√§re und damit zu einer Beschleunigung des Klimawandels f√ľhrt.

Detaillierte Anforderungen

Aus diesem Grund haben die WHRC-Wissenschaftler in ihrer Studie detaillierte Anforderungen f√ľr den Entwurf einer neuen Satelliten√ľberwachung sowie die Wartung vorhandener Systeme formuliert. Der Bericht enth√§lt daf√ľr Einzelheiten zum Schutz der vorhandenen Fernerkundung und zur Entwicklung neuer Technologien zur Beobachtung von See- und Landeis. Zudem empfiehlt die Studie die Entwicklung eines umfassenden und robusten suborbitalen Netzwerks ‚Äď d.h. die Forscher wollen die ABZ neben Satelliten auch mit Flugzeugen √ľberwachen. Dies solle, so die Studie, die L√ľcken in der weltraumbasierten √úberwachung schlie√üen.

‚ÄěEine nachhaltige Unterst√ľtzung f√ľr den Ausbau der Satellitennetze zur Erdbeobachtung ist von entscheidender Bedeutung‚Äú, fasst WHRC-Wissenschaftlerin Dr. Jennifer Watts zusammen. ‚ÄěOhne diesen Ausbau wird unsere F√§higkeit, Indikatoren f√ľr Ver√§nderungen zu erkennen, sehr eingeschr√§nkt. Zus√§tzlich zu den laufenden Investitionen in Satelliteninfrastruktur und Datenerfassung ben√∂tigen wir auch laufende Unterst√ľtzung f√ľr die Analyse und Interpretation der von Satelliten erfassten Daten.‚Äú (jr)

www.mckinsey.com

www.whrc.org