„Wir brauchen Technologien, die nicht alles auf eine Karte setzen“

Der Philosoph und Physiker Armin Grunwald vom KIT ĂŒber die SchlĂŒsselfunktion der Digitalisierung.

Digitale Technologien spielen aktuell eine große Rolle. Sie ersetzt in Zeiten des Social Distancing den direkten Kontakt. Aber: Analoge Kommunikation ist auf Dauer nicht zu ersetzen. Des Weiteren darf man die Digitalisierung vor dem Hintergrund anderer Probleme rund um die KlimaerwĂ€rmung oder die Energiewende nicht vergessen, warnt Armin Grunwald, Experte fĂŒr TechnikfolgenabschĂ€tzung am Karlsruher Institut fĂŒr Technologie (KIT) im Interview.

 

Digitale Kommunikationstechnologien unterstĂŒtzen uns derzeit dabei, die Folgen der Krise abzufedern. Kann die Technik auch helfen, noch grĂ¶ĂŸere ökonomische und gesellschaftliche Verwerfungen zu verhindern?

Armin Grunwald: Die Digitalisierung hilft sehr, in der Krise vieles aufrechtzuerhalten, was analog zurzeit nicht geht: vom Homeoffice mit Videokonferenzen bis zum Schulunterricht oder universitĂ€ren Lehrbetrieb von zu Hause aus. Allerdings ist Technik nicht alles. Sie macht den Verlust von Gemeinschaft und die soziale Isolierung fĂŒr eine gewisse Zeit zwar leichter ertrĂ€glich, bleibt aber doch nur ein Ersatz fĂŒr echte menschliche Begegnung. FĂŒr manche Zwecke wie organisatorische Besprechungen ist sie ein sehr guter, fĂŒr andere wie Gottesdienste oder Live-Konzerte eher ein fader Ersatz.

 Wird sich unser Arbeitsleben auch ĂŒber die Krise hinaus dauerhaft verĂ€ndern?

Grunwald: Wir lernen unter dem aktuellen Zwang viel schneller, mit den digitalen Werkzeugen umzugehen. Wir lernen, analoge und digitale Formate in ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen viel besser einzuschĂ€tzen. Das gilt fĂŒr digitalen Unterricht genauso wie fĂŒr berufliche Dinge oder auch private Kommunikation. Ich denke schon, dass wir mit dieser neu erworbenen oder stark vertieften Kompetenz bessere Kombinationen von analog und digital im Arbeitsleben auch auf Dauer behalten werden. Aber: Gerade komplexe inhaltliche Diskussionen funktionieren in der digitalen Ersatzkommunikation eher schlecht. So lebt unter anderem die Wissenschaft vom inhaltlichen Dialog, vom lebendigen Austausch, vom Brainstorming, von neuen Konstellationen, vom Streit um das beste Argument.

 Neben dem Social Distancing werden auch technische Lösungen diskutiert, um die Pandemie einzudĂ€mmen, beispielsweise die Erhebung von Bewegungsprofilen. Welche unerwĂŒnschten Folgen mĂŒssen wir bei ihrem Einsatz im Auge behalten?

Grunwald: Totalkontrolle wĂ€re aus Sicht mancher Wissenschaftler und Politiker eine schöne technische Lösung zur Überwachung und Isolierung, zum Beispiel auch von GefĂ€hrdern und GefĂ€hrdeten. Dann könnten die anderen weitgehend normal weiterleben. Dahinter stehen komplexe AbwĂ€gungen, fĂŒr die es nicht einfach eine Bewertung nach richtig oder falsch gibt. Ich halte solche Überlegungen in Notstandszeiten – auch wenn wir dieses Wort nicht verwenden sollen – fĂŒr legitim, wenn die Maßnahmen hart zweckgebunden und auf ein Minimum beschrĂ€nkt werden, sowie ihre DurchfĂŒhrung streng ĂŒberwacht wird. Das können mögliche Übergangslösungen sein, sobald das Social Distancing gelockert wird, um ein Wiederaufflackern der Virusausbreitung zu verhindern.

 Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Kraftanstrengungen sind enorm: Ein Vorbild fĂŒr die BewĂ€ltigung anderer globaler Herausforderungen wie der Klimakrise?

Grunwald: Die Coronakrise verringert die Umweltverschmutzung, die Wirtschaft runterzufahren, nĂŒtzt dem Klima. Aber das ist nun wirklich keine Lösung! Ich befĂŒrchte, dass das gerade wieder erwachte Problembewusstsein zum Klimawandel erstmal weg ist. Auch einflussreiche Zeitungen schreiben schon, dass angesichts des Virus das Klima vielleicht doch nur ein Scheinproblem sei. Das ist gefĂ€hrlich, denn das Klimaproblem bleibt und wird sich verschĂ€rfen.

 

Welche SchlĂŒsse sollten wir aus der derzeitigen Situation ziehen? Muss Technologieentwicklung kĂŒnftig verstĂ€rkt auf ihre Resilienz in Krisensituationen ausgerichtet sein?

Grunwald: Unbedingt mĂŒssen wir uns unsere krasse AbhĂ€ngigkeit von Technologien und Wirtschaftsprozessen stĂ€rker ins GedĂ€chtnis rufen. Ohne Strom und Internet, ohne globale Lieferketten und MobilitĂ€t bricht alles zusammen. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass immer alles funktioniert. Ist ja auch bequem. So wurden auch Studien zu möglichen Virusepidemien weitgehend ignoriert. Wir brauchen viel stĂ€rker ein Bewusstsein, dass auch alles anders laufen könnte, auch wenn das unbequem ist und die abendliche GemĂŒtlichkeit auf dem Sofa stört. Wir brauchen PlĂ€ne B fĂŒr den Fall der FĂ€lle. Und wir brauchen Technologien, die nicht alles auf eine Karte setzen. Das kann fĂŒr Dezentralisierung sprechen, zum Beispiel in der Energiewende oder im Digitalbereich.

Die Expertise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat derzeit einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung und großen Einfluss auf politische Entscheidungen. Stehen wir vor grundsĂ€tzlichen VerĂ€nderungen bei der wissenschaftlichen Beratung von Politik und Gesellschaft?

Grunwald: An der Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft laufen seit Jahrzehnten VerĂ€nderungen. Wissenschaft ist gefragt, steht aber auch unter Legitimationsdruck. Daran Ă€ndert die Krise nichts. Wissenschaft steht vielleicht noch ein wenig stĂ€rker in der gesellschaftlichen Verantwortung als zuvor. Aber da gehört sie auch hin, und das nicht nur als Virologie, sondern ĂŒbergreifend.

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