„Die öffentliche Hand steht in der Verantwortung“

Jan Ruschkar arbeitet bei Max Bögl in der Abteilung BIM als Koordinator im Bereich Tiefbau. Die größte Bauunternehmung Deutschlands in Privatbesitz ist ein Vorreiter der Umsetzung von BIM-Prozessen auch im Tiefbau.

3D-Modellierung von Straßen und Infrastrukturen. Der BIM-Ansatz geht von einer Modellierung der Daten in einer einheitlichen Umgebung aus. Bild: neoapps/TUM

3D-Modellierung von Straßen und Infrastrukturen. Der BIM-Ansatz geht von einer Modellierung der Daten in einer einheitlichen Umgebung aus. Bild: neoapps/TUM

Die Bauindustrie gilt noch immer als antiquiert. Doch der Weg in die digitalisierte Zukunft ist vorgezeichnet. Dafür steht der Trendbegriff Building Information Modeling (BIM). Die Art und Weise, wie Bauwerke geplant und über den gesamten Lebenszyklus betrachtet werden, soll sich wesentlich verändern. Die neuen Formen der Zusammenarbeit auf Basis vernetzter Daten und Softwarefunktionen soll helfen, neben den drei räumlichen Dimensionen auch die zeitliche Ablaufplanung und die Kostenentwicklung zu dokumentieren und zu prognostizieren. Das digitale Bauen hat also fünf Dimensionen. Max Bögl setzt bei BIM daher auf eine vernetzte IT-Infrastruktur. Dort kommen verschiedene Systeme für die Projektabwicklung wie RIB iTWO, Microsoft Project oder RIB iTWO civil zur Anwendung. Business Geomatics sprach mit Jan Ruschkar darüber, inwiefern BIM sich auch im Bereich des Tiefbaus niederschlägt.

Business Geomatics: Bei Architekten wird das Schlagwort BIM intensiv diskutiert: Wie stellt sich die Lage aus Ihrer Sicht im Tiefbau dar?

Jan Ruschkar erwartet, dass die derzeitigen Unsicherheiten hinsichtlich der BIM-Einführung in spätestens zehn Jahren überwunden sein werden.

Jan Ruschkar erwartet, dass die derzeitigen Unsicherheiten hinsichtlich der BIM-Einführung in spätestens zehn Jahren überwunden sein werden.

Jan Ruschkar: Diese ganz wichtige Diskussion findet auch im Bereich Tiefbau sehr aktiv in allen Bereichen von der Planung bis hin zur Ausführung statt. Es herrscht derzeit eine Art Aufbruchsstimmung, da man mit BIM die Chance sieht, einen ganzheitlichen Prozess abzubilden, die Projektabwicklung eines Bauwerkes als kompletten Lifecycle darzustellen und daraus Mehrwerte in allen Projektphasen sowie für alle Projektbeteiligten zu generieren.

Gleichzeitig findet man aber auch eine Art Verunsicherung vor, die sich aus fehlenden Standards und Leitfäden heraus ergibt. Aber auch die noch nicht klar geregelte Verfahrensweisen für die die Anwendung der HOAI, die Ausschreibung/Vergabe sowie die Abrechnung mit den neuen BIM-Methoden stellen Hemmschwellen dar. Daher sind klare Regeln und Standards für die gezielte Nutzung von BIM ganz essentiell.

Welche Rolle haben die 3D-Vermessungstechniken für die Umsetzung von BIM?

Aus meiner Sicht ist der Einsatz von 3D-Vermessungstechniken ein ganz relevanter Punkt für die Umsetzung von BIM. Dazu zählt die Anwendung neuer Methoden im Bereich der Bestandsaufnahmen, Bauausführung und Abrechnung wie Laserscan, der Einsatz von Drohnen oder die Bereitstellung von 3D-Bauwerksdaten direkt auf der Baustelle. Man spricht hier auch von BIM2Field.

Wichtig ist die genaue Definition der Anforderungen im Vorfeld des Projekts, um die richtige Vermessungsmethode festzulegen und später eine effiziente Auswertung sowie Anwendung der gewonnen Daten zu gewährleisten. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Akzeptanz der Anwender, speziell auf der Baustelle, für den Einsatz dieser neuen Methoden.

Bei der Mengenermittlung beispielsweise wird immer direkt auf der Baustelle mit 3D-Methoden vermessen. Ist die Baufortschrittsdokumentation für viele der Einstieg in BIM?

Das kann natürlich für viele Anwender der Einstieg in BIM sein. Hierfür sind aber geeignete Werkzeuge zu entwickeln, die es auf einfache Art und Weise erlauben, alle relevanten Daten zu erfassen und miteinander in Beziehung zu setzen. Dies spielt insbesondere bei der Rückmeldung und Statusverfolgung, also dem Soll/ Ist-Vergleich der Bauleistung, eine wichtige Rolle.

Im Hochbau wird viel über die IFC-Schnittstelle gesprochen. Inwieweit ist diese für typische Tiefbauprojekte relevant?

Eine standardisierte Schnittstelle für den Austausch von 3D-Bauwerksmodellen ist sowohl im Hochbau als auch im Tiefbau sehr wichtig, da der Datenaustausch ganz klar geregelt sein muss. Derzeit werden bei Tiefbauprojekten keine Daten über IFC ausgetauscht, weil die Schnittstelle bisher nicht für den Tiefbau entwickelt oder standardisiert wurde und somit auch von keinem Softwareanbieter angeboten wird. Um diesem Problem entgegen zu wirken, wurde vom BMVI ein Forschungsprojekt zur Begleitung der internationalen Standardisierung im Bereich IFC-Rail/IFC-Road ins Leben gerufen, bei dem Max Bögl aktiv mitwirkt.

BIM wird häufig mit 3D-Modellierung gleichgesetzt, andere sagen, auch der Weg über die 2D-Modellierung bringe bereits viele Vorteile. Wie entscheidet die Praxis?

Die Praxis, also die Baustelle, verlangt zur Herstellung der Bauleistungen zwingend 3D-Daten, also zum Beispiel Absteckdaten oder Daten für die Maschinensteuerung, von den herzustellenden Bauteilen. Dies erfolgt derzeit mit den herkömmlichen Softwareanwendungen für Tiefbau und Vermessung. Zukünftig sehe ich den Einsatz der 3D-Modellierung und die Anwendung von 3D-Bauwerksmodellen in Planung und Bauausführung als ganz wesentlichen Bestandteil in der Projektabwicklung. Ich gehe fest davon aus, dass sich die 3D-Modellierung in der Praxis durchsetzen wird.

Welche Aufgabe hat die öffentliche Hand als wichtiger Auftraggeber im Bereich Tiefbau?

Die öffentliche Hand als Auftraggeber steht in der Verantwortung, die neuen BIM-Methoden für ihre Bauprojekte in der Anwendung einzufordern. Diese müssen mit dem Stufenplan vom BMVI aufgefordert BIM in den nächsten Jahren eingeführt und bis 2020 bei allen neuen Infrastrukturprojekten angewendet werden. Daher gilt es jetzt, gemeinsam die Zeit zu nutzen, die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten, um für die Anwendung der BIM-Methoden in der Zukunft gewappnet zu sein.

Welche Rolle spielen klassische GIS für die Datenmodellierung?

Klassische GIS spielen derzeit für die Bauausführung aus meiner Erfahrung eine untergeordnete Rolle. Wenige können die Daten zielführend verarbeiten und weiterverwenden. Zukünftig wird die Verbindung der BIM-Daten mit GIS-Daten aber ein ganz wesentlicher Punkt für den ganzheitlichen BIM-Prozess sein.

Wie wird nach Ansicht von Max Bögl BIM in zehn Jahren aussehen?

In zehn Jahren werden die meisten Projekte in Deutschland im Tiefbau und Hochbau modellbasiert und mit BIM-Methoden abgewickelt. Alle Prozesse von der Planung über die Ausschreibung, Bauausführung und die Unterhaltung sind gut aufeinander abgestimmt und vernetzt. Die Anwendung von BIM-Methoden ist Standard. BIM2Field Lösungen werden genauso eingesetzt wie Laserscan und Drohnen.