Auf neuem Fundament

Bei seinem Anwendertreffen in Kassel zeigte der GIS-Hersteller Caigos erstmals live seine neue Version Caigos 2016. Das neue Produkt wurde entwicklungstechnisch auf eine komplett neue Basis gestellt. Diese soll für die nächsten 15 Jahre tragfähig sein.

Rund 250 Besucher waren auf dem Caigos Anwendertreffen in Kassel.

Rund 250 Besucher waren auf dem Caigos Anwendertreffen in Kassel.

Wie bekannteste Landmarke der Stadt Kassel ist der Herkules. Die Statue aus dem Jahr 1717 über dem bekannten Bergpark Wilhelmshöhe huldigt dem griechischen „Halbgott“, der es schaffte, zwölf übermenschliche Aufgaben zu lösen. Die Herkulesaufgabe ist deshalb bis heute im Wortschatz verankert. So überragte die Figur auch das diesjährige Anwendertreffen des GIS-Anbieters Caigos – zumindestens im übertragenen Sinne, denn die saarländische Firma zeigte Anfang Juni in der nordhessischen Stadt ihre neue Softwareversion – Caigos 2016. „Bei dem neuen System haben wir entwicklungstechnisch keinen Stein auf dem anderen gelassen und eine Lösung entwickelt, die nun komplett auf den neuesten Standardtechnologien in der IT-Entwicklungswelt aufsetzt“, skizzierte Geschäftsführer Lothar Bubel vor den rund 250 Teilnehmern die neue Lösung. Der alte Entwicklungsunterbau des Systems, der weitgehend in Delphi entwickelt wurde und seit Mitte der 1990er Jahr eingesetzt worden war, sei zwar sehr gut gewesen, reiche aber als Basis für zukünftige Softwaregenerationen gerade vor dem Hintergrund der aktuellen und zukünftigen mobilen IT-Welt nicht mehr aus, erklärte Bubel gleich zu Beginn der Veranstaltung.

Wesentliche Neuerungen sind, dass die Programmiersprachen C++ sowie Python zur Entwicklung von Caigos 2016 eingesetzt wurden. Während C++ ISO-genormt als Standardprogrammiersprache schon seit vielen Jahren in der IT-Welt verankert ist und sowohl in der Systemprogrammierung als auch in der Anwendungsprogrammierung eingesetzt wird, unterstützt Python grundsätzlich mehrere Programmierparadigmen. So sind in Python z.B. die objektorientierte, die aspektorientierte und die funktionale Programmierung miteinander vereinbar. Ferner bietet Python eine dynamische Typisierung, was für die Anwendungsentwicklung von besonderer Wichtigkeit ist. Wie viele dynamische Sprachen wird Python oft als Skriptsprache genutzt. „Vor allem C++ als Standardprogrammiersprache besitzt den notwendigen Reifegrad für GIS-Kernentwicklungen und Python als Script-Sprache ist inzwischen soweit ausgereift, dass GIS-Anwendungen produktiv und effizient programmiert werden können,“ beschrieb Lothar Bubel, der als Geschäftsführer auch alle strategischen Entscheidungen für die Entwicklung vorgibt, die Festlegung des Unternehmens. Python fungiert als Scriptsprache und adressiert vor allem die Anwendungsentwicklung. Sie löst bei Caigos 2016 die bisher genutzte, hauseigene Sprache ElaP ab: Zwei fundamentale neue Weichenstellungen also, die „für die nächsten 15 Jahre die Plattform für die Weiterentwicklungen rüsten werden“, ist der Caigos-Chef überzeugt. Nach Angaben von Caigos stecken in dem neuen Programm mehr als 20 Mannjahre Entwicklungsarbeit. Alleine diese Zahl beschreibt die herkulesartige Herausforderung, der sich das Unternehmen mit seinen mittlerweile über 35 Mitarbeitern in den letzten beiden Jahren gestellt hat.

Geschäftsführer Lothar Bubel (rechts) und Support-Leiter Thomas Willmes (links) übernahmen Großteile der Präsentationen. Caigos-Mitarbeiter Ulrich Neunfinger (Mitte links) und Norbert Wagner, Geschäftsführer der IDS-Gruppe Holding GmbH (zu der Caigos zu 100 Prozent gehört) verfolgten das Geschehen.

Geschäftsführer Lothar Bubel (rechts) und Support-Leiter Thomas Willmes (links) übernahmen Großteile der Präsentationen. Caigos-Mitarbeiter Ulrich Neunfinger (Mitte links) und Norbert Wagner, Geschäftsführer der IDS-Gruppe Holding GmbH (zu der Caigos zu 100 Prozent gehört) verfolgten das Geschehen.

Wie bei jeder Technologieumstellung dieser Tragweite üblich, sind bisher noch nicht alle der über 40 Fachanwendungen komplett auf die neue Basis migriert. Dafür gibt es durchaus strategische Gründe, denn dies hätte nach Angaben von Caigos nämlich für Jahre nahezu sämtliche Entwicklungsressourcen der Firma gebunden. „Wir haben bisher auch und gerade im Sinne unserer Kunden stets ein sanftes Migrationskonzept gewählt. Für unsere Kunden heißt das, dass sie die alten Fachanwendungen auch mit Caigos 2016 weiter uneingeschränkt nutzen können“, so Bubel. Dafür ist in Caigos 2016 ein spezieller Konverter implementiert, der zwischen der neuen Basis und den bisherigen Anwendungen (auf ElaP-Basis) quasi vermittelt. Die Kompatibilität zu den Vorgängerversionen war oberstes Entwicklungsziel des neuen Caigos 2016. „Wir gehen davon aus, dass diese Komponente noch die nächsten Jahre in den neuen Versionen enthalten sein wird, so dass genügend Zeit für die rund 1.000 Kunden bleibt, den kompletten Umstieg mit allen Anwendungen zu vollziehen. Vor allem sollen Nutzer von Caigos 2016 sogleich von besserer Performance und einfacherer Bedienung profitieren“, so Bubel. Dies liegt darin begründet, dass die neue Basis die Ablage aller Daten in SQL-Datenbanken besser unterstützt.

Komplett neu ist das Administrationstool mit integriertem Rollensystem und Versionsverwaltung, das in Kassel bereits live als durchgängige Webanwendung vorgeführt und von den Anwendern sehr positiv angenommen wurde. Schließlich gibt es viele Caigos-Kunden, die umfangreiche Eigenentwicklungen auf Basis der schon immer sehr offenen Architektur durchgeführt haben und somit hohe Anforderungen an die Administration haben. Nun können zum Beispiel allen Nutzern und Gruppen zentral verschiedene Rechte und Rollen zugewiesen werden. Auch Sonderrechte sind mit Caigos 2016 erstmalig möglich. Gleichzeitig wird auch via Web überwacht, wer welche Version einsetzt, woraus sich sehr einfach eine Update-Strategie entwickeln lässt.

Diese neue Administration ist gewissermaßen der Schlüssel für alle weiteren neuen Anwendungen, denn die Architektur ist nun komplett Web-basiert (JavaScript-Framework ExtJS-Framework und moderne REST-Schnittstellen). Somit bietet Caigos 2016 die „Möglichkeiten für komplett neue Denkansätze bei der Programmentwicklung“, beschreibt Bubel die Chancen für die Zukunft durch die neue Technologie. Damit appellierte er gleichzeitig auch an die Nutzer, die eigene Systemlandschaft in Richtung neuartiger, vernetzter Prozesse zu prüfen und so auch Entwicklungsimpulse für die Zukunft zu geben. „Vieles geht mit der neuen Technologie, woran man bisher noch nicht einmal gedacht hat“, so die kurze aber prägnante Botschaft. Schon in Kassel zeigte Caigos live neue mobile Anwendungen wie zum Beispiel die Fachanwendung für Instandhaltung, die in Zukunft immer stärker zum Aushängeschild des Unternehmens werden soll.

Bei der Caigos-Familie – manche Anwender sind bereits seit Jahrzehnten Kunde – sorgte dies für großes Interesse, schließlich hatte Caigos schon Mitte letzten Jahres eine neue Version angekündigt. Zugunsten der Zukunftsfähigkeit entschied man sich jedoch dazu, bei der Entwicklung noch tiefer zu greifen.

Hintergrund dazu sind die heutigen Anforderungen an webbasierte GIS, die vor allem prozessorientiert sein sollten. Schließlich sollen Anwender nicht per Browser in die GIS-Welt vielversprechend eintauchen und dann relativ schnell auf einer harten technologisch limitierten Realität aufschlagen. Anders formuliert: Die Potenziale, die Webanwendungen für Vernetzung, einfache Bedienung und schnellen Datenzugriff bieten, blieben ungenutzt. „Heute können wir mit Caigos 2016 im Grunde das letzte Teil des Puzzles präsentieren, das wir vor rund fünf Jahren schon konzeptionell vorgezeichnet haben“, sagt Bubel. Mit den Städten Norden und Ludwigshafen sowie den Stadtwerken Neuwied haben nun die ersten Pilotkunden Caigos 2016 erhalten, mit dem Ziel, auch die vielen Neuerungen auf der Anwendungsebene ausgiebig zu testen. Dazu gehört beispielsweise eine neue Render-Engine, die auch Kachel-Technologie unterstützt, was insbesondere die Performance nochmals nachhaltig steigern soll. Ebenso ermöglicht die neue Systemarchitektur ein paralleles Prozessieren, so dass Kunden die Performance einfach über die Hardware skalieren können: Je mehr Rechenkerne parallel arbeiten, desto schneller die Datenverarbeitung. Eine weitere neue Funktionen stellt auch der native PDF-Druck dar, mit dem nun Raster- und Vektordaten gleichermaßen gestochen scharf gedruckt werden können.

Auf dem Anwendertreffen präsentierte Lothar Bubel nicht ohne Stolz auch die wirtschaftlich äußerst positive Entwicklung der Caigos GmbH der letzten fünf Jahre. 2015 war für das Unternehmen mit fast fünf Millionen Jahresumsatz ein absolutes Rekordjahr, und bedeutet ein Wachstum von über 20 Prozent zum Vorjahr. Das zur IDS-Gruppe gehörende Unternehmen will weiter wachsen und sucht händeringend nach neuen Mitarbeitern – vor allem nach Entwicklern. Im nächsten Jahr feiert Caigos 30jähriges bestehen. Dann wird das Anwendertreffen in Leipzig stattfinden und die spannendste Frage wird vermutlich dort sein, wie sich das Neudenken des GIS in der Praxis bei den Nutzern bis dahin durchgesetzt hat. (sg)

www.caigos.de