Vermessung unter dichtem Blätterdach

Ulrich Gaesing ist seit 40 Jahren Vermessungsingenieur in Bielefeld, als er sich dazu entscheidet, einer Kaffeebauerngenossenschaft in Nicaragua zu helfen. Anfang 2015 machte er sich auf zu einem sechswöchigen Projekt um im Nebelwald kleinere Kaffeeplantagen zu vermessen.

Die Kaffepflanzen in Esteli gedeihen unter dem dichten Blätterdach der Bäume im sogenannten Nebelwald. Bild: Becca Rodomsky / flickr

Die Kaffepflanzen in Esteli gedeihen unter dem dichten Blätterdach der Bäume im sogenannten Nebelwald. Bild: Becca Rodomsky / flickr

Eingebettet im nördlichen Hochland von Nicaragua ist Esteli die drittgrößte Stadt des Landes Die Berge rund um Esteli erreichen 1.600m über dem Meeresspiegel und sind von einheimischen Bäumen bewachsen. Im Schatten dieser Bäume auf den fruchtbaren vulkanischen Böden der Region gedeihen Kaffeepflanzen. Trotz den idealen Bedingungen in der Region sind die kleinen Kaffeebauern in Esteli arm; um höhere Preise für die Arabica-Kaffeebohnen zu erzielen, bewerben sich deshalb viele dieser Bauern für die Bio-Zertifizierung. Für den Zertifizierungsprozess müssen sie Karten vorlegen können, auf denen klare Farmgrenzen abgebildet sind – doch die Kosten für eine Vermessung des Farmgeländes sind meist zu hoch für die Bauern. Aus diesem Grund bat die Union of Cooperatives of Agriculture (UCA) Estelis Partnerstadt Bielefeld um Hilfe:

Zeit für Veränderung

Im Jahr 2014 war Ulrich Gaesing nach langjähriger Vermessungsarbeit bei der Stadt Bielefeld bereit für eine Veränderung. Esteli war ihm nicht unbekannt: 1993 hatte Gaesing im Auftrag der Stadt Bielefeld ein aktuelles Kataster der südamerikanischen Stadt erstellt. „Ich dachte mir, dass eine Rückkehr nach Nicaragua ein großartiges Abenteuer werden würde und dass ich die Chance hatte, etwas Gutes zu tun“, erklärt Gaesing. Dieses Mal jedoch würde er unabhängig nach Mittelamerika reisen – zwar mit der Unterstützung seines Arbeitgebers, jedoch auf eigene Kosten und im Rahmen seiner Urlaubszeit. Zur Vorbereitung besuchte Gaesing im selben Jahr die Trimble Dimensions Anwenderkonferenz und traf dort einen Mitarbeiter des deutschen Geospatial Anbieters ALLTERRA, der ihm großzügig Ausrüstung für die Expedition zur Verfügung stellte: Eine Geodimeter 608S Autolock Totalstation und zwei Trimble GeoXH GPS-Handhelds , sowie eine unterstützende Feld- und Auswerte-Software.

Da es in Esteli kein GPS-Referenzsystem gab, musste Gaesing auf ein klassisches Geodimeter zurückgreifen. Bild: Images courtesy of Ulrich Gaesing

Da es in Esteli kein GPS-Referenzsystem gab, musste Gaesing auf ein klassisches Geodimeter zurückgreifen. Bild: Images courtesy of Ulrich Gaesing

Im Februar 2015 begann schließlich das Abenteuer in Nicaragua. Die Wochenenden verbrachte Gaesing in der Stadt Esteli; unter der Woche lebte er in den Bergen mit den Kaffeebauern. „Ich habe ihr Leben gelebt“, erzählt er. „Wir standen mit der Sonne um 5.30 Uhr auf und begannen den Tag mit Mais-Tortillas und Kaffee.“ Gaesing arbeitete in einem Team mit vier oder fünf Kollegen, darunter ein in Deutschland geborener Übersetzer, ein nicaraguanischer Arbeiter aus der UCA und ein oder zwei lokale Studenten. Da die Kaffeepflanzen in Esteli unter größeren Bäume wachsen, sind die Farmgrenzen schwierig zu bestimmen. Angekommen auf der ersten Farm ging Gaesing deshalb zunächst die Grenzen mit den Kaffeebauern ab. Danach bestimmte er die Baumwipfel, um die ersten GPS-Punkte zu erfassen. Während er zu Hause in Bielefeld die Trimble S6-Totalstation und das Trimble R10 GNSS-System verwendete, musste er für die Vermessungen in Nicaragua auf eine klassische Geodimeter Totalstation zurückgreifen, die er zwischen den Zweigen unter dem Blätterdach positionierte.

„Stellen Sie sich die Vermessung in einem Land vor, in dem es keine Vermessungspunkte und kein GPS-Referenzsystem gibt. Das ist Nicaragua“, erzählt Gaesing. Da ihm diese Einschränkung bekannt war, hatte er ursprünglich geplant, einen GPS-Handheld auf einem Vermessungspunkt mit bekannten UTM Koordinaten zu verwenden und den anderen Handheld an einem Punkt in ungefähr 30 km Entfernung zu platzieren. Mithilfe simpler Differentialberechnungen könnte er daraufhin die Koordinaten für den neuen Punkt bestimmen. Unglücklicherweise gab es nicht einmal im Stadtzentrum von Esteli bekannte Vermessungspunkte. Da Gaesing diese Referenzpunkte jedoch brauchte, um ein Kataster zu erstellen, sammelte er schließlich einige GPS-Positionen – mindestens zwei pro Kaffeeplantage. Danach verließ er sich auf die terrestrische Vermessung mit dem Geodimeter. Glücklicherweise war die autonome fünf Meter-Genauigkeit des Handhelds unter den gegebenen Umständen ausreichend.

„Ich war so erfreut, das Geodimeter zu bekommen“, sagte Gaesing. „Ich verwendete eine neuere Trimble CU Kontrolleinheit, mit der ich bereits vertraut war, und das Instrument hat sehr gut funktioniert. Da es in den Bergen dort keinen Strom gibt, habe ich die Batterien mit Solarzellen aufgeladen. Leider hatte das einzige Stativ das ich in Esteli finden konnte, nur zwei funktionierende Beine!“ Tagsüber waren die Bedingungen in den Bergen zwar angenehm, dafür brachen die Temperaturen auf 1.200 Metern in der Nacht stark ein und die Häuser der Plantagen hatten weder Strom, Telefon noch eine Internetverbindung. In den Abendstunden zeichnete der Vermesser deshalb seine Erfahrungen im Licht einer Taschenlampe in einem Notizbuch auf. „Ich schrieb alle meine Eindrücke und alles was ich gesehen hatte auf“, erzählt er. „Ich wusste, dass ich meine Erlebnisse nach meiner Rückkehr auf irgendeine Weise teilen wollte.“

Wenn er seine Arbeit auf einer der Plantagen abgeschlossen hatte, trug Gaesing seine komplette Ausrüstung zu Fuß zur nächsten Stelle. Die Nachbearbeitung musste bis zum Wochenende in Esteli warten, wenn er wieder Zugang zu Strom und Internet hatte; erst dann konnte Gaesing damit beginnen, die Daten in die Trimble Vermessungs Manager-Software zu importieren und seine GPS Koordinaten grob in Google Earth zu überprüfen. Diese Daten mailte er daraufhin an seine Kollegen in Deutschland, die schließlich mittels Trimble GEOgraf Software und AutoCAD 2000 die finalen Karten erzeugten.

Ein bleibendes Vermächtnis

Seine Erlebnisse in Esteli hat Ulrich Gaesing in seinem Buch „Die Kaffee-Vermessung“ (ISBN: 978-3-86460-423- 2) verewigt.

Seine Erlebnisse in Esteli hat Ulrich Gaesing in seinem Buch „Die Kaffee-Vermessung“ (ISBN: 978-3-86460-423- 2) verewigt.

Gaesing hat für Esteli nicht nur Plantagen- Kataster erstellt, sondern auch ortsansässigen Studenten beigebracht, wie man vermisst. „Für mich war es zunächst das Wichtigste, während meiner Zeit hier so viel wie möglich zu vermessen“, erklärt er. „Das zweitwichtigste war aber, anderen Menschen etwas beizubringen.“ Jede Woche wurde Gaesing von verschiedenen Studenten der öffentlichen Universität in Esteli, Universidad Nacional de Ingenieria (UNI), begleitet. An einem Wochenende lehrte Gaesing interessierte Studenten eines Vermessungskurses GPS-Grundlagen, Koordinatensysteme und wie die Geodimeter verwendet werden. Außerdem überließ er der Universität das Geodimeter und die Trimble GeoXH Instrumente.

Während seines Aufenthalts vermaß Gaesing acht Plantagen mit insgesamt 35 Hektar Kaffeepflanzen – und jede der Plantagen erhielt im Anschluss die Bio-Zertifizierung. Obschon Gaesing ein wichtiges und erfolgreiches Vermächtnis in Esteli hinterlassen hatte, so haben vor allem seine eigenen Erfahrungen dort, sowohl 1993 als auch 2015, einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Und die Dankbarkeit, die ihm von der UCA entgegengebracht wurde, erfüllte ihn mit großer Zufriedenheit – so wie eine gute, starke Tasse Bio-Kaffee aus den Bergen Nicaraguas.

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