Digitalisierung in kleinen Schritten

GeoBIM, Smart City, Big Data, BIM oder Geospatial 4.0: Es gibt eine Reihe von Begriffen, die in der Geoinformationswirtschaft derzeit in Mode sind. Für manchen werden alleine diese Buzzwords Grund genug sein, die INTERGEO in Hamburg zu besuchen.

Andere schauen genauer auf die vielen Innovationen, die sich hinter diesen Begriffen verstecken. Auf konkreter Produktebene sind auf der INTERGEO 2016, die vom 11. bis 13. Oktober in Hamburg stattfindet, nämlich eine große Anzahl von Neuerungen zu sehen, die der bunten Anwenderschaft der Geoinformatik einen konkreten praktischen Nutzen bringen. Mit 522 Ausstellern zählt die Messe in etwa so viele wie in den letzten Jahren.

UAV profitieren von 3D

Zwar sind große innovative Meilensteine wie GNSS, 3D-Laserscanning oder unbemannte Fluggeräte längst in der Praxis angekommen. Aber ausgereifte Produkte, homogene und effiziente Workflows oder auch sinkende Preise machen die Angebote auch für Branchen, in denen die Vermessungstechnologie bisher als exotisch galt, immer interessanter.

Bild: HINTE GmbH

Bild: HINTE GmbH

Zum Beispiel im Drohnen-Markt, für den sich die INTERGEO in den letzten Jahren als wichtige, weltweite Messeplattform entpuppt hat. Hersteller von Flugplattformen aus der Ultraleichtklasse zeigen im Rahmen der Interareal Solutions auf, warum UAV ihren festen Platz auf der Ausstattungsliste eines Vermesser haben. Das Thema ist nach wie vor ein Dauerbrenner, was auch die hohe Anzahl an Start-up-Unternehmen verdeutlicht, die im Rahmen des Sonderausstellungsbereichs vertreten sind. In der Flight Zone können Besucher nicht nur überprüfen, wie sich die Flugeigenschaften verbessert haben, es gibt sogar einige ganz neue UAV-Typen zu sehen. Neben den Multicoptern und den Starrflüglern (Fixed Wings) tauchen nun erste sogenannte VTOL-Drohnen (vertikal take off and landing) auf, etwa bei Quantum Systems oder Aerolution. Sie stellen gewissermaßen ein Hybrid dar und sollen die Vorteile der Rotorenund Tragflächen-basierten Modelle vereinen. Grundlage ist eine flexible Rotorstellung: Stehen diese senkrecht, sind vertikale Starts und Landungen möglich. Sobald die Fluggeräte in der Luft sind, neigen sich die Rotoren, gehen in eine horizontale Stellung und sorgen nun für die Vorwärtsbewegung. Die Tragfläche übernimmt dann den Auftrieb.

Die größte Stärke dieser Typen ist nicht nur der komplikationslose Aufstieg, sondern vor allem die Reichweite. VTOL-Drohnen haben eine Flugzeit von bis zu zwei Stunden und erreichen dabei eine Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde. Mit diesem Vorteil ist aber gleichzeitig das aktuell größte Hindernis verbunden. Derzeit ist der UAV-Betrieb außerhalb der Sichtweite nämlich noch nicht erlaubt. Die Hersteller warten also sehnlichst, dass der Gesetzgeber wie bereits in anderen Ländern geschehen (USA, Finnland) die Vorgaben lockert.

Dann könnten diese Fluggeräte abermals eine Nische im Bereich UAV schließen. Ihr Einsatz ist nämlich dann besonders wirtschaftlich, wenn mittelgroße Flächen oder linienförmige Leitungsstrukturen vermessen werden sollen. Die Deutsche Bahn beispielsweise untersucht aktuell bereits, ob mit den VTOL-Drohnen ein Baumkataster entlang des Schienennetzes aufgebaut werden kann.

Vom Scan zum Modell

Generell gilt jedoch: UAV sind heute schon sehr ausgereift und zuverlässig. Der eigentliche UAV-Trend hat im Grunde genommen noch eine weitere Ursache. Diese findet sich bei Softwarelösungen, mit denen aus digitalen Fotos eine vermessungsgenaue 3D-Punktwolke (oder Mesh-Modell) generiert werden kann. Diese Lösungen bilden das eigentliche Herzstück der UAV-basierten Vermessungslösungen. Technologien für die 3D-Vermessung finden sich auf der INTERGEO demnach an vielen Ecken, nicht nur im UAV-Ausstellungsbereich. Sie bereichern das geodätische Besteck abermals um wichtige Facetten. Mobile Mapping oder auch die terrestrische Vermessung profitieren beispielsweise davon, und integrieren handelsübliche Sensoren.

Ein vorherrschendes Thema bei den Ausstellern sind auch die Automatisierung und die Effizienzsteigerungen bei den Datenworkflows rund um die Erfassung und Weiterverarbeitung von Geodaten. Etwa beim 3D-Laserscanning, wo neue Methoden dafür sorgen, dass sich die Bearbeitungszeit der Daten im Büro weiter reduziert: Von der Feldarbeit bis zum 3D-Modell geht es immer kürzer, effizienter und wirtschaftlicher. Gleiches gilt für Modellierungstools und das Datenmanagement: da speicherintensive 3D-Geodaten wie Punktwolken und Rasterdaten immer einfacher handhabbar sind, müssen sie nicht mehr auf speziellen Datenträger vorgehalten werden und sträuben sich nicht mehr gegen den Zugriff via Internet. Dies sorgt dafür, dass immer mehr die Rede von Big Data ist, denn darunter versteht die Branche mehr oder weniger die barrierefreie Nutzung speicherintensiver Daten. Preise bei GNSS Ebenso setzt sich ein Trend durch, der von vielen Anwendern seit langem erwartet wird: Die Kosten für GNSS-Empfänger sinken langsam aber beständig, gerade was den Einstiegsbereich der L1-Empfänger angeht. Bei den Hochleistungsgeräten (L1/L2) sind die Anschaffungskosten nach wie vor hoch, doch man erwartet, dass mit dem autonomen Fahren ein Massenmarkt entsteht, der hohe Stückzahlen erwarten lässt und folglich auch dort die Preise purzeln. L1-Empfänger, die für viele GIS-Anwendungen ausreichen, unterschreiten hingegen schon heute so manche Preisgrenze, die bisher nicht unterschritten wurde. Daraus folgt: Die Vermessung via mobilem Computer wird so für so manche Branche wie die Land- und Forstwirtschaft noch attraktiver.

Wie sich Cloud-basierte Anwendungen dagegen in Zukunft durchsetzen werden, bleibt nach wie vor mit vielen Fragezeichen versehen. Versteht man unter dem Cloud-Begriff die integrierte Verwaltung von Daten, Prozessen und Softwarewerkzeugen im Internet, gibt es noch immer ein zögerndes Investitionsverhalten. Die von der INTERGEO adressierten Kernbranchen, also die Öffentliche Hand, Energieversorger und die Bauwirtschaft, wollen in der Regel das Datenmanagement im eigenen Haus behalten. Zum Teil heißt es explizit: Cloud verboten. Unbestritten ist jedoch, dass Geodaten immer mehr über Internet verteilt werden und online verfügbar sind – sowohl für die Visualisierung als auch die Bearbeitung.

Mobilität mit html5

Demnach stehen im GIS-Bereich alle Zeichen auf Mobilität. Bei den mobilen Front Ends der GIS-Systeme sind moderne Technologie wie html5-Programmierung und responsive Design innerhalb von wenigen Jahren zum Standard geworden. Zum Teil werden dafür robuste Endgeräte eingesetzt, immer häufiger werden aber auch die Standardgeräte aus dem Consumerbereich genutzt, um Mitarbeiter mit mobilen Informationen auszustatten. Nicht selten ordern beispielsweise große Leitungsnetzbetreiber Tablets in vierstelliger Größenordnung. Die Rückwirkungen auf die GIS-Kernsysteme sind hoch: Die Hersteller haben ihre Systeme in Bezug auf Datenqualität, Datenintegration und integrierte Modellierung hochgerüstet und werden auch in Zukunft daran feilen, mobile Geschäftsprozesse als Standards zu hinterlegen.

Allgemeiner Megatrend

Alles in allem zeigt die INTERGEO also auch den Megatrend der Digitalisierung. Marktanalysten schätzen, dass es im Jahr 2017 mehr vernetzte Geräte geben wird als Menschen. Und gerade in den Haupt-Zielgruppen der INTERGEO (also beim Bauen, Versorgen und Verwalten) erwartet man eine weitere Welle der Digitalisierung. Wenn nicht jeder bei Geospatial 4.o oder GeoBIM einen konkreten Sinn entdecken mag, ein Körnchen Wahrheit ist sicher vorhanden. Wer offenen Auges die INTERGEO besucht, wird an jeder Ecke interessante Facetten der Digitalisierung finden. (sg)