Digitale Geodaten für die Zukunft erhalten

In einem Pilotprojekt erarbeiten der LGV Hamburg und AED SICAD ein System zur Langzeitspeicherung von digitalen Geodaten.

LGV-Geschäftsführer Rolf-Werner Welzel (rechts) und Dr. Thomas Englert (links), Vorstandsvorsitzender der AED-SICAD AG, bei der Vertragsunterzeichung. Foto: LGV Hamburg

LGV-Geschäftsführer Rolf-Werner Welzel (rechts) und Dr. Thomas Englert (links), Vorstandsvorsitzender der AED-SICAD AG, bei der Vertragsunterzeichung. Foto: LGV Hamburg

Der Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung (LGV) des Landes Hamburg wird zusammen mit der AED-SICAD AG ein System zur Langzeitspeicherung (LZS) für digitale Geodaten erstellen. Den entsprechenden Vertrag unterzeichneten beide Parteien Ende Januar. Damit werden die von der AdV und der KLA (Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder) beschlossenen Leitlinien zur bundesweit einheitlichen Archivierung von Geobasisdaten erstmals in einem Pilotprojekt umgesetzt. Koooperationspartner für die Datenspeicherung ist die SER eGovernment Deutschland GmbH aus Berlin, eine Tochter der SERgroup Holding International GmbH.

Der LGV Hamburg möchte seine statischen, digitalen Geodaten in einer LZS verwalten und ausgewählte Daten über eine LZS an das Staatsarchiv abgeben. Im Sinne einer zukunftssicheren Verwahrung sollen die Daten auch in 50 Jahren noch lesbar bereitgestellt werden können. In der gemeinsamen LZS-Lösung setzt die AED-SICAD ihre Standardprodukte GIS Portal mit dem User and Resource Management (URM) und dem Web Order System (WOS) sowie die SER ihr Doxis4 mit den OAIS-Modulen ein. Zunächst wird die „Inbetriebnahme des digitalen Grenznachweises“ in einer ersten von vier Lösungsstufen realisiert.

Bei der digitalen Langzeitspeicherung geht es darum, digitale Objekte les- und nutzbar für zukünftige Generationen zu erhalten. Im Idealfall soll ein LZS-System digitale (Geo-)Daten sicher verwahren und sowohl räumliche Suche als auch einen Datentransfer in Richtung Archivsystem ermöglichen. Die Idee dahinter ist, die Eigenschaften von raumbezogenen Systemen und Archivsystemen zu verknüpfen. Dabei verwaltet das LZS-System nach Angaben des LGV verschiedene Datenklassen und Storage-Umgebungen, überführt definierte Verfahren und Formate mit geringst möglichen Verlusten ineinander und transferiert Daten im Onlinebetrieb von einem Storagesystem in ein anderes. Darüber hinaus soll das System sicherstellen, dass Daten nur in langzeitspeicherfähigen Formaten vorliegen.

 

Interview mit Doris Carstensen vom LGV Hamburg zum Thema LZS Geodaten:

Business Geomatics: Was unterscheidet Geodatensätze von anderen Datensätzen?

Doris Carstensen: Schriftliche und numerische Daten sind einfach zu speichern, da sie ja nur aus Sprache, Zahlen und Schriftzeichen bestehen. Geodaten wiederum sind nicht so einfach zu interpretieren, da es sich um sehr komplexe Daten mit Raumbezug handelt, die teilweise mit bestimmten Bezugssystemen oder auch untereinander verknüpft sind. Es sind Schlüsseltabellen nötig, um die verschiedenen Daten zu interpretieren und zu entschlüsseln. Dazu kommt, dass Geodatensätze oftmals viel mehr Speicherplatz benötigen als herkömmliches Schriftgut.

Wo liegt das Problem bei der Speicherung von Geodaten?

Geodaten werden nun schon seit einigen Jahren von den Ländern und Kommunen digital gespeichert und verwaltet – allerdings oft ohne eine festgelegte, nachhaltige Struktur. Die Fortschritte in der Technologie haben dafür gesorgt, dass immer häufiger größere und aktuellere Datensätze in unterschiedlichen Formaten entstehen. Und genau hier liegt das Problem. Denn es kann vorkommen, dass bestimmte Datenformate nach einigen Jahren nicht mehr aktuell sind, beziehungsweise gar nicht mehr gelesen werden können, weil die Programme dafür auf aktuellen IT-Systemen nicht mehr ablaufen können. So ist es schon vorgekommen, dass bestimmte Geodaten, die vor einigen Jahren in einem bestimmten Format gespeichert und abgelegt worden sind, heute nicht mehr konvertierbar und damit auch nicht mehr lesbar sind. Im schlimmsten Fall können dadurch ganze Datensätze unbrauchbar werden. Darüber hat man früher einfach nicht nachgedacht. Ein weiteres Problem ist die Speicherkapazität und damit die Kosten für die Archivierung. Bisher haben viele Länder zuerst einmal mehr Server gekauft und die Daten dort in flacher Struktur abgelegt. Für den Moment war das natürlich völlig richtig, aber das ist keine zukunftsfähige Lösung, da irgendwann auch der Speicherplatz dieser Server ausgereizt ist und die Server ebenfalls ersetzt werden müssen. Zudem sind nicht alle Datensätze gleich wichtig beziehungsweise gleich häufig nachgefragt.

Was will der LGV mit dem Pilotprojekt zur LZS von Geodaten erreichen?

Das Ziel der Zusammenarbeit mit AED SICAD und SER ist, eine Anwendung zu entwickeln, die erstens neu hinzukommende Geodaten in bestimmte Zielformate konvertiert, die auch in Zukunft noch lesbar sind und auch gespeicherte Datensätze auf ihr Format überprüft und ggf. eine Formatierung empfiehlt. Die Auswahl an Formaten für die Langzeitspeicherung ist bereits begrenzt, wir orientieren uns da an den Empfehlungen der AdV und KLA aus dem Abschlussbericht „Archivierung von Liegenschaftskatastern“. Zweitens soll durch diese Anwendung ein strukturierter Speicherprozess entstehen, wodurch die Daten nach Relevanz, Häufigkeit und Art der Nutzung sortiert und dementsprechend in unterschiedlichen Qualitäten und Archivierungsstufen abgelegt werden können. Denn Datenarchivierung ist auch ein Kostenfaktor. Daten die nur sehr sporadisch benötigt werden, müssen nicht in zwei Sekunden abrufbar sein und können auch bei günstigeren aber langsameren Datenprovidern abgelegt werden. Wichtige und aktuelle Daten hingegen müssen schnell verfügbar sein. Vor dem Hintergrund, dass die Datenmengen in Zukunft immer größer und aktueller werden, könnten Länder und Kommunen mit so einem intelligentem Archivierungs- und Speichersystem viel Geld sparen. Es gibt zwar seit einiger Zeit das Bewusstsein für das Problem der LZS. Aber nach einiger Recherche in den letzten drei Jahren haben wir keine einzige fertige Anwendung auf dem Markt gefunden. Der Plan ist also, ein System zu entwickeln, dass auch von anderen Kommunen und Ländern genutzt werden kann.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei diesem Projekt?

Bei uns in Hamburg und auch in anderen Ländern und Kommunen sind diese Geodatenbestände über die Jahre sehr unstrukturiert gewachsen. Die größte Herausforderung ist eigentlich allein schon die bunte Vielfalt und schiere Menge der Daten. Viele Geodatensätze sind außerdem doppelt und dreifach im Archiv vorhanden, da sie von unterschiedlichen Stellen aufgenommen und abgespeichert wurden. Wir müssen zunächst die riesigen Datenmengen aus allen möglichen Lagerorten zusammenholen, eine Bestandsaufnahme machen. Dann müssen die Daten auf Dubletten überprüft werden, was schwierig und aufwändig ist, da gleiche Datensätze in unterschiedlichen Formaten abgelegt sind. Wir müssen sozusagen die Büchse der Pandora öffnen, allerdings teilen wir diese eine Büchse in mehrere kleinere Büchsen auf, damit wir den ganzen Prozess auch sinnvoll planen und strukturieren können.

Das heißt also: eins nach dem anderen. Wie ist dieser Prozess in Hamburg strukturiert?

Stufe 1 sind die Daten des Grenznachweises. Hier haben wir aber schon einen guten Überblick über die Altdaten, sodass wir sie hoffentlich Mitte nächsten Jahres in die fertige Stufe der LZS übernommen haben. Dann kommen die digitalen Orthophotos dran, was wahrscheinlich noch einmal ein Jahr dauern wird. In der dritten Stufe kommen diverse Geodaten als Konglomerat an die Reihe. Ziel ist die strukturierte Speicherung dieser Daten, nach Möglichkeit ist jeder Dateninhalt nur einmalig vorhanden, damit die archivierungspflichtigen Geodaten ebenfalls in strukturierter Form an das staatliche Archiv übergeben werden können.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die LZS in gesamt Deutschland entwickeln?

Realistisch gesehen wird es auch in Zukunft keine einheitliche Lösung auf Bundesebene geben. Die Geodatenverwaltung ist Ländersache und die Länder werden natürlich auch ihre eigenen Ideen auf diesem Gebiet umsetzen wollen, wenn dies finanziell leistbar erscheint. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich Bund und Länder sowohl in den geodatenerzeugenden Stellen als auch in den Archiven auf einheitliche Strukturen für die Speicherung der Datensätze, die Formate und die Übergabe an die Archive einigen. Der Umgang mit Prozessen und Archiven sollte einheitlich sein und die entsprechenden Schnittstellen sollten zu anderen Datenmanagementsystemen etabliert werden. Nur so kann eine Datenrecherche auch über Ländergrenzen hinweg funktionieren und das ist ja eigentlich auch das Ziel von Digitalisierung und GDI – für hochaktuelle aber auch historische Geodaten.