Über den Dächern der Altstadt

Im Rahmen der FME World Tour zeigte con terra in Köln und an drei weiteren Standorten im Mai Neuerungen der Technologie von Safe Software.

Wenn ein Unternehmen einem Kunden den Besuch einer Informationsveranstaltung ablehnen muss, ist das ebenso selten wie schmerzhaft. Genau dies musste Christian Heisig aber am 4. Mai in Köln tun. Der Bereichsleiter FME des Unternehmens con terra hatte zu einer von vier Veranstaltungen zur FME World Tour (70 Termine weltweit) in Deutschland geladen, bei denen Kunden über neueste Entwicklungen der Universalplattform für die Datenintegration informiert wurden. 100 Plätze standen im Hotel Eden (direkt in Umgebung des Kölner Doms) zur Verfügung, doch diese waren schnell ausgebucht. Auf 110 Plätze konnte das Hotel zwar noch erweitern, „aber wir mussten die späten Anmeldungen tatsächlich absagen“, sagte Heisig, der sich nicht ganz sicher war, ob er sich über diese Tatsache nun freuen oder ärgern sollte. In diesem Fall zeugt dies zumindest von der Dynamik, die sich rund um FME in den letzten Jahren entwickelt hat – nicht nur in der Geobranche, dem eigentlichen Herkunftsgebiet von FME, sondern inzwischen auch weit darüber hinaus. Denn wer Daten von einer Anwendung in die nächste überführen möchte, ohne inhaltliche und zeitliche Verluste in Kauf nehmen zu wollen, für den bietet FME von Jahr zu Jahr mehr Möglichkeiten und Features.

Uwe Raback, GIS-Spezialist bei der GELSENWASSER AG, berichtet von dem Einsatz der FME-Technologie. Foto: con terra - Gesellschaft für Angewandte Informationstechnologie mbH

Uwe Raback, GIS-Spezialist bei der GELSENWASSER AG, berichtet von dem Einsatz der FME-Technologie. Foto: con terra – Gesellschaft für Angewandte Informationstechnologie mbH

Dabei ist das Tool noch längst nicht allen Unternehmen umfassend bekannt, wie Uwe Raback, GIS-Spezialist von der GELSENWASSER über den Dächern der Altstadt berichtete. Das Unternehmen nutzt bisher „lediglich“ vier Professional Editions, jeweils im Rahmen einer Netzwerklizenz, die vor allem im Umfeld des Geoinformationssystems (Smallworld) eingesetzt werden. Damit ist das Unternehmen quasi noch ein Neuling in Sachen FME, hat aber in der kurzen Zeit bereits eine lange Liste von Anwendungsszenarien entwickelt. „Vor allem systematisiert FME die Arbeit der Datenmigration und ermöglicht zum Teil sogar vollständig automatisierte Prozesse“, beschreibt Raback. Dabei greift FME gar nicht direkt auf das Smallworld GIS zu. Die Daten, die im Rahmen der proprietären VMDS-Datenbank gehalten werden, werden per SEPM X Translator – einer speziellen Smallworld- Schnittstelle, die von dem Schweizer Unternehmen SEPM bereitgestellt wird – in einen speziellen File-Server übertragen, wo die FME-Prozesse ansetzen. Dieser „Umweg“ beim Datenworkflow ist dem Umstand geschuldet, dass bei der geschlossenen Datenbank (Programmiersprache Magik) kein offener Datenzugriff möglich ist. Raback berichtet von vielen Prozessen etwa bei der Qualitätssicherung der Netzdaten, für die FME prädestiniert sei. „Das schützt uns zum Beispiel vor dem Terror ausufernder Excel-Nutzung, sprich der Pflege großer Mengen von Tabellen, die bisher für die Überprüfung und die Korrektur der Netzdaten gepflegt wurden, wenn Daten verschnitten, importiert oder aktualisiert werden – also bei quasi allen Standard-Prozessen, die bei einem GIS üblicherweise anfallen“, sagt Raback.

Neue Chancen mit Open Data

Christian Dahmen von con terra berichtete über Neuerungen der FME-Technologie, die in Kanada von Safe Software entwickelt wird. Fotos: con terra - Gesellschaft für Angewandte Informationstechnologie mbH

Christian Dahmen von con terra berichtete über Neuerungen der FME-Technologie, die in Kanada von Safe Software entwickelt wird. Foto: con terra – Gesellschaft für Angewandte Informationstechnologie mbH

Hinzu kommt, dass GELSENWASSER Anfang des Jahres „einen wahren Goldschatz vor die Füße geworfen bekommen hat“, so Raback. Damit ist die Bereitstellung der Geobasisdaten des Bundeslandes als Open Data gemeint. Dieses Geschenk gelte es nun in Wert zu setzen, indem die Daten in die Prozesse integriert werden. „Dafür ist FME das ideale Werkzeug“, ist Raback überzeugt.

Zum Beispiel bei dem Digitalen Geländemodell von NRW, dass der Wasserversorger bis Anfang des Jahres als 10-Meter-Raster kaufte. Als Open Data stellt NRW das 3D-Modell nun als DGM1 (ein-Meter- Raster) kostenfrei zur Verfügung. Also hat GELSENWASSER einen FME-Prozess aufgesetzt, der die sehr detaillierten DGM1-Daten ausdünnt und in das bisher genutzte 10-Meter-Raster überführt, um sie beispielsweise für die Netzberechnung zu nutzen. Ähnliches macht GELSENWASSER bei ALKIS, wo die umfangreichen (kreisweiten) Datenpakete in Shape-Dateien sozusagen mundgerecht für weitere Anwendungen aufbereitet werden, oder bei der automatischen Erstellung der automatisierten Liegenschaftskarte für die Verwendung in Smallworld. „Dies konnten wir nicht rein über Standard-Dienste realisieren und haben daher spezielle FME-Prozesse gestaltet, beispielsweise für die Verwendung der Hausnummern, zur Übernahme von Böschungsschraffuren oder Korrekturdrehungen geometrischer Objekte. Der Datenimport läuft heute automatisch und dauert pro Kachel nur wenige Minuten“, freut sich Raback.

Eine weitere Anwendung findet sich im Umfeld des DVGW Arbeitsblattes G685 für die Erdgasabrechnung, die eichrechtliche Vorschriften für die Gasabrechnung beinhaltet. Demnach muss bei Hausanschlüssen der vorherrschende Luftdruck der Anschlüsse berücksichtigt werden. Da sich dieser physikalische Wert aus der Höhenlage der Hausanschlüsse bestimmen lässt, müssen Gasnetzbetreiber diesen Wert für jeden Kunden bestimmen. GELSENWASSER greift dafür auf die Höhendaten des Bundeslandes NRW zurück, arbeitet sie in einem Surface Modeller auf und legt die Hausanschlusskoordinaten darüber. Für diese Arbeit setzt GELSENWASSER nun FME ein, um die Datenqualität zu sichern und die Daten gegebenenfalls zu korrigieren. „Zuvor wurde dies händisch gemacht, mit FME können wir diese Arbeit heute bereits stark systematisieren und demnach auch wesentlich effizienter gestalten“, beschreibt Raback. In Zukunft soll dies mit FME sogar automatisiert werden.

Die aktuelle Liste der FME-Prozesse ist bereits lang. Sie umfasst die Integration von Fremddaten in Smallworld, etwa im Bereich der Straßenbeleuchtung oder aus kleineren GIS-Altanwendungen. Und die FME-Landschaft wächst beständig. „Wir wollen immer mehr Standardprozesse umsetzen, zunehmend automatisieren und dann auch über einen Windows Aufgabenplaner umsetzen“, beschreibt Raback die weiteren Vorhaben. Derzeit arbeitet GELSENWASSER mit con terra daran, den Zugriff auf die genuinen GIS-Daten in der Smallworld-Datenbank zu gewährleisten. Dabei wird das vom US Anbieter Spatial Business Systems bereits angebotene SpatialBIZ Plug-in for FME angepasst. Das wäre ein weiterer Meilenstein. Die bisherigen Tests sind sehr vielversprechend“, so der GIS-Koordinator. Zudem soll FME im Unternehmen bekannter werden und so auch in GIS-fernen Prozessen eingesetzt werden. „Wir machen quasi intern Werbung für das universelle Werkzeug“, so Raback.

Spielerischer Umgang in Berlin

Weniger fachlich und prozessorientiert, dafür weitaus intuitiver und spaßgetriebener geht es bei einem anderen Anwendungsfall zu, den con terra in Köln vorstellte. Seit einigen Jahren gibt es bei FME nämlich Tools für das verbreitete 3D-Computerspiel Minecraft, mit dem urbane Welten nach dem Lego-Prinzip erstellt werden können. FME sorgt dafür, dass aus den virtuellen Minecraft-Welten attribuierte Punktwolken für GIS-Anwendungen erstellt werden können und umgedreht Daten aus 3D-Stadtmodellen in das Spiel importiert werden können. Bei dem Projekt „Bauhaus meets Minecraft“, das gemeinsam von der Technologiestiftung Berlin und vielen anderen Institutionen in der Bundeshauptstadt realisiert wurde, wurden Stadtplanung und pädagogische Jugendarbeit integriert.

Im Umfeld der Gropius-Stadt, einem typischen Stadtteil aus den 1960er Jahren mit vielen Hochhäusern und Grünflächen, wurden sechs verschiedene Gebiete des Stadtgebietes als Minecraft-Import bereitgestellt. Technisch gesehen liegt die Besonderheit darin, dass die Minecraft-Daten automatisch aus offenen Geodaten des Berliner Datenportals und der OpenStreetMap erzeugt wurden. Kinder und Jugendliche konnten so Entwürfe für Gebäude und Freiflächen selber nach ihren Vorstellungen in dem Videospiel gestalten und einreichen. Fünf Gewinner wurden nach der Prämierung aktiv in den Planungsprozess der Gropiusstadt mit einbezogen, dank der Brücke, die FME zwischen zwei völlig unterschiedlichen 3D-Welten bauen konnte.

www.gelsenwasser.de
www.conterra.de
www.bauhaus-spirit.com
www.safe.com