Hintergrund: Wie ist der Digitalisierungsstand der Stadtplanung?

Stadtplanung im Wandel der Zeiten: Anfang des 19. Jahrhunderts waren es Krankheiten und Wohnungsnot, die eine neue Ära der Stadtplanung einleiteten. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg kamen aufgelockerte Kleingärten, Gartenstädte und Reihenhäuser inklusive Selbstversorgung auf die Agenda. Die Entdeckung von Impfstoffen löste einige der damals vorherrschenden medizinischen Herausforderungen, die entscheidenden Impulse, die heute zum Großteil die Attraktivität der zentraleuropäischen Großstädte ausmachen, waren gesetzt. Die Großstädte wurden zwar durch die autogerechte Stadtplanung und wuchernde Suburbias arg strapaziert, die vielen Grünflächen rund um die Kernstädte des 19. Jahrhunderts sind aber heute noch stilbildend.

Die Stadtplanung unterliegt gerade in den letzten Jahren immer größeren externen Einflüssen. Klimawandel, Terrorismus, Verkehrswandel, demografischer Wandel, Landflucht, Migration, globaler Wandel: Der Lebensraum Stadt muss mancherorts mehr verkraften, als ihm guttut. Eine der entscheidenden Fragen dabei ist: Welche Rolle spielt die IT-Technologie, um Städte besser, sprich gesünder, resilienter und sauberer zu machen? Schafft es die Smart City, dass sich immer mehr Menschen immer weniger Lebensraum teilen müssen? Können Flächen optimal genutzt werden, um die Wirtschaft zu stimulieren und gleichzeitig Bäume vor dem Vertrocknen zu retten oder Hochwasserrisiken zu verringern?

Digitalisierung ist das Zauberwort der Stunde. Für die Stadtplanung das derzeit vorherrschende Thema ist der Datenstandard XPlanung. Bis spätestens zum Jahr 2024 müssen alle Städte in Deutschland je nach Bundesland bei Flächennutzungsplanung und Bauleitplanung den Datenstandard XPlanGML unterstützen. Damit entsteht ein Datenstandard, der den übergreifenden Datenaustausch und die Analyse der Planungsdaten vereinfacht und bedeutend effizienter macht.

Noch heute gibt es viele Flächennutzungspläne, die mit einfachen CAD-Programmen aus den 1990er Jahren gezeichnet wurden und die keinerlei Vektorisierung oder gar strukturierte Datenmodellierung erlauben. Sie sind digitale Dinosaurier, dumme Zeichnungsprogramme, die zwar digital sind, aber im übertragenden Sinne noch im Datenschrank hängen. Doch XPlanung weicht diesen Prozess auf. Kaum eine Stadt in Deutschland, die nicht begonnen hat, mit XPlanung neue Standards zu schaffen.

Gemeint sind damit nicht nur die Daten, sondern auch die Prozesse. Will eine Stadt schnell reagieren, Bürgerbegehren wirklich ernst nehmen und wirtschaftliche Interessen effizient balancieren, gehört der freie, übergreifende Zugang zu strukturierten Daten zum Pflichtprogramm. Was macht Städte resilient, nicht nur in Krisenzeiten? Es gibt Konzepte für klimafreundliche Mobilität und regionale Wirtschaftskreisläufe, für urbane Landwirtschaft und neue Nachbarschaften – wir müssen sie nur endlich ernst nehmen und umsetzen. Niemand kann Städte gegen Pandemien absichern oder gar „pandemietauglich“ bauen. Diese Vorstellungen erinnern an eine derzeit in den Hintergrund getretene Diskussion: Kann man Städte sicherer machen gegen den Terror?

XPlanung / XBau als Innovationsgrundlage

Mit dem Einsatz von XPlanung und der Bereitstellung von digitalen Planwerken werden Grundlagen für eine Vielzahl an möglichen, darauf aufbauenden Anwendungen geschaffen. „Von interaktiven Auskunftsportalen zur einfachen Bereitstellung der Plandarstellungen profitieren Bürger in Beteiligungsprozessen, zum Beispiel mit der Möglichkeit, textliche Festsetzungen einzusehen und ggf. auch zu kommentieren“, sagt Kai-Uwe Krause von der Leitstelle in Hamburg. Bauantragsstellende können perspektivisch von komplett digitalen Bauantragsverfahren profitieren, welche gerade in der Entwicklung sind und im Zusammenwirken von XPlanung, XBau und BIM (teil-)automatisierte Vorprüfungen und Feedback möglich macht. Standardisierte Daten ermöglichen somit perspektivisch die Beschleunigung und Qualitätsverbesserung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Hierbei zeigt sich, dass standardisierte Daten vielfach eine wichtige Voraussetzung sind, um solche Verfahrensoptimierungen und innovative Partizipationsprojekte zu realisieren. Um eine Standardisierung von digitalen Daten und Nachrichten in Planungs- und Bauprozessen zu erzielen, werden je nach Anwendungsszenario unterschiedliche Standards eingesetzt (siehe Bild). XBau ist ein Prozessstandard, der den verlustfreien Nachrichtenaustausch zwischen unter-schiedlichen IT-Systemen, die im Hochbau im Rahmen von bauaufsichtlichen Verfahren von unterschiedlichen Akteuren genutzt werden, gewährleistet. Bei XPlanung handelt es sich um einen Datenaustauschstandard, mit dem digitale Planwerke zwischen verschiedenen IT-Systemen (CAD/GIS) verlustfrei ausgetauscht werden können.

Neuer Standard XBauleitplanung

Ein Datenaustauschstandard für den Hochbau muss nicht weiter spezifiziert werden. Mit dem ISO Standard IFC können verlustfrei digitale Bauwerksmodelle zwischen unterschiedlichen CAD/BIM-IT-Systemen ausgetauscht werden. Die Idee, Nachrichten zwischen Akteuren in Planungsprozessen verlustfrei austauschen zu können, kann mit der Zielsetzung der Verfahrensoptimierung und einhergehender Verkürzung der Prozesse der Aufstellung von Bauleitplänen auf Planungsprozesse in der Raumplanung adaptiert werden. Dazu wird im Rahmen des E-Go vernment Vorhaben (DiPlanung – digitale Bauleitplanung) in der Freien und Hansestadt Hamburg der Prozess- und Nachrichtenstandard XBauleitplanung entwickelt, der die Prozesse der Aufstellung von Bauleitplänen auf Basis der gesetzlichen Regelungen des BauGB abbildet. Der Standard definiert die Nachrichtenobjekte der im Rahmen von Prozessen der Aufstellung von Bauleitplänen zu sendenden bzw. zu empfangenden Nachrichten zwischen den unterschiedlichen Fachapplikationen (Verfahrensdatenbank, Geodatenbank, Content Management System, Beteiligungsplattform, digitale Akte). Die Nachrichten sollen u.a. dazu dienen, in den jeweiligen Applikationen automatisiert Prozessschritte einzuleiten und zu dokumentieren bzw. Informationen automatisiert in andere Anwendungen weiterzutragen.

Im Rahmen des OZG-Digitalisierungslabors „Breitbandausbau“ wurde der Vorschlag entwickelt, XPlanung / XBau für den Daten- / Nachrichtenaustausch im Anwendungsfall Breitbandausbau weiterzuentwickeln. Die Schaffung einheitlicher Kommunikationsstandards ist einer der Erfolgsfaktoren für die Beschleunigung der Antragsverfahren zum Breitbandausbau. Vor diesem Hintergrund hat der IT-Planungsrat in seiner Sitzung am 23.10.2019 den Auftrag erteilt, einerseits XBau für die Nutzung in Genehmigungsprozesse von Breitbandausbauanträgen (Trassenanweisung nach TKG, Aufgrabegenehmigung und verkehrsrechtliche Anordnung) weiterzuentwickeln. Weiterhin sollen Planwerke, in denen die räumliche Lage von Leitungstrassen dokumentiert ist, mit Hilfe einer Erweiterung des Standards XPlanung abgebildet werden können.

Ganzheitliche Fragestellungen

Was 2007 etwa in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt gefordert wurde, ist nicht weniger als ein globales Dilemma: Immer mehr Menschen müssen sich knapper werdende Ressourcen und Flächen teilen. Die Stadt kleinteilig nach innen und in die Höhe zu entwickeln, bloß keine weiteren Flächen zersiedeln – diese Maxime leitet auch in Deutschland die Stadtentwicklung. Demnach ist eine Softwarelandschaft gefordert, die das amts- und aufgabenübergreifende Arbeiten unterstützt. Solarkataster, Stadtplanung, 3D-Stadtmodelle, Grünflächenplanung, Baumkataster – meist sind in Städten verschiedenste Fachsysteme im Einsatz. Im Zuge der resilienten Stadt, wie auch immer sie aussehen mag, ist es nicht mehr opportun, die Daten in den Grenzen ihrer fachlichen Anwendung einzuschließen. Manche dieser Anwendungen stammen historisch gesehen aus der CAD-Welt, andere aus der GIS-Welt. Hinzu kommen die modernen Verfahren für die Auswertung und Darstellung von 3D-Geodaten. (sg)