Mobilität in der Stadt: Miteinander oder in der Quere

In dem neuen Verbundprojekt „Cape Reviso“ ermitteln Forschende des KIT, wie Radfahrer und Fußgänger sich fühlen, wenn sie im Verkehr aufeinandertreffen.

Velo-Stress: Mit dem „OpenBikeSensor“ gemessene Situationen, in denen Radfahrer von PKWs mit einem Abstand von weniger als 1,5 Metern überholt worden sind. Bild: Peter Zeile, KIT

Der urbane Verkehrsraum ist bekanntermaßen ein knappes und an seinen Schnittstellen umkämpftes Gut. Wie es um das Verhältnis zwischen Fuß- und Radverkehr steht, will das Verbundprojekt „Cape Reviso“ herausfinden. Den Projektpartnern Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) und Allgemeiner Deutscher Fahrradclub e.V. (ADFC) geht es dabei um eine methodisch neuartige Bestandsaufnahme sowie um innovative Instrumente für eine evidenzbasierte, konfliktvermeidende Stadtplanung. Dabei ermöglicht es die in der Karlsruher „Urban Emotions“-Initiative gebündelte Expertise, die Innensicht der Verkehrsteilnehmer zu berücksichtigen.

Ein kombinierter Geh- und Radweg, eine Bushaltestelle, an der Radfahrer vorbeiflitzen, Fußgängerzonen, die von Radverkehr besetzt sind: Schnittstellen zwischen den Mobilitätsformen Gehen und Radfahren gibt es zuhauf – und nicht wenige sind gefahrenträchtig für die verschiedenen Verkehrsteilnehmer. Wie die Verkehrsräume unserer Städte angelegt werden können, damit man sich weniger „in die Quere“ kommt, ist die Leitfrage des Verbundprojekts „Cape Reviso“ (Cyclists And PEdestrians on Real and Virtual Shared rOads).

Über Sachverhalte, welche die Straßenverkehrsordnung oder Effizienzberechnungen erfassen, reicht dieser Ansatz deutlich hinaus. „Neben Faktoren wie Kosten und Wegzeit hängt die Wahl des Verkehrsmittels davon ab, ob Mobilität als angenehm oder unangenehm empfunden wird“, sagt Dr. Peter Zeile, vom Institut fürEntwerfen von Stadt und Landschaft (IESL) des KIT. „Großen Einfluss darauf haben Konflikte entlang des Weges und subjektiv empfundener Stress, etwa bei den von keiner Statistik erfassten Beinahe-Zusammenstößen. Zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs ist es wichtig, die Konflikte, die besonders schwache Verkehrsteilnehmer erleben, zu reduzieren.“

Das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) geförderte Projekt begegnet diesem Problem zunächst mit einer methodisch neuartigen Bestandsaufnahme: Mit Abstandssensoren ausgestattete Radfahrer identifizieren jene Stellen, an denen Autofahrer beim Überholen die vorgeschriebenen Sicherheitsdistanzen unterschreiten. An diesen Hotspots erfasst und analysiert sodann ein vom Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) entwickeltes, KI-gestütztes Kamerasystem das komplexe Verhalten der Verkehrsteilnehmer.

Der Faktor Emotion

Die Analyse der Innensicht ist das Terrain von KIT-Forscher Peter Zeile. In der von ihm mit ins Leben gerufenen „Urban Emotions“-Initiative ermitteln der Stadtplaner und sein Team, wie die Probanden des Projekts – Fußgänger und Fahrradfahrer – sich im alltäglichen Verkehrsgeschehen fühlen. Die Abstandsmessungen verknüpfen die Karlsruher Wissenschaftler mit Daten aus Stresssensoren und GPS-Trackern sowie aus Befragungen. Ihr Ziel ist es, diese zunächst ganz unterschiedlichen Erhebungen mittels einer App zu Visualisierungen mobilitätsbedingter Emotionen, sogenannten Heatmaps, zusammenzuführen. „Was Verkehrsplaner vernünftig finden“, so Zeile, „deckt sich nicht zwingend mit der Wahrnehmung einzelner Verkehrsteilnehmer oder bestimmter Gruppen von Verkehrsteilnehmern wie Kindern oder Senioren. In ‚Cape Reviso‘ verfolgen wir beide Perspektiven – und nehmen beide ernst.“

In einem zweiten Handlungsstrang des Projekts werden die Befunde der Bestandsaufnahme in Anwendungen erweiterter und virtueller Realität überführt. In einer interaktiven virtuellen Umgebung (CAVE) des HLRS wollen die Forschenden herausfinden, wie die zuvor identifizierten Reibungspunkte zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern entschärft werden können – etwa durch das Anlegen von geschützten Radfahrstreifen oder eine generelle Veränderung der Verkehrsführung. Als Referenzort dient hier die Stadt Herrenberg, die seit 2018 als virtuelles Modell vorliegt.

In seiner Schlussphase schwenkt das Projekt ins reale Verkehrsgeschehen zurück. Dabei funktionieren die Projektpartner ausgewählte Areale in baden-württembergischen Städten zu „Living Labs“ um, unter anderem in der Landeshauptstadt Stuttgart. Dort sollen die virtuell entwickelten Ideen für ein konfliktfreieres Miteinander vor Ort erprobt werden. Für das dreijährige Vorhaben wollen die Cape Reviso-Akteure den Kommunen einen Instrumentenkoffer an die Hand geben, der mit einem Prototypensystem zur Verkehrserfassung, Softwarekomponenten für Verkehrssimulationen in der virtuellen Realität sowie mit einer Bürgerbeteiligungs-App innovativ bestückt ist und der verkehrsplanerischen Entscheidungen der Zukunft eine neue Grundlage gibt.

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