Hintergrund Friedhofskataster

Wie die Digitalisierung der Friedhofsverwaltung den Einsatz von GIS fördert

Trauerstätte, Erholungsraum, Parkanlage oder „Grüne Lunge“ der Stadt – Friedhöfe unterliegen seit einigen Jahren einer Neubewertung. Dabei rücken flächenbasierten Verwaltungsansätze in den Fokus. Galt lange Zeit der Einsatz von GIS-basierten Lösungen als überflüssig und übertrieben, haben sich heute entsprechende Lösungen etabliert. Von der Navigations-App für Parkfriedhöfe bis hin zum digitalen Kartenservice für Trauernde – heute gibt es bereits viele Leuchtturmprojekte, die zukunftsweisenden Charakter haben.

Auch vor Friedhofsverwaltungen macht die Digitalisierungswelle keinen Halt: Immer mehr Kommunen und Städte wollen ein digitales Friedhofskataster entwickeln und aufbauen. Welche Vor- und Nachteile hat der virtuelle Friedhofsplan? Foto: picture alliance// blickwinkel/H. Blossey | H. Blossey

Welchen Stellenwert der Friedhof gesamtgesellschaftlich hat, zeigt sich mit Blick auf eine Entwicklung im März 2020: Seitdem klassifiziert die UNESCO die Friedhofskultur in Deutschland als „Immaterielles Kulturerbe“ – ein Indiz dafür, dass der Friedhof in der öffentlichen Wahrnehmung mehr ist als ein reiner Bestattungsort. Dabei hob die UNESCO insbesondere das „Wissen und die Fertigkeiten in den Bereichen Bestattung, Landschaftsplanung, Gärtnern und im Steinmetzhandwerk“ hervor, die (nicht nur) hierzulande eine weitreichende Tradition aufweisen können.

Gleichzeitig ist der Friedhof auch Quelle kommunaler Einnahmen. Im Jahr 2019 zum Beispiel machten die Friedhofsgebühren etwa ein Drittel der gesamten Bestattungskosten aus. Dabei sind die Bestattungs- und Friedhofsgebühren zwar auf kommunaler Ebene geregelt, jedoch unterliegen sie von Kommune zu Kommune sowie von Friedhof zu Friedhof großen Schwankungen. Zudem tritt in diesem Zusammenhang ein scheinbar paradoxes Phänomen auf: finanzstarke Kommunen sind in Sachen Bestattungsgebühren oft günstig, während finanzschwächere im Bundesvergleich eher hohe Gebühren verlangen. Während Strom-, Gas- oder Abwassergebühren stark in der öffentlichen Diskussion stehen, ist dies bei den Kosten rund um Begräbnis und Trauer noch nicht geschehen.

Welchen Nutzen ein digitalisierter Friedhof hat

Doch das Umdenken hat längst begonnen – auch bei der Wahl der Bestattungsform. Heutzutage machen Urnenbestattungen zum Beispiel rund zwei Drittel aller Bestattungen aus. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die mitunter aufwändige Grabpflege beim klassischen Sargwahlgrab wird von den Hinterbliebenen mehr und mehr als Belastung angesehen und die Kosten für Pflege und Instandhaltung sind enorm. Zumal der Friedhof im Gesamten von vielen anderes wahrgenommen wird als noch vor einigen Jahren. Vielerorts wird dementsprechend diskutiert, ob der Friedhof als Ort der Ruhe, Erholung und auch der alternativen Nutzung für sanfte Freizeitaktivitäten genutzt werden kann. Mal ganz davon abgesehen, müssen Friedhöfe rein objektiv als Grün- bzw. Waldflächen betrachtet werden, die ein entscheidender Faktor für eine klimaorientierte Smart City darstellen.

Was ein Begräbnis kostet

Der Bund der Steuerzahler hat für Städte in Nordrhein-Westfalen mit mehr als 60.000 Einwohnern ermittelt, was jeweils ein Sargwahlgrab mit 30-jähriger Nutzungsdauer und ein Urnenreihengrab (Ruhefrist 15 bis 30 Jahre) mit Grabnutzung, Grabbereitung und Benutzung der Trauerhalle kosten. Die dabei aufgetretenen Unterschiede sind enorm: Beim Sargwahlgrab ermittelte der Steuerzahlerbund für 2019 eine Preisspanne von 5152 Euro (Kerpen) und 1934 Euro (Gütersloh). Der Landesdurschnitt liegt demnach bei 3150 Euro. Bei Urnenreihengräbern wurden 2019 zwischen 2004 Euro (Herford) und 531 Euro (Gütersloh) verlangt, im Landesdurchschnitt 1352 Euro.

Die zuständigen Ämter, also etwa Friedhofsverwaltungen, Grünflächenämter, katholische Rendanturen oder andere Gewerke haben also großen Druck, ihre Verwaltung zu digitalisieren, und demnach auch die Flächen und Infrastruktur zu geografisch zu erfassen. Das Einscannen von papiergebunden Altplänen, bei den Katasterverwaltungen einst der erste Schritt der Digitalisierung, stößt aber meist aufgrund der überalterten Pläne an Grenzen. Die Basiskartierung erfolgt meist aus Luftbildern, zunehmend werden aber ergänzende terrestrische Verfahren genutzt, um Detailinformationen zu Grabstätten, Grabsteinen, dem Zustand der Gräber oder dem Überwucherungszustand zu bekommen. Oft werden auch mobile Messfahrzeuge, die photogrammetrische Aufnahmeverfahren nutzen, herangezogen, um einen Friedhof „systematisch“ zu befahren. Vor einigen Jahren wurde ein ähnliches Vorgehen von einigen Kommunen bereits bei den asphaltierten Wegen umgesetzt, um diese in das kommunale Vermögen (Stichwort Doppik) aufzunehmen.

Leuchtturmprojekt in Hamburg Ohlsdorf

Welchen Nutzen Verwaltung und auch Kunden von einem digitalisierten Friedhof haben können, zeigt etwa der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg. Hier können sich Interessierte per Mausklick ihre letzte Ruhestätte reservieren und buchen. Dabei bietet der Friedhof vor der Buchung die Möglichkeit, sich das Friedhofsgelände – der Ohlsdorfer Friedhof gilt mit 389 Hektar und über 200.000 Gräbern als der größte Parkfriedhof der Welt – online zu begehen. Auf diese Weise sollen sich Interessierte genau die Ruhestätte aussuchen können, die ihnen zusagt. „Häufig entdecken Angehörige nach der Beisetzung Ecken, die ihnen viel besser gefallen hätten. Dann ist es aber zu spät“, berichtet Hedda Scherres, Pressesprecherin des Friedhofs Ohlsdorf. „Andere sind friedhofsscheu, nehmen überfordert irgendwas. Das kann mit unserem neuen Angebot nicht passieren.“

Daher gilt die Verwaltung in Ohlsdorf bei der Gestaltung des Friedhofs als einer der Vorreiter in Deutschland: Die klassische geometrisch, rechtwinklige und gerade Anordnung der Grabreihen wurde in Ohlsdorf durch eine themenorientierte, parkähnliche Formensprache abgelöst. Neben dem klassischen Sargwahlgrab gibt es seit langem verschiedene alternative Bestattungsformen, etwa den Begräbniswald, die Paaranlage an den Wasserspielen, die Krypta, den Wildblumengarten oder den großen Apfelhain – eine Entwicklung, die auf nahezu allen städtischen Friedhöfen eingesetzt hat. Zumal alternative Angebote wachsen: Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Bestatter finden aktuell in etwa einstelliger Prozentzahl Bestattungen zu See, in Bestattungswäldern oder auch Weinbergfriedhöfen statt. Tendenz steigend. Die kommunalen beziehungsweise kirchlichen Friedhöfe treten also, rein wirtschaftlich gesehen, auch in einen stärkeren Wettbewerb ein.

Für die online-basierten Dienste und Services nutzt der Friedhof Ohlsdorf eine ausgeprägte Datenbasis. Hier sind alle Informationen rund um Bestattungen per Mausklick für den Friedhofsmitarbeiter abrufbar. Diese Informationen können zudem per App (im Google PlayStore erhältlich) an die Hinterbliebenen weitergeleitet werden, die dann wiederum mit einer kartenbasierten Anwendung innerhalb der App etwa den genauen Weg zur gewünschten Grabstelle finden können. Auch können über die App Gräber zur eigenen Nutzung ausgewählt und digital besichtigt werden: Moderne Services, die GIS-Daten als Grundlage haben.

Basis: Friedhofskataster

Der Friedhof Ohlsdorf hat demnach ein Friedhofskataster entwickelt und aufgebaut. Die Grundlage bildet die detailgenaue Digitalisierung des Friedhofs, beispielsweise mittels einer Vermessung mit Drohnen und anschließender Auswertung. Dabei können Wege, Grabstellen, Gebäude und Nebenflächen mit zentimetergenauen Orthofotos aufgenommen werden.

Auf dieser Basis können vielfältige Nutzungsmöglichkeiten erschlossen werden: Etwa die vereinfachte Verwaltung von Grabstellengebühren. Oder die Grabstellen-Suche für Besucher oder Bestatter. „Besuche der Gräber vor allem von jungen, mobilen Menschen werden aus Zeitmangel und aufgrund oft weit entfernt liegenden Wohnorten seltener“, berichtet Elke Herrnberger, Pressesprecherin des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. „Neue Services, um zum Beispiel das Auffinden von Gräbern zu erleichtern, könnten da ein gutes Angebot sein.“ Es bedarf also neuer Werkzeuge, um das Auffinden von Gräbern zu unterstützen – zum Beispiel mit einem kartenbasierten Übersichtsplan auf der Homepage des Friedhofs, der Gemeinde, der Kommune oder in einer App. Bestatter, Trauerfloristen sowie Hinterbliebene lassen sich auf diese Weise einfach virtuell zur gesuchten Grabstelle leiten. (sg, jr)

www.bestatter.de