Hintergrund

Asset Management für Versorgungsunternehmen

Ein Begriff, der bereits seit Jahren diskutiert wird, nimmt zunehmend Kontur an.

Das Asset Management bietet Energieversorgungsunternehmen die Chance, sämtliche Geschäftsprozesse einer Bewertung und Prognose zu nuterziehen sowie einen ganzheitlichen Blick auf die Prozesslandschaft des Versorgers zu werfen. Bild: Pixabay/PIX1861

Für Energieversorgungsunternehmen steht das Thema Asset Management (AM) schon seit Längerem auf der Tagesordnung. Einerseits ist damit die Chance verbunden, sämtliche Geschäftsprozesse – also auch die technikgeprägten, netznahen Vorgänge – einer betriebswirtschaftlichen Bewertung und Prognose zu unterziehen, andererseits fordert ein AM vor allem in der Ausprägung des operativen AM den ganzheitlichen Blick auf die Prozesslandschaft eines Versorgers/Netzbetreibers. Theoretisch ist das Thema, das im Zuge der Liberalisierung der Energieunternehmen aufkam, durchdekliniert. Vor allem von Seiten der Hochschulen gibt es dazu umfassende Literatur.

Meilenstein zu dem Thema ist die 2014 erschienene Normenreihe ISO 5500x. Sie beschreibt erstmals die konkreten Anforderungen an ein ganzheitliches und im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses zu verstehenden Asset-Management-Systems und zeigte damals allen Versuchen, dem Thema mit Excel & Co. zu begegnen, die Grenzen auf. Doch auch diese Norm sickerte nur langsam in die Praxis. Als das Beratungsunternehmen PWC 2017 deutsche Energieversorger befragte, gaben zwar 40 Prozent der Unternehmen an, sie als Grundlage für AM-Projekte zu nutzen, aber nur 10 Prozent nutzten sie für ihre Zertifizierung gemäß ISO 55001.

Asset Management im gesamtgesellschaftlichen Kontext

Dabei kann (oder muss) man AM im gesamtgesellschaftlichen Kontext verorten. Denn es analysiert erstmals den gesamten Anlagen-Lebenszyklus und optimiert diesen, macht also auch langfristige Konsequenzen von Investitionen oder Veränderungen besser abschätzbar. Die Energie- oder Klimawende ohne AM – schier undenkbar.

Denn eine Einzelbetrachtung von Bereichen und Prozessen reicht nicht mehr. Sie ignoriert die Leistungsfähigkeit heutiger integrierter, prozessorientierter IT-Systeme, wie sie inzwischen am Markt verfügbar sind. Zwar gibt es viele Systeme, die auf einzelne Funktionalitäten fokussieren (etwa Workforcemanagement, Instandhaltung, GIS etc.) und sich AM als „Etikett“ auf die Lösung „kleben“. Die eigentlichen Aufgaben von AM werden damit aber nur in Ansätzen erreicht, nämlich übergreifende Optimierungspotenziale zu heben.

Durch AM-Realisierungen wird auch das komplexe Rollenverständnis der Akteure in der Energiewirtschaft erleichtert. Die Rollen werden in Asset Owner, Asset Management und Asset Service unterteilt und mit AM transparenter und klarer umsetzbar, zudem kontrollierbarer, etwa in Form definierter Kennzahlensysteme. Die einzelnen Rollen trennen sich im Markt auch immer mehr aus firmenrechtlicher Perspektive, etwa, wenn Netzservices an Dritte übergeben werden, was ein Mehr an Management-Funktionalität erfordert.

So kann auch die Zusammenarbeit mit Dienstleistern und das Vertrauen in die Stakeholder nachhaltig verbessert werden. Die Asset Owner können etwa einen systematischen Überblick bekommen, welche Aufwendungen bei Personal und welche Investitionen wo getätigt werden.

Zahl an AM-Projekten in Deutschland wächst

Bei deutschen Energieversorgern wächst die Zahl an AM-Projekten. Die Ursachen dafür werden in der Branche als vielschichtig angesehen. Je nach Versorger liegen Motivationen und Ursachen für die Investitionen anders. Eine Rolle dabei spielt auch ein Generationenwechsel in den Führungsetagen, die den Ehrgeiz haben, neue Ziele zu verfolgen und moderne Themen voranzubringen. Auch die Pandemie hat den Trend zur Digitalisierung in der Branche nochmals gepusht. Digitale Arbeitsdisposition, die direkte Anbindung mobiler Mitarbeiter an die IT-Systeme oder die Fokussierung auf eine gut funktionierende, prozessorientierte IT-Landschaft sind Themen, die auf den Handlungsagenden weiter nach oben geklettert sind.

Hinzu kommt das Thema Cybersecurity, also der Schutz der IT-Systeme rund um die kritischen Infrastrukturen. Versorger selbst lassen sich zunehmend nach dem Technischen Sicherheitsmanagement (TSM) zertifizieren, was sie auch zu Werbezwecken am Markt zunehmend nutzen. Die TSM-Bestätigung erfolgt auf Basis der VDE-Anwendungsregel VDE-AR-N 4001. Sie  betrachtet vor allem die organisatorischen und aufgabenbezogenen Abläufe eines Versorgers und rückt demnach die Prozesslandschaft stärker ins Licht.

Weiterer Einfluss kommt aus dem Bereich Metering. Wenngleich es immer noch Verunsicherung in Bezug auf die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Smart Meter Rollout gibt, handeln viele Versorger pragmatisch und planen die Installation der intelligenten Zähler, Gateways oder gar kompletten Intelligenten Messsysteme. Dazu benötigen sie eine umfassende Planung, Arbeitsvorbereitung und Umsetzung im Feld, also das Hoheitsgebiet von Workforce Management Systemen. Diese Systeme, die oft Teil von AM-Lösungen sind, stehen derzeit bei vielen Versorgern im Investitionsfokus und werden oft zum Kristallisationspunkt einer größeren AM-Strategie.

Fokusthema „Internet of Things”

Im Kontext der technologischen Basisentwicklungen darf auch das Thema IoT nicht unerwähnt bleiben. Die Anbindung sämtlicher Bestandteile der (Anlagen-)Infrastruktur via moderner Kommunikationsprotokolle ist ein Trend, der nicht nur in den Fachzeitschriften hochgeschrieben wird, sondern langsam Kontur annimmt. Interessant im Zusammenhang mit AM ist, dass die Anbindung der operativen sensorgestützten Prozesse klassischerweise auch über die Prozessleittechnik entstehen kann, die zumindest bei größeren Versorgern eine eigenständige Systemkategorie ist. Hier gilt die Integration jedoch als komplex, weswegen die Produktdynamik sich noch in Grenzen hält. Umso mehr finden sich jedoch IoT-basierte Integrationen, die Echtzeitdaten von Prozessen anbinden und integrieren, wobei hier auch dezentrale Anlagen oder technische Systeme aus der Netz-Peripherie umgesetzt werden.  Kopplungen zu anderen Systemen sind hier obligatorisch, kaum ein Projekt kommt ohne Schnittstellen zu den ERP- oder GIS-Systemen aus. Vor allem sind hier Ladesäulen für die Elektromobilität bis hin zur Gebäudetechnik gefragt.

Heute ist die Unterscheidung von strategischem und operativem Management zum Common Sense geworden. Strategisches Management ist meist in einer eigenen Abteilung organisiert und schaut auf die langfristige Zielnetzplanung eines Versorgers, wobei technische, organisatorische und betriebswirtschaftliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden. Daher hat strategisches Asset Management oftmals Projekt- und Dienstleistungscharakter und wird von vielen Beratungsfirmen angeboten. Dennoch pusht das strategische auch das operative Asset Management. Nach dem Motto: Nur wer die Gegenwart versteht, kann die Zukunft prognostizieren. Gerade die Entwicklungen rund um die Elektromobilität und der einhergehende Bedarf an Netzausbau erhöht die Bindung von strategischem und operativem AM.

Zu guter Letzt gilt es die Predictive Maintenance, also die vorrausschauende Instandhaltung zu erwähnen – ein Konzept, das sich bei Produktions- und Industrieunternehmen schon seit längerem durchsetzt (nachdem in den vergangenen 20 Jahren viele erfolglose Ansätze verfolgt wurden). Sie basiert darauf, auf Basis von (Echtzeit-)Messdaten aus dem Betrieb und ihrer statistischen Auswertung zukünftige Störungen, Verschleiß und mögliche Fehler bei den Betriebsmitteln zu prognostizieren und somit auch Betriebskosten für die Anlagenbestandteile abzuschätzen. Je intelligenter das Netz wird, desto mehr adaptieren Versorger diese Instandhaltungsstrategie. Hersteller einzelner Betriebsmittel (Transformatoren, Ortsnetzstationen, Schaltanlagen etc.) bieten bereits AM-Ansätze, diese sind aber auf einzelne Betriebsmittel fokussiert. Ein übergreifendes AM ermöglicht es dagegen, einen übergreifenden Blick auf das gesamte Stromnetz zu ermöglichen, anstatt weitere IT-Lösungen für die Instandhaltung zu schaffen. Die Funktion des AM, eine zentrale Systemebene zu etablieren, innerhalb der alle Stammdaten-, Betriebs- und Prozessdaten sowie auch die finanztechnischen Kennzahlen zusammenlaufen können, muss als systemimmanente Anforderung des Smart Grids gesehen werden. (sg)