Interview mit grit-Geschäftsführer Dr. Rose

Wie die Verbindung von Open Source und Professional Services gelingen kann

Mit dem strategischen Ansatz, Open Source und Professional Services zu verbinden, hat die Firma grit vor einigen Jahren eine unternehmerische Weichenstellung getätigt, die jetzt im Zuge des OZG nachhaltig wirksam werden soll. BUSINESS GEOMATICS sprach mit Geschäftsführer Dr. Andreas Rose über Strategien und Technologiepotentiale.

Wird das OZG den Open Source Einsatz fördern?

Öffentliche Auftraggeber haben viele Vorteile durch den Open Source-Ansatz. Für das „Einer für Alle” (EfA)-Prinzip ist es sogar der einzig praktikable Weg bei der Beschaffung der Software, man denke nur an das Thema Ausschreibung. Open Source-Produkte bieten eine realistische Lösung für die Umsetzung der länderübergreifenden Digitalisierung zu vertretbaren Kosten. Aber es gibt auch einige Punkte zu bedenken, vor allem beim professionellen Support. Ohne garantierten Support ist Open Source eine mutige Strategie, denn bezüglich Stabilität, Belastbarkeit und Maintenance gibt es unkalkulierbare Restrisiken.

Das war aber nicht immer so bei Open Source…

Das ist richtig. Als Open Source-Software noch auf individuellen Rechnern entwickelt wurde, war eine herkömmliche Systemwartung noch ganz einfach – da stand alles „unter dem Schreibtisch“. Heute sind die Systeme aber weitestgehend in Rechenzentren verlagert, um einen stabilen Betrieb und 24/7-Verfügbarkeit zu bekommen. An der Stelle war es vorbei mit der Do-it-Yourself-Mentalität. Das gilt vor dem Hintergrund des OZG umso mehr.

Wie ist die Situation in den Rechenzentren?

Wir pflegen mit der grit GmbH schon lange enge Geschäftsbeziehungen mit Betreibern von GIS in Rechenzentren und kennen deren Abläufe und Bedürfnisse daher sehr gut. Wir stellen in den letzten Jahren dort auch eine dynamische Entwicklung fest. Software wurde auch in Rechenzentren lange Zeit mit eigenem Personal installiert, konfiguriert und betrieben. Das ist nicht nur eine hochpreisige Angelegenheit, sondern angesichts des leergefegten Arbeitsmarkts für Fachkräfte nur noch schwer zu realisieren.

Und was kann Open Source in diesem Zusammenhang leisten?

Für Rechenzentren kam vor allem die neue Technologie der Container wie gerufen. Die jeweilige Software wird dabei in komplexe Pakete, also in Container, verpackt, die die Mitarbeiter im Rechenzentrum nicht mehr auspacken, sondern nur noch einräumen müssen. Sie sind sofort einsetzbar und können ohne weitere Anpassungen in die Rechenzentrum-Infrastruktur integriert und genutzt werden. Sobald kleinteilige Prozesse wegfallen, ist erheblich weniger Expertenwissen erforderlich.

grit bietet verschiedenste Dienstleistungen rund um die deegree Enterprise Edition (dEE) an. Spielt die Container-Technologie dort bereits eine Rolle?

Wir entwickeln und betreiben bereits seit fünf Jahren mit der dEE eine Geodateninfrastruktur auf Open Source-Basis. Bisher haben wir uns auf Basisinfrastruktur, wie Datenbanken und Webservices konzentriert. Diese Wissens-Kombination entspricht den derzeitigen Marktanforderungen und unterscheidet das Unternehmen von anderen Playern auf dem Markt. Wir haben die dEE frühzeitig so angepasst, dass die Software bereits in Container verpackt an den Kunden geliefert werden kann, wo sie per Download installiert wird. Bei jedem Update ist das Vorgehen identisch, der Aufwand wird auf ein Minimum reduziert.

Was heißt das konkret für die Fachleute in Rechenzentren und der Öffentlichen Hand?

Durch die Container-Lösung müssen die RZ-Mitarbeiter nicht mehr zwingend in die Untiefen der Softwareinstallation eintauchen, da ist alles bereits fertig. Aber auch für die Anwender der Open Source-Software ändert sich einiges. Sie müssen mit dem Container umgehen und haben auf die Open Source-Pakete keinen direkten Zugriff mehr. Sobald die Software in den RZ-Betrieb geht und sich im Container befindet, ist sie für die Anwender außer Reichweite.

Wie ändert dies die Rollenverteilung zwischen Endanwendern und Rechenzentren?

Die ist zunächst ungewohnt. Die Anwender können nicht mehr so agieren, wie sie das gewohnt sind. Sie und die RZ-Betreiber haben deutlich weniger miteinander zu tun, dadurch entstehen mitunter Wissenslücken. Die werden dann durch unsere Mitarbeiter geschlossen. Als Dienstleister agieren wir durch die Container viel stärker an dieser Schnittstelle, was eben bedeutend effizienter ist.

Dr. Andreas Rose, Geschäftsführer grit GmbH. Foto: grit GmbH

Das müssen Sie genauer erklären…

Dies funktioniert über unsere Administrationswerkzeuge: Der Anwender kann nun alle fachbezogenen Arbeiten selbst ausführen, er kann auch ohne das RZ agieren. Wenn er Fragen hat, helfen wir mit Professional Services und direkten Ansprechpartnern. Das ist eine Win-Win-Situation: auch die Expertise der grit-Mitarbeiter wird gestärkt. Unser Team verfügt bereits über ein hohes Maß an Experten-Knowhow von der Anwendungsentwicklung über die Abläufe in Rechenzentren, zu Container-Technologie und -Betrieb. Es ist aber enorm wichtig, dass dieses Wissen immer wieder erneuert wird und sich praxisgerecht weiterentwickelt. Dafür ist der regelmäßige Austausch zwischen Anwendern, SW-Entwicklern und RZ-Betreibern ideal.

Die Kombination zwischen Open Source Technologie und Professional Services kommt immer mehr in Mode. Warum?

Professionelle Open Source Systeme decken die Faktoren ab, die beim Einsatz von Open Source als Restrisiko gelten: Stabiler Betrieb, zeitnahe Beseitigung von Fehlern, transparente Abläufe und – ganz wichtig – klar geregelte Kommunikation zwischen allen Beteiligten mit festen Ansprechpartnern.

Mit der dEE haben wir diesbezüglich schon eine Menge Erfahrung. Wir sehen uns als einer der Pioniere im Bereich professioneller Open Source Geoinformationssysteme. Ein Beispiel ist das Masterportal. Dem Projekt, initiiert von der Hansestadt Hamburg im Jahr 2018, sind inzwischen 31 Implementierungspartner beigetreten.  Wir waren daher von Anfang an begeistert. Zum einen als Ergänzung zu dEE, zum anderen weil sich auch bei Masterportal Open Source und individuelle, professionelle Dienstleistungen perfekt ergänzen. Tatsächlich kann man Masterportal auch als Modellversuch für das EfA-Prinzip verstehen. Wir sind also auf einem guten Weg. (sg)

www.grit.de