Hintergrund Baumkataster

Krankenakte des Patienten Baum

Baumkataster sind die Sammelstelle für alle wesentlichen Informationen über die Vegetation, von der Baumgröße und -dimensionierung bis hin zum Gesundheitszustand. Damit dienen die digitalen Fachschalen insbesondere dem Schutz des Stadt- und Waldgrüns.

Bäume an Straßen müssen im Sinne der Verkehrssicherungspflicht regelmäßig kontrolliert werden. Dabei helfen kann ein digitales Baumkataster, in dem alle wesentlichen Informationen gespeichert werden. Foto: Pixabay/herbert2512

Deutschland gilt als das waldreichste Land Mitteleuropas. Aktuell sind nach Angaben des Deutschen Forstwirtschaftsrats e.V. (DFWR) etwa 11,4 Millionen Hektar mit Wald bedeckt. Das entspricht knapp einem Drittel der Gesamtfläche Deutschlands. Dank einer nachhaltigen Bewirtschaftung hat die Waldfläche trotz einer intensiven wirtschaftlichen Nutzung seit dem 2. Weltkrieg stetig zugenommen. Erfolgsrezept dafür war laut DFWR die Verwirklichung des Prinzips „Schützen durch Nutzen“: durch eine verantwortungsvolle Bewirtschaftung und die Öffnung für gesellschaftliche Interessen wie Erholung, Freizeit und Sport gewann der Wald in den Augen der Menschen an Wert. Im deutschen Wald stehen jetzt circa 90 Milliarden Bäume, das sind über 1.000 Bäume pro Einwohner.

Wichtiges Infrastrukturelement

Auch in Städten und urbanen Gebieten gelten Bäume damit als wichtiges Infrastrukturelement. Denn sie filtern die Luft von Schadstoffen, haben eine regulative Funktion für das Klima und steigern sowohl in psychischer als auch sozialer Hinsicht die Lebensqualität der Menschen. Dadurch gelten Bäume als besonders schützenswert – und das ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Denn das Stadtgrün ist heute besonderen Gefahren ausgesetzt: die Trockenzeiten im Sommer werden länger und intensiver, die Temperaturen steigen und es breiten sich auch in urbanen Gebieten Schädlinge wie Borkenkäfer oder Eichenprozessionsspinner aus. Darüber hinaus sind sie Schadstoffimmissionen sowie Urin- und Salzbelastungen ausgesetzt und müssen Beschädigungen im Wurzel-, Stamm- und Kronenbereich tolerieren.

Um insbesondere den Baumzustand und die Vitalität im Blick behalten zu können, kommen daher in vielen Städten und Kommunen Baumkataster zum Einsatz. Diese fungieren als Krankenakte des Patienten Baum, in der alle wesentlichen Informationen gesammelt werden: beispielsweise zur Gattung bzw. Baumart, zum Alter, zum Besitzer, zum Kontrollintervall oder zur Risikoeinschätzung im Hinblick auf die Verkehrssicherungspflicht. Insbesondere Letzteres gilt im Sinne der Baumkontrollrichtlinie der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. (FLL) als anerkanntes Regelwerk.

Digitale Verfahren rücken in den Fokus

Zwar hat sich das FLL-Regelwerk in den vergangenen Jahren nur geringfügig verändert, die eingesetzten Technologien und Methoden hingegen entwickeln sich stetig weiter. So ist es in Kombination mit modernen Softwarelösungen mittlerweile problemlos möglich, den Baumbestand mit handelsüblichen Smartphones oder Tablets zu kontrollieren – und das sogar dann, wenn kein Mobilfunkempfang und in der Folge keine Verbindung mit dem Internet besteht. Grundlage dafür ist meist ein Geografisches Informationssystem (GIS), oftmals angereichert durch weitere Geodaten oder 3D-Punktwolken aus Befliegungen und als Kartenapplikation visualisiert.

Welchen Nutzen die digitalen Fachkataster im Sinne des Baumbestands sowie der Verkehrssicherungspflicht haben, ist in der Praxis längst bekannt. Beim Arbeitskreis Stadtbäume bei der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) heißt es beispielsweise: „Analoge Verfahren und selbstgestrickte Softwarelösungen können den heutigen Anforderungen nicht mehr standhalten und sind daher nicht mehr zeitgemäß. Folglich rücken digitale Verfahren immer mehr in den Fokus.“ Insbesondere die politische Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema sei in den letzten Jahren spürbar angestiegen, wohl auch aufgrund der sich verändernden klimatischen Gegebenheiten.

Weiter heißt es beim GALK: „Heute muss keine Kommune mehr von Null und in Eigenregie anfangen, vielmehr haben sich ausgereifte Lösungen am Markt etabliert.“ Entscheidend sei die Sorgsamkeit, denn die Erfahrungen zeigen, dass ein in der Anschaffung kostengünstiges Produkt langfristig nicht immer die günstigste Lösung sein muss – insbesondere mit Blick auf die Verkehrssicherungspflicht. So gibt es bereits heute KI-basierte Softwarelösungen, mit denen 3D-Punktwolken aus Befliegungen so ausgewertet werden können, dass Bäume automatisch identifiziert und präzisen Geokoordinaten zugeordnet werden können. Auf diese Weise können bis zu 95 Prozent aller Bäume in einer Massenauswertung in ein Baumkataster überführt werden. Klar ist dabei aber auch:  die Grenzen eines solchen Verfahrens finden sich, wenn man spezifische Aussagen zu einem einzelnen Baum treffen will. Zwar können sich, abhängig von der Genauigkeit der 3D-Punktwolke bzw. des Orthofotos, Aussagen zur Kronengröße oder Baumhöhe treffen lassen, zum Baumzustand kann diese Methode jedoch in keinem Fall Informationen liefern. Dieser Parameter lässt sich nach wie vor ausschließlich mit einer genauen Untersuchung der einzelnen Bäume erfassen.

Werkzeug für Green Cities

Darüber hinaus gelten Baumkataster auch als moderne Werkzeuge für die Entwicklung nachhaltiger, klimafreundlicher Städte. Schon 2017 hatte das Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz im Weißbuch „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft“ Stadtverwaltungen dazu aufgefordert, die bestehende Stadtflora besser zu schützen und zu pflegen – unter anderem durch das Führen eines digitalen Baumkatasters. Als Beispiel lässt sich hier unter anderem die Analyse des Mikroklimas in Städten anführen, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ebenso können Areale für Neuanpflanzungen von Bäumen bestimmt und Konzepte für den Umweltschutz und die Anpassung an den Klimawandel entwickelt werden.

Und noch einen ganz praktischen, bürgernahen Nutzen haben digitale Baumkataster: viele Städte und Kommunen leiten aus ihrem Baumkataster ein webbasiertes Informationssystem für Bürger ab, welches die Identifikation der Bürger mit der Stadtvegetation fördern soll. Ziel ist es, möglichst barrierefreie Informationen zum Beispiel über das Alter, die Höhe und Art des Baumes zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise können sich Interessierte beispielsweise die zehn ältesten Bäume ihrer Stadt auf einer praktischen Karte anzeigen lassen. (jr)