Zukunftsvision: Metaversum

Neue Chancen für die Geoinformatik

Interview mit Greg Demchak, Director Digital Innovation Lab bei Bentley Systems

Infrastrukturen sollen nicht nur sicherer und leistungsfähiger werden, sondern auch – insbesondere in Zeiten des Klimawandels und der globalen Energiekrise – nachhaltiger. Im Rahmen der Infrastrukturplanung können Digitale Zwillinge dabei helfen, diese Herausforderungen zu meistern. Greg Demchak, Director Digital Innovation Lab bei Bentley Systems, erklärt im BUSINESS GEOMATICS-Interview, wie das funktionieren kann.

Herr Demchak, was macht das Metaversum für Sie aus?

Persönlich würde ich es so beschreiben, dass das Metaversum einerseits in einer vollständig immersiven, digitalen Welt stattfindet. Andererseits kann es aber auch als erweiterte Erfahrung unserer physischen Welt und allem, was dazwischen liegt, verstanden werden. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Nutzern beim Gang über die Straße holografische Informationen in ihr Sichtfeld projiziert werden können. Ebenso ist es möglich, dass Anwender in den Digitalen Zwilling einer Anlage eintauchen können, um mit dieser Anlage als Avatar zu interagieren. Das alles geschieht zwar losgelöst von der physischen Realität, dennoch sind reale und virtuelle Welt in vielerlei Hinsicht miteinander verbunden.

Welchen Mehrwert sehen Sie im Metaversum?

Ich könnte zum Beispiel in meinem Büro sitzen und mich mit einem Klick ins Innere des ITER-Fusionsreaktors in Frankreich oder zu einem Brückenbauprojekt teleportieren. Selbst in die Vergangenheit können wir uns schicken lassen, wenn man einen Reality Capture-Scan eines denkmalgeschützten Gebäudes oder einer historischen Stätte macht. Hat man zum Beispiel einen hochauflösenden photogrammetrischen Scan von etwas erstellt, wird dabei genau der Zeitpunkt der Vermessung erfasst. Zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft könnte sich jemand dann genau zu diesem Moment teleportieren. Wenn fortlaufende Scans gemacht werden, bauen wir eine Zeitleiste der Veränderungen auf digitale Weise auf. Die längerfristige Vision lautet: Wenn man genügend historische Informationen über etwas sammelt, das sich im Laufe der Zeit verändert, kann man mit prädiktiver Analytik sogar einen zukünftigen Zustand projizieren und sich selbst in diesen zukünftigen Zustand teleportieren. Die Möglichkeiten des Metaversums sind riesig, man muss der Kreativität nur freien Lauf lassen und über alle Eventualitäten nachdenken.

Können Sie die Anforderungen des Metaversums und die damit verbundenen Herausforderungen erläutern?

Die wichtigste Voraussetzung für das Metaversum ist es, unvoreingenommen in das Erlebnis einzutauchen und offen für ein neues Kommunikationsmedium zu sein. Wenn Sie das schaffen, werden Sie nach und nach die Möglichkeiten entdecken, welche das Metaversum bietet. Es gibt aber nicht nur die eine, wahre Lösung. Vielmehr gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten. Daher untersuchen wir bei Bentley viele verschiedene Lösungen mit dem Ziel, ein Technologiepaket zu entwickeln, das die Einstiegshürden senkt. Sie benötigen lediglich einen Laptop, eine Maus und eine Tastatur für Ihre ersten Erfahrungen mit dem Metaversum. Dann kommt schon die nächste Stufe: Wenn Ihnen das gefällt, ist nur ein Klick nötig und schon sind Sie mittendrin in einer VR-Erfahrung. Der nächste Schritt wäre eine Mixed Reality (MR)-Erfahrung, bei der Hologramme mit der physischen Realität zusammengebracht werden. Es gibt also definitiv mehrere Ebenen. Bei Bentley möchten wir unseren Anwendern den Zugang zum Infrastruktur-Metaversum so einfach wie möglich machen, da ansonsten die Akzeptanz gering ausfällt.

Glauben Sie, dass der Entwicklungsweg des Metaversums für die Zukunft bereits feststeht?

Ich gehe davon aus, dass man künftig eine Vielzahl von Geräten einsetzen und nicht auf einen Webbrowser beschränkt sein wird. Vielmehr werden wir das Metaversum praktisch über alle denkbaren Medien erleben: Web, Desktop, VR, AR und Mobiltelefone. Für ein immersives Erlebnis werden wir eine hohe Auflösung, Qualität und Bildrate sowie VR-Brillen nutzen. Und in naher Zukunft werden wir Haptik erleben, bei der man etwas im digitalen Raum berühren und es mit seinen eigenen Händen und seinem eigenen Körper spüren kann. Zum Beispiel testen wir einen elektrischen Ganzkörperanzug, der bei Berührung mit der Haut elektrische Signale in den Körper sendet – beim Tragen entsteht so das Gefühl, dass Regen auf die Schultern fällt. Dadurch wird eine sehr taktile und multisensorische Erfahrung ermöglicht.

Wird das Metaversum in der Zukunft auch bei Bentley eine Rolle spielen?

Ja, mit Sicherheit. Das Metaversum für die Infrastruktur wird Menschen sowie allen Beteiligten eine Erfahrung aus erster Hand ermöglichen, die sie bereits aus den Phasen vor, während und nach dem Bau kennen. Diese gesamte Erfahrung wird in sich selbst verständlich sein. Im Metaversum wird man buchstäblich in den Grundriss bzw. die Zeichnung hineingehen und die Anlage noch vor ihrem Bau erleben können.

Ein Beispiel dafür kann die Wartung sein: im Metaversum wäre es möglich, Reparaturvorgänge tatsächlich auf ganz natürliche Weise mit den eigenen Händen, dem Körper, mit Handgriffen und Kopfbewegungen zu üben und dann in der Praxis umzusetzen. Man setzt dabei für die Interaktion mit 3D-Inhalten nicht Hilfsmittel wie eine Computermaus, sondern die natürlichen Bewegungen des menschlichen Körpers ein – z. B. mit Bewegungen von Kopf, Hand und Körper. Es wird sich dann in der Praxis so anfühlen, als hätten die Beteiligten die Abläufe vorher schon einmal durchgeführt, da eine dreidimensionale Erinnerung eingepflanzt wurde, die auf der Baustelle abgerufen werden kann. Ich denke, das ist die menschliche Wahrnehmung. Und wenn andere Personen mit holografischen Mehrbenutzer-Avataren hinzugezogen werden, ist über räumliches Audio außerdem eine ganz natürliche Kommunikation möglich. Die Durchführung einer Entwurfsprüfung innerhalb des 3D-Modells wird sich so ganz natürlich anfühlen. (jr)