Das Bonner Unternehmen data analytics institute AG (dai) hat in Kooperation mit dem ifo Local Election Lab (LOCEL) und dem ifo Institut einen flächendeckenden Datensatz für das Bundesland Sachsen-Anhalt im Vorfeld der Landtagswahl am 6. September 2026 erstellt. Damit steht erstmals ein einheitlicher Datensatz für alle Wahlbezirke eines Flächenlandes bereit. Im Jahr 2021 hatte das LOCEL im Rahmen eines ähnlichen Projekts erstmals in Deutschland die Wahlbezirke von 354 Städten (rund 24.000 Wahlbezirke) mit ihren Geometrien digitalisiert und damit Wahlanalysen auf dieser kleinräumigen Ebene ermöglicht. Zuvor standen in Deutschland die aggregierten Daten zu Wahlbezirken lediglich auf Stadtebene zur Verfügung. Wahlbezirke sind die kleinste räumliche Einheit, für die Wahlergebnisse in Deutschland veröffentlicht werden. Obwohl bei der Bundestagswahl 2025 rund 95.000 Wahlbezirksergebnisse vorliegen, existieren für die meisten Wahlbezirke keine Geometrien. Somit wurden nur etwa 47 % der Bevölkerung abgedeckt.
Die nun erzielte Verknüpfung von Wahlbezirken mit Gebäuden, Haushalten, demografischen Strukturen, sozioökonomischen Merkmalen sowie Zensus- und Geodaten schafft eine neue Grundlage für interdisziplinäre Forschung. Fragestellungen zu politischer Partizipation, gesellschaftlicher Transformation, Energie- und Mobilitätswende, sozialräumlicher Segregation oder regionalen Disparitäten können künftig auf einer bisher nicht verfügbaren räumlichen Auflösung untersucht werden.

Beispiel Dessau-Rosslau. Zu sehen sind die geokodierten Straßen- und Hausnummern, aus denen die Wahlbezirke generiert werden. Quelle: dai
Besondere Brisanz im Vorfeld der Landtagswahl
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist mit einem voraussichtlich sehr hohen Anteil an Wähler:Innen der als verfassungswidrig eingestuften AfD besonders brisant. Die Orte Groß- und Kleinwangen beispielsweise wurden 2009 in die Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt eingemeindet. In ihrem gemeinsamen Wahlbezirk gaben nur 59% ihre Stimme bei der letzten Bundestagswahl ab. Davon 68,3% für die AfD. Landesweit lag die Wahlbeteiligung dagegen bei 77% und die AfD kam auf „nur“ 38,8% – mit einem Anstieg auf 41% – aktuellen Umfragen zufolge.
Mit dem neuen Datensatz sollen tiefere Erkenntnisse gewonnen werden. Die Geometrien aus LOCEL 2026 sollen dann mit Ergebnissen der anstehenden Landtagswahl 2026 am 6. September 2026 verknüpft werden. Dabei sollen möglichst sämtliche Wahlbezirke des Landes auf Basis kommunaler Wahlbezirksverzeichnisse, Adressdaten, Flurstücke und Gebäudedaten rekonstruiert und wissenschaftlich dokumentiert werden.
Ausgangspunkt bilden die von den Kommunen bereitgestellten Straßen- und Hausnummernverzeichnisse der Wahlbezirke. Diese werden über ein automatisiertes Inverse-Geocoding-Verfahren räumlich verortet. Im Unterschied zu bisherigen Ansätzen wird der Wahlbezirk als Menge zugehöriger Flurstücke und Adressen verstanden. Die Geometrie wird aus diesen Objekten abgeleitet und kann jederzeit reproduziert werden.
Ausblick auf Datenraum für Wahldaten
Die entwickelte Methodik ist grundsätzlich auf alle anderen Bundesländer übertragbar. Perspektivisch könnte daraus ein deutschlandweiter Datensatz entstehen. Das dai entwickelt hierfür den Election Data Space Germany (EDSG) einen bundesweiten Datenraum, der Wahldaten standardisiert, interoperabel und souverän bereitstellt und so ihre sichere Nutzung und Verknüpfung für Wissenschaft, Verwaltung und weitere Akteure ermöglicht. „Mit der Erstellung möglichst aller Wahlbezirksgeometrien entstünde erstmals die flächendeckende Georeferenzierung feinräumiger Wahlergebnisse“, sagt dai-Geschäftsführer Michael Herter.
LOCEL 2026 bildet hierfür den ersten praktischen Demonstrator und zeigt, wie kommunale Wahldaten, Geodaten und moderne Datenraumkonzepte zu einer neuen Infrastruktur für die empirische Demokratieforschung zusammengeführt werden können.

Wahlbezirke in der Stadt Dessau-Roßlau. Die Geometrien sollen mit Ergebnissen der Landtagswahl im September 2026 verknüpft werden, um so bessere Analysen zu ermöglichen.
Quelle: dai
