INTERVIEW: Die veränderten regulatorischen Rahmenbedingungen erhöhen die Unsicherheit bei langfristigen Planungen der Energieinfrastruktur. Kann die Digitalisierung des Bauens hier helfen? BUSINESS GEOMATICS sprach mit Jörg Butt von G&W Software AG.

Beim Ausbau und bei der Erneuerung von Versorgungsnetzen schafft die digitale Kostenplanung belastbare Grundlagen für Variantenvergleich und Investitionsentscheidungen. Foto: G&W Software
Die Wärmewende ist aufgeschoben. Die neuen Gesetze der Bundesregierung, vor allem das aktuell in der Umsetzung befindliche Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), sehen vor, dass neue Gas- und Ölheizungen wieder uneingeschränkt eingebaut werden dürfen. Die Pflicht zum Anteil von mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien entfällt, ebenso das Betriebsverbot für Gas- und Ölheizungen ab dem Jahr 2045. Die in den vergangenen Jahren und Monaten erstellten kommunalen Wärmepläne sind demnach nicht mehr aktuell. Das hat große Folgen für die Verteilnetzbetreiber: Wenn nicht feststeht, ob ein Gebiet künftig über Fernwärme, dezentrale Wärmepumpen oder ein biogasgestütztes Gasnetz versorgt wird, muss jede Sanierung und jeder Neubau in mehreren Varianten kalkuliert werden. Hinzu kommt eine schwierig zu kalkulierende Kostenentwicklung. Viele potenzielle Abnehmer von Fernwärme fallen als Kunden aus, was die Netzkosten im Allgemeinen und deren Umlage auf die Verbraucher (Entgeltspirale) ändert.
Auch die Prognosen für die Energiepreise aller anderen Sparten werden unsicher. Da der Anteil an alternativen Gasen wie Biogas oder Wasserstoff steigen wird, ändert sich vermutlich der Bedarf, die Angebotsentwicklung ist aber ebenso unsicher. Deutlich höhere Kosten sind wahrscheinlich. Die geplante Biotreppe (steigende Quote erneuerbarer Gase) könnte den fossilen Betrieb demnach zusätzlich zum steigenden CO₂-Preis verteuern. Fast alle Experten rechnen damit, dass viele Gasnetze in Wohngebieten voraussichtlich bis spätestens 2045 großflächig stillgelegt werden. Das gilt nicht nur für die Sicht der Verbraucher, sondern auch für die der Infrastrukturbetreiber.
Alle Prognosen für die Wirtschaftlichkeit der Energieinfrastruktur sind ebenso unsicher. Hinzu kommen die volatilen Kosten für Planung, Bau und Infrastruktur. Welche Aufgabe kann in dieser Gemengelage eine digitale Kostenplanung der Infrastruktur einnehmen? BUSINESS GEOMATICS sprach mit Jörg Butt, Versorgungsexperte bei der G&W Software AG und Vorstandsmitglied des BVBS, über die Bedeutung der Digitalisierung der Prozesse rund um Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung.

Herr Butt, die Kommunale Wärmeplanung galt als strategisches Planungsinstrument für die Wärmewende. Nun sind zunehmend Steuerungsinstrumente für die künftige Wärme- und Energieinfrastruktur notwendig. Welche Rolle kann dabei die AVA übernehmen?
Jörg Butt: Die kommunale Wärmeplanung legt fest, welche Versorgungsart in einem Gebiet vorgesehen ist. Zu welchen Kosten und in welcher Reihenfolge sich das umsetzen lässt, ist damit noch nicht beantwortet. Diese Frage beantwortet das Netzmanagement auf Basis der Kostenschätzung noch vor der Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung. Der eigentliche Hebel liegt also am Anfang, bei der wirtschaftlichen Bewertung dessen, was der Wärmeplan strategisch vorgibt.
Wie ist Kostentransparenz in der Planungs- und Vergabephase erreichbar?
Transparenz entsteht, wenn dieselbe Datenbasis von der ersten Schätzung bis zur Schlussrechnung durchläuft. Im frühen Planungsstadium kann das Kenngrößenverfahren auf Basis von Vergleichsprojekten eingesetzt werden. Viele unserer Kunden im Versorgungsbereich setzen dafür in CaliforniaX bereits Grabenmodelle ein. Aus wenigen Angaben zu Länge, Tiefe und Oberfläche entsteht ein verlässliches Mengen- und Kostengerüst in einem Zug, das sich im Vergabe- und Abrechnungsprozess fortschreibt.
Es wird in der Wärmewende immer wieder von Technologieoffenheit gesprochen. Kann ein AVA-System überhaupt bewerten, was praktisch, wirtschaftlich und technisch realisierbar ist?
Ein reines AVA-System deckt diesen Bereich nicht vollständig ab. Das erste A, die Ausschreibung, setzt erst an, wenn die Entscheidung meist schon gefallen ist. Technologieoffenheit entscheidet sich früher, in der Kostenschätzung. Mit Grabenmodellen lassen sich mehrere Ausführungsvarianten schnell und mit hoher Kostensicherheit vergleichen, noch bevor die Ausschreibung startet. Aus einem politischen Schlagwort wird so eine belastbare Zahl, über die sich entscheiden lässt. Und genau dieses Berechnen von Varianten ist bereits Teil der Investitionsentscheidung.
Kann ein AVA-System eine belastbare projektbegleitende Kostenverfolgung gewährleisten?
Ja, dann wird aus Kalkulation Steuerung. Die erste Kostenschätzung entwickelt sich über das Projekt zum laufenden Soll-Ist-Vergleich mit Prognose. Entscheidend ist, Kostenänderungen zu erkennen, bevor sie entstehen, und nicht erst im Nachhinein zu dokumentieren. So bleibt eine Investition über ihre gesamte Laufzeit steuerbar.
Wie werden die Folgen von CO2-Preis, Biotreppe und steigenden Netzentgelten berücksichtigt?
Die Beurteilung erfolgt meist im Netzmanagement und in kaufmännischen ERP-Systemen. Unser System liefert mithilfe einer Anbindung an kaufmännische Systeme laufende Kosten aus dem Bauunterhalt und stellt damit die wirtschaftlichen Daten bereit, die in die Bewertung der Netze einfließen.
Wo liegt der Nutzen?
Der eigentliche Nutzen besteht nicht darin, Ausschreibungen schneller abzuwickeln. Er besteht darin, Investitionen besser zu entscheiden. Denn die größten Kosten werden bereits in der Planung bestimmt. Eine durchgängige digitale Kostenplanung schafft dafür belastbare Kosten- und Entscheidungsgrundlagen und begleitet den gesamten Investitionsprozess ohne Medienbruch – von der ersten Kostenschätzung bis zur Schlussabrechnung.
Macht die Szenariofähigkeit ein AVA-Programm bereits zu einem strategischen Werkzeug?
Ja, das ist die eigentliche strategische Dimension. Sobald sich Varianten sauber durchrechnen lassen, wird aus der Kostenplanung ein Investitionsinstrument. Ein Versorger kann damit beurteilen, ob ein weiterer Gasnetzabschnitt noch trägt oder ob das Kapital besser in Wärme und Strom fließt. Davon profitieren sowohl reine Gasnetzbetreiber als auch Mehrspartenversorger mit parallel betriebenen Netzen. Die digitale Kostenplanung beseitigt die regulatorische Unsicherheit nicht – sie macht sie rechenbar, vergleichbar und dokumentierbar.
Stichwort Datendurchgängigkeit und strukturierte Prozesse als Voraussetzung: Sind diese „Hausaufgaben“ heute bereits umgesetzt?
Zum Teil. Der Datenaustausch über GAEB ist etabliert und die Anbindung an die ERP-Systeme der Versorger steht. Die eigentliche Arbeit liegt in der durchgängigen Datenstruktur innerhalb der Unternehmen. Dort ist die digitale Transformation vielerorts noch nicht abgeschlossen. Das ist weniger eine Frage der Werkzeuge als der Prozesse und der Bereitschaft, sie neu zu ordnen.
Wie sieht es konkret mit der Anbindung von BIM-Modelldaten an kaufmännische Software aus?
Im Hochbau ist die modellbasierte Planung längst Alltag, in der Energie- und Wasserversorgung besteht noch Nachholbedarf. Über unser Modul BIM2AVA entsteht aus einem 3D-CAD-Modell ein typisiertes und spezifiziertes Bauwerksmodell mit automatischer Mengenermittlung. Das volle Potenzial wird erst ausgeschöpft, wenn vorgelagerte Systeme – im Tiefbau meist GIS – Modelldaten in ausreichender Qualität für die Kostenplanung liefern. Dort liegt aus meiner Sicht der nächste große Schritt.

