Die Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder der Bundesrepublik Deutschland, kurz AdV, vertritt die für die Landesvermessung und das Liegenschaftskataster zuständigen Fachverwaltungen der Länder und steht wie andere Bereiche der Öffentlichen Hand genauso vor den Herausforderungen knapper werdender Haushaltsmittel und des Fachkräftemangels. Im Fokus stehen Kostenreduktion und die Realisierung von Synergien zwischen den Landesaufgaben und den Gemeinschaftsaufgaben der AdV. Die Digitale Souveränität nimmt eine besondere Stellung ein, gerade auch aufgrund von Konsolidierungen auf der Seite von Softwareanbietern für die Fachverfahren. BUSINESS GEOMATICS sprach mit dem Vorsitzenden Ullrich Gellhaus.
- Wie behandeln Sie das Thema Digitale Souveränität in den Vermessungsverwaltungen?
Die AdV beschäftigt das Thema Digitale Souveränität schon seit einigen Jahren. So wurde im Jahr 2021 ein strategischer Beschluss zum vorrangigen Einsatz von Open Source bei allen Neu- und Weiterentwicklungen gefasst, die die AdV im Landesverbund einsetzt oder entwickelt. Ein weiterer Beschluss verlangt eine verstärkte Nutzung von Cloud-Infrastrukturen, um flexiblere Entwicklungs- und Bereitstellungsumgebungen einzuführen und langfristig nutzen zu können, unabhängig von IT-Dienstleistern. Beispielsweise werden diese Grundätze im Verfahren Smart Mapping zur automatisierten Erzeugung kartographischer Produkte konsequent umgesetzt, wo bereits eine zukunftsorientierte Plattform für die agile Eigenentwicklung auf Basis von Open Source realisiert wurde. Darüber hinaus wird der Software- und Dienstleistungsmarkt intensiv beobachtet, damit Entwicklungen in mittel- und langfristige Strategieentscheidungen einfließen können.
- Was verstehen Sie unter souveräner IT?
Eine souveräne IT ist mehr als nur Open Source und Cloudtechnologie. Unter Digitaler Souveränität verstehen wir die Fähigkeit der öffentlichen Verwaltung, unsere Geodaten, Geodienste und geodatenbasierten Fachverfahren selbstbestimmt, sicher und langfristig kontrollierbar zu führen und bereitzustellen (Daten- und Verfahrenssouveränität). Die öffentliche Verwaltung muss dabei die fachliche, technische und rechtliche Kontrolle behalten, auch wenn externe IT-Dienstleister oder Cloudlösungen genutzt werden. Die Länder stoßen angesichts knapper werdender Ressourcen aber zunehmend an ihre Grenzen, die rasanten IT-Entwicklungen alleine zu bewältigen. Vor diesem Hintergrund sind länderübergreifende Kooperationen zwingende Voraussetzung dafür, dass die AdV handlungsfähig und unabhängig bleibt. Gleichzeitig bleibt die föderale Verankerung ein unverzichtbares Fundament. Auf diese Weise werden im Rahmen der AdV die Kräfte gebündelt, Synergien erschlossen und Innovationen vorangetrieben.
- Das Prinzip Open Source (Stichwort EfA) hat in der Öffentlichen Verwaltung in Deutschland aktuell durch das OZG und das damit einhergehende Nachnutzung (EfA) einen hohen Stellenwert. Für welche Bereiche der Geodatenverwaltung lässt sich EfA nachhaltig verfolgen?
Gerade Cloud-Architekturen eröffnen die Möglichkeit, Verfahren gemeinsam zu entwickeln sowie zu betreiben und zugleich dezentral in allen Ländern verfügbar zu machen. So lassen sich Synergien nutzen und gleichzeitig föderale Strukturen wahren. Unter der Vision „Zentrale Stellen 2.0“ soll die Zusammenarbeit in der AdV künftig noch stärker auf gemeinsame Betriebsstrukturen ausgerichtet werden. Dieser konzeptionelle Ansatz entwickelt die bewährten Strukturen konsequent weiter, in dem er die Einheitlichkeit der Geobasisdaten sichert und zugleich neue Formen der Kooperation eröffnet. Grundlage bildet ein flexibles „Werkzeugkasten“-Modell: So entsteht ein Instrumentarium, das den Ländern erlaubt, je nach Bedarf unterschiedliche Formen der Kooperation zu wählen und Ressourcen bedarfsorientiert zu bündeln. Dass dieses Konzept trägt, zeigt sich bereits in der Praxis – beispielsweise beim gemeinsamen technischen Betrieb der Verfahren Cop4All zur Ableitung der Landbedeckung, der AdV-Testsuite oder Smart Mapping.
- Welche Vorrausetzungen müssen bei den amtlichen Vermessungsverwaltungen gegeben sein, damit Souveränität überhaupt erzielbar ist?
Dazu muss der unbedingte Wille zur gemeinsamen Gestaltung des digitalen Wandels vorhanden sein. Nur in der Ländergemeinschaft sind wir stark genug und nur damit kann es gelingen, die Vermessungsverwaltungen zukunftsfähig und unabhängig auszurichten. Das erfordert auch Kompromisse und ein Neudenken von etablierten und liebgewonnenen Verfahren. Zudem muss die Verwaltung künftig auch wieder auf eine eigene IT-Expertise setzen, um in der Lage zu sein, moderne Cloud-Infrastrukturen zu administrieren und Fachverfahren auf Basis von Open Source Software zu entwickeln oder auch kommerzielle Softwarekomponenten in bestehende Produktionsprozesse zu integrieren.
- Welchen Stellenwert hat QGIS für die Digitale Souveränität?
QGIS alleine schafft natürlich noch keine Digitale Souveränität. Vielmehr muss die AdV die Entwicklungs- und Produktionsprozesse so modular gestalten, dass verschiedene Softwarekomponenten über Standardschnittstellen kommunizieren können. Die Entscheidung, welche Module dann eingesetzt werden, wird dann nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen. Dies können durchaus auch kommerzielle Softwaremodule sein, wenn die Open Source-Lösungen unzureichend sind. Digitale Souveränität bedeutet auch, selbst entscheiden zu können, ob und welches kommerzielle Produkt eingesetzt werden soll, um AdV-Standards bestmöglich umzusetzen. In einer solchen flexiblen Architektur spielt QGIS beispielsweise im Verfahren Smart Mapping eine zentrale Rolle und wird neben vielen anderen Open Source Softwarebibliotheken in der Produktion eingesetzt.
- Wie ist vor diesem Hintergrund das föderalistische System zu bewerten?
Die AdV kann nur für die Ländergemeinschaft und die AdV-Standardprodukte sprechen, die im Länderverbund entwickelt und betrieben werden. Es existieren darüber hinaus ja auch noch Fachverfahren, die in alleiniger Länderhoheit oder in Implementierungspartnerschaften entwickelt und gepflegt werden (z.B. ALKIS). Durch die vielen länderspezifischen Besonderheiten ist es immer schwierig, eine AdV-weite Fachanwendung zu entwickeln. Um aber auch hier unabhängiger von den immer weniger werdenden Softwareherstellern zu werden, muss künftig verstärkt auf standardisierte Schnittstellen zwischen den verschiedenen Verfahrensmodulen gesetzt werden (z.B. OGC API), um derart monolithische Verfahren künftig modularen zu betreiben. Grundsätzlich bietet der Föderalismus die Chance, Synergien zwischen Ländern und Bund zu heben, eine breite Wissensbasis nutzen zu können und nach dem Motto „einige für alle“ zukunftsfähige Lösungen für das amtliche Vermessungswesen in Deutschland zu entwickeln.
- Der Markt neigt zu Monopolen. Ist Wettbewerb einer der Schlüssel zur Souveränität?
Entscheidend ist, dass die öffentliche Verwaltung die fachliche, technische und rechtliche Kontrolle über ihre Geodaten, Geodienste und Fachverfahren behält, egal ob externe IT-Dienstleister oder Open Source Software genutzt werden. Ohne Wettbewerb wird das schwieriger, aber nicht unmöglich.
- Wie ist Souveränität vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels zu bewerten?
Zunächst braucht man eine klare Strategie zur Digitalen Souveränität. Für deren Umsetzung wäre natürlich eigenes Personal ideal, das durch die digitale Transformation ggf. an anderer Stelle frei wird. Aufgrund des erforderlichen Spezialwissens wird man aber um eine gezielte Nachwuchsgewinnung im Bereich von IT-Experten nicht herumkommen. Einige Länder investieren schon jetzt sehr stark in ihren IT-Nachwuchs.
- Die amtsübergreifende Nutzung von Geodaten wird immer stärker. Wie kann dies effizient gelingen, ohne dass die Kosten für die gesamte IT-Landschaft zu hoch werden?
Das kann gelingen durch den konsequenten Einsatz standardisierten, in der allgemeinen IT üblichen Standardschnittstellen. OGC-Standards ermöglichen Interoperabilität, verhindern Herstellerabhängigkeiten und sichern die langfristige Nutzbarkeit von Geodaten.
Eine weitere Voraussetzung ist der konsequente Einsatz von Cloud-Infrastrukturen, die beliebig und flexibel skaliert werden können. Diese lassen sich gut konfigurieren und in Bezug auf die Kosten auch kontrollieren.
- KI verspricht auch neue Produktivität beim Programmieren. Kann Sie helfen, Souveränität zu steigern?
Absolut. In einigen AdV-Verfahren wird KI zur Softwareherstellung eingesetzt. Voraussetzung ist aber auch hier, dass man eigene Entwickler hat, die damit umgehen können.

Ulrich Gellhaus hat seit 1. Januar 2026 den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder der Bundesrepublik Deutschland (AdV) inne. Er ist hauptamtlich Direktor des Landesamtes GeoInformation Bremen, das der Senatorin für Bau, Mobilität und Stadtentwicklung Bremen zugeordnet ist. Nach seinem Geodäsie-Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn absolvierte Ulrich Gellhaus das technische Referendariat in Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus ist Ulrich Gellhaus stellvertretender Vorsitzender der Fachkommission Geoinformation, Vermessung und Bodenordnung im Deutschen Städtetag und war viele Jahre Vorsitzender des DVW-Landesvereins Niedersachsen-Bremen e.V.
Quelle: AdV
