Nach erfolgreichem Abschluss des Projekts Connected Urban Twins (CUT) geht die Entwicklung mit dem Aufbau des Zentrums für Digitale Zwillinge Hamburg weiter. BUSINES GEOMATICS sprach mit der Leiterin Dr. Nora Reinecke.
Mit dem letzten Jahreswechsel endete auch das Modellprojekt Connected Urban Twins (CUT). Die Städte Hamburg, Leipzig und München hatten zwischen 2021 und 2025 das bundesweit größte Modellprojekt Smart Cities (Förderung: BSWSB) durchgeführt und dabei gezeigt, wie Urbane Datenplattformen und Digitale Zwillinge die Integrierte Stadtentwicklung in Deutschland voranbringen können. Erprobt wurde, wie mit validen Daten und fachlichen Analysen nicht nur fundierte Entscheidungsgrundlagen geschaffen werden können, sondern auch neue Möglichkeiten für die Bürger:innenbeteiligung. Dabei wurden Standards und technische Bausteine für Urbane Digitale Zwillinge entwickelt und erprobt. Das Kooperationsprojekt hat dabei überwiegend auf Open-Source-Software gesetzt, um so eine flexible Nachnutzung zu ermöglichen. Ziel ist eine digitale Stadtentwicklung, die die Lebensqualität in den Städten überall in Deutschland konkret verbessern kann.
Vor kurzem wurde in der Senatskanzlei Hamburg das Zentrum Digitaler Zwilling gegründet, indem die gesamtstädtische Strategie für Urbane Digitale Zwillinge weiter vorangetrieben wird. Das Zentrum unterstützt städtische Akteure dabei, innovative Lösungen zu entwickeln, um sie als Werkzeuge für unterschiedliche Fragestellungen der Stadtentwicklung wirksam einzusetzen.
Ein eigens eingerichteter Zwillingsfonds unterstützt die Entwicklung und Erprobung neuer Ansätze. Die Erfahrungen aus dem CUT-Projekt bilden hierfür eine wichtige Grundlage, um die Digitalisierung der Stadt Hamburg datenbasiert, transparent und über Fachgrenzen hinweg weiterzuentwickeln. BUSINESS GEOMATICS sprach mit Dr. Nora Reinecke, die nach dem CUT-Projekt nun auch das Zentrum Digitaler Zwilling Hamburg leitet, über die Rolle von Open Source und die Anforderungen der Digitalen Souveränität in dem Kontext der UDZ.
BUSINESS GEOMATICS: Frau Dr. Reinecke, welche Erfahrungen haben Sie mit Entwicklungen im Open Source Bereich gemacht?

Dr. Nora Reincke ist Leiterin des Zentrums Digitale Zwillinge in Hamburg. Quelle: Stadt Hamburg
Gleichzeitig haben wir auch die Erfahrung gemacht, dass Open Source allein nicht automatisch zu einer breiten Nachnutzung führt. Damit Komponenten wirklich übertragbar und nach- bzw. mitnutzbar sind, sind eine umfassende Dokumentation, klar definierte Schnittstellen und abgestimmte Standards entscheidend. Wir benötigen also nicht nur eine gute technische Open Source Lösung, sondern auch sinnvolle Strukturen und Zusammenarbeitsmodalitäten.
Wie so oft gilt auch hier: Die Zusammenarbeit und die Menschen sind entscheidend für den Erfolg. Der modulare Aufbau Urbaner Digitaler Zwillinge kommt Open-Source-Ansätzen grundsätzlich entgegen, da einzelne Komponenten unabhängig voneinander entwickelt und weitergegeben werden können.
BG: Stichwort Digitale Souveränität: Ist es ein realistisches Ziel, diese bei Urbanen Digitalen Zwillingen mittelfristig zu erreichen?
NR: Urbane Digitale Zwillinge sind in komplexe technologische Ökosysteme eingebettet. Digitale Souveränität ist in diesem Kontext ein wichtiges Ziel, wird jedoch eher als schrittweiser Entwicklungsprozess verstanden. Durch den Aufbau offener Urbaner Datenplattformen und den Einsatz entsprechender Technologien können Kommunen ihre Kontrolle über Daten, Schnittstellen und zentrale Systeme deutlich stärken, während in anderen Bereichen weiterhin Abhängigkeiten bestehen.
Was ist ein UDZ?
Unter Urbanen Digitale Zwillinge (UDZ) werden digitale, datenbasierte Abbilder von Städten oder Teilräumen verstanden, die reale Strukturen, Prozesse und Dynamiken modellieren und mit aktuellen Daten verknüpfen. Sie integrieren typischerweise Geodaten, Sensordaten und Verwaltungsdaten, um Planungs-, Simulations- und Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes System, sondern nach unserem Verständnis um ein modulares Konzept, das je nach Anwendungsfall unterschiedliche Komponenten (z. B. Daten, Visualisierungen, Simulationen) kombiniert.
BG: Kommt man ohne etablierte, proprietäre Software bei der Entwicklung Urbaner Digitaler Zwillinge aus?
NR: Für mich ist nicht die zentrale Frage, ob das geht, sondern ob wir das wollen. Ein vollständiger Verzicht auf proprietäre Software ist in der aktuellen Praxis kaum realistisch, wenn wir ein großes Leistungsspektrum abdecken wollen. Urbane Digitale Zwillinge integrieren eine Vielzahl bestehender Systeme und spezialisierter Anwendungen, auch proprietäre Lösungen. Es hat sich daher ein hybrider Ansatz etabliert: Offene, standardisierte Komponenten – insbesondere in den Kernbereichen Datenplattformen und Schnittstellen – werden mit proprietären Lösungen kombiniert. Durch diese offene Basisinfrastruktur wird die Austauschbarkeit erhöht, wodurch Abhängigkeiten von nicht-offenen Lösungen reduziert werden können, ohne die Funktionsfähigkeit bestehender Systeme zu gefährden.

• Urbane Digitale Zwillinge werden als Baukasten
verstanden, dessen Bausteine für jede Fragestellung
und städtische Herausforderung (Anwendungsfall)
neu miteinander kombiniert werden können.
Quelle: Stadt Hamburg
BG: Wie wichtig ist die leistungsfähige Open-Source-Community in einzelnen Fachthemen?
NR: Eine aktive und leistungsfähige Open-Source-Community ist für die Nachhaltigkeit und Weiterentwicklung entsprechender Ansätze essenziell. Open Source entfaltet seinen vollen Nutzen erst dann, wenn eine engagierte Gemeinschaft die Pflege, Weiterentwicklung und Anpassung der Software übernimmt. Gerade im Kontext Urbaner Digitaler Zwillinge sind fachspezifische Communities – etwa in den Bereichen Geodaten, Bürgerbeteiligung oder Simulation – von besonderer Bedeutung. Ohne solche Strukturen besteht das Risiko, dass entwickelte Lösungen zwar veröffentlicht, aber nicht langfristig weitergeführt werden.
BG: Kann die öffentliche Hand die Entwicklung einer Open-Source-Community proaktiv fördern?
NR: Die öffentliche Hand kann und sollte eine aktive Rolle bei der Förderung von Open-Source-Communities einnehmen. Beispiele wie die DIPAS-Anwender-Community oder die Masterportal-Implementierungspartnerschaft zeigen, dass durch die Veröffentlichung von Software, Ergebnissen und Standards gute Voraussetzungen für die Nachnutzung geschaffen werden.
Darüber hinaus kann die Verwaltung gezielt Rahmenbedingungen setzen – etwa durch die Finanzierung gemeinsamer Entwicklungsstrukturen, die Förderung von Standards und Interoperabilität sowie durch Anreize zur Nachnutzung in anderen Kommunen. Entscheidend ist, dass Open Source nicht nur bereitgestellt, sondern auch organisatorisch und langfristig unterstützt wird.
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