Das BKG gibt mit Partnerbehörden im Bund Empfehlungen zur digitalen Souveränität im Geoinformationswesen
Digitale Souveränität wird längst nicht mehr als abstraktes Leitbild gesehen, sondern als praktische Frage staatlicher Handlungsfähigkeit. Vor dem Hintergrund geopolitischer Entwicklungen, möglicher Beeinträchtigungen des Zugriffs auf zentrale digitale Konten und Dienste, steigender Lizenzkosten und Arbeitsplattformen, die von wenigen internationalen Anbietern abhängen, wird deutlich, worum es geht: um Kontrolle über die eigene digitale Infrastruktur, um verlässlichen Zugriff auf Daten und Werkzeuge und um die Fähigkeit, technische Entscheidungen selbst zu treffen. Das gilt auch für das Geoinformationsbereich bei der Öffentlichen Hand. „Open Source Software ist ein zentraler Baustein dafür, weil sie Transparenz, Anpassbarkeit und Wechselmöglichkeiten schafft“, sagt Florian Micklich, Open-Source-Experte beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG). Damit rückt der zugrunde liegende Geo-Software-Stack in den öffentlichen Verwaltungen in den Blick, also die technische Basis von Geodaten und Geodiensten.
Transparente Software
Inzwischen wird das Thema Digitale Souveränität auch durch objektive Kriterien und Messansätze gestützt. Beispielsweise arbeitet das ZenDiS (Zentrum für Digitale Souveränität) an einem Souveränitätscheck auf Basis definierter Kriterien. „Vor diesem Hintergrund richtet das BKG den Blick gezielt auf den Geo-Bereich, weil Geodaten und Geodienste als Querschnitt viele Aufgaben und öffentliche Leistungen berühren. Gerade hier wird digitale Souveränität konkret, weil Interoperabilität, Betriebsfähigkeit und Wechselmöglichkeiten direkt über Abhängigkeiten und Kosten entscheiden“, sagt Konstantin Krömer, Projektmanager Geoinformation beim BKG.

Beispiel für die Verknüpfung und Nachnutzung von Open Source-Lösungen beim BKG: Das RoutingPlus Portal, welches vollständig auf dem Masterportal basiert und eine behördliche Verwendung des Openrouteservice ermöglicht.
Quuelle: BKG
Der zugrunde liegende Geo-Software-Stack umfasst mehr als klassische Geoinformationssysteme (GIS) und reicht von räumlicher Datenhaltung und Verarbeitung über standardbasierte Geodienste bis hin zu Web-Karten sowie Analyse- und Automatisierungsworkflows. GIS im engeren Sinne sind Werkzeuge, mit denen räumliche Daten erfasst, analysiert und als Karten oder Dienste bereitgestellt werden. „In diesem Bereich findet sich mittlerweile für fast jedes kommerzielle Werkzeug eine leistungsfähige Open-Source-Entsprechung“, sagt Micklich. Open Source ist dabei nicht gleichbedeutend mit „kostenlos“, sondern steht vor allem für transparente Software mit offenen Nutzungs- und Änderungsrechten. Statt Lizenzkosten stehen in der Praxis Aufwände für Integration, Betrieb, Wartung, Sicherheitsupdates und Weiterentwicklung im Vordergrund. „Wenn diese Aufwände gut geplant und umgesetzt werden, können die Vorteile über den Lebenszyklus die initialen Aufwände deutlich überwiegen. Zugleich kann der Einsatz von Open Source Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern oder Dienstleistern verringern, da ein Wechsel des unterstützenden Dienstleisters grundsätzlich leichter möglich bleibt“, so Micklich.
Dennoch erachtet das BKG die Skepsis gegenüber Open-Source-Ansätzen in der Bundesverwaltung im Geoinformationsbereich weiterhin groß, und der Einsatz proprietärer Lösungen überwiegt. Als Gründe werden unter anderem fehlende praxistaugliche Handlungsempfehlungen zur Einrichtung und Nutzung des Open-Source-Potenzials sowie die Hürde, über lange Jahre etablierte Pfade und gewachsene Anbieterbeziehungen zu verändern, gesehen.

Mitarbeitende des BKG auf der jährlich stattfindenden FOSSGIS-Konferenz.
Quelle: BKG
Das BKG möchte diese Lücke gemeinsam mit Partnerbehörden im Bund adressieren und den Einsatz von Open Source im Geo-Kontext systematischer unterstützen. Ziel sind praxistaugliche Orientierungshilfen entlang der gesamten Wertschöpfungskette für den Geo-Software-Stack, von Auswahl und Einführung über Integration und Betrieb bis hin zu Wartung, Sicherheitsupdates und Weiterentwicklung. Es gibt bereits Beispiele in diesem Kontext, deren nächste Entwicklungsschritte aus Sicht des BKG wichtig sind, um mehr digitale Souveränität im Geoinformationswesen zu erreichen.
European Open Digital Ecosystem Strategy – ein strategischer Hebel für die digitale Souveränität Europas
Die Strategie der EU-Kommission zielt darauf ab, die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern (vor allem aus den USA und China) zu verringern. In dem Kontext offener und freier Softwarelösungen ist das BKG dem Aufruf der EU-Kommission zur Beteiligung an der Fortschreibung der European Open Digital Ecosystem Strategy gefolgt [Link: https://ec.europa.eu/info/law/better-regulation/have-your-say/initiatives/16213-European-Open-Digital-Ecosystems/F33370441_en]. In dem Positionspapier wurde die Rolle von Open Source für das Geoinformationswesen herausgestellt und zusammengefasst, welche Herausforderungen bei der systematischen Nutzung von Open-Source-Lösungen in der Branche bestehen. „In diesem Zusammenhang ist es dem BKG ein Anliegen, dass durch offene Schnittstellen, Interoperabilität und der Möglichkeit der kurzfristig freien Wahl von Softwareprodukten eine tatsächliche Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern erreicht werden kann“, sagt Krömer.
Da das BKG langjährige Erfahrung mit der Nutzung und Entwicklung von Open Source-Softwarelösungen im Geoinformationsbereich hat und diese als wichtigen Teil ihres Software-Ökosystems betrachtet, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese weiterhin zu fördern und auch formell zu unterstützen. So beteiligt sich das BKG als Partner an der jährlich stattfindenden FOSSGIS-Konferenz des FOSSGIS e.V., einem Zusammenschluss von Privatpersonen, Unternehmen als auch Behörden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, freie GIS-Software und freie Geodaten zu fördern.
Die Bundesregierung strebt digitale Souveränität für den Geoinformationsbereich an
„Digitale Souveränität kann und sollte nicht so gedacht werden, dass Behörden individuell nach voneinander abgegrenzten Insellösungen suchen“, sagt Krömer. Eine solche Strategie würde nach Einschätzung des BKG eher dazu führen, dass wegen Ressourcenknappheit weiterhin proprietäre Software, jedoch mit einer vermeintlich erhöhten Interoperabilität, als „aufwendungsarme“ Lösung beschafft wird. Deshalb wird dieses Thema auch im Interministeriellen Ausschuss für Geoinformationswesen (IMAGI) diskutiert. Das BKG leitet die zentrale Arbeitsgruppe im nachgeordneten Bereich des IMAGI, in der die geodatenhaltenden Stellen des Bundes – wie etwa das Umweltbundesamt, das Statistische Bundesamt oder die Deutsche Flugsicherung – zusammenarbeiten.
Diese Arbeitsgruppe hat das Thema „Digitale Souveränität mit Open Source [im Geoinformationsbereich]“ als Schwerpunktthema identifiziert und wird 2026 den Bestand an Open Source-Geoinformationssystemen in der Bundesverwaltung erheben und bewerten. Dazu werden die teilnehmenden Behörden zu ihrem bestehenden Geo-Ökosystem befragt. Daraus werden anschließend Bedarfe und Potentiale für entsprechende Lösungsansätze ermittelt. „Bereits jetzt ist erkennbar, dass sich viele Bundesbehörden Gedanken über eigene Software- und Datensouveränität machen. Beim Austausch in der Arbeitsgruppe wurde auch deutlich, dass die Kosten für die Lizenzierung, die Weiterentwicklungen und den technischen Support einzelner Softwarelösungen ausufern“, so Krömer.
Das Masterportal: ein Beispiel für eine gemeinsame Open-Source-Software-Entwicklung
Das BKG nutzt Open Source-Projekte der öffentlichen Verwaltung nach. Darüber hinaus beteiligt es sich auch aktiv an deren Weiterentwicklung. „Da geodatenverarbeitende Behörden über Verwaltungsebenen hinweg ähnliche Anforderungen an die Erfassung, Verarbeitung und Bereitstellung von Geodaten haben, bieten sich hier behördenübergreifende Entwicklungsgemeinschaften an“, so Micklich. Ein Beispiel dafür ist das Masterportal, ein Geoportal für die öffentliche Verwaltung. Als Teil der Implementierungspartnerschaft entwickelt das BKG einzelne Teile des Projektes, beispielsweise eine Funktion zur Einbindung von Routing Services wie dem Openrouteservice des Heidelberg Institute for Geoinformation Technology (HeiGIT), ein An-Institut der Universität Heidelberg, das Forschungsergebnisse aus der Geoinformatik in praktische Anwendungen überführt. Auch das Geoportal 3.0 der Geodateninfrastruktur Deutschland (GDI-DE) wird auf dem Masterportal basieren; es wird derzeit durch Fachreferate des BKG entwickelt.
Beispiel für die Verknüpfung und Nachnutzung von Open Source-Lösungen beim BKG: Das RoutingPlus Portal, welches vollständig auf dem Masterportal basiert und eine behördliche Verwendung des Openrouteservice ermöglicht
Ausblick
Der Begriff „Digitale Souveränität“ ist zum aktuellen Zeitpunkt noch unscharf und von unterschiedlichen Auffassungen geprägt. „Umso wichtiger ist es, den Begriff mit nachvollziehbaren und belastbaren Bewertungskriterien zu beschreiben“, so Krömer. Dazu zählt das BKG beispielsweise Transparenz, Interoperabilität und Datenhoheit, aber auch die Möglichkeit, Systeme, Daten und unterstützende Dienstleister bei Bedarf ohne unverhältnismäßigen Aufwand wechseln zu können. Auf dieser Basis können anschließend Möglichkeiten eruiert werden, wie geodatenhaltende Stellen des Bundes weiterhin unabhängig und frei in ihren technischen Entscheidungen bleiben. Wichtig wird dies auch im Hinblick angespannter Finanzhaushalte. „Zwar mögen proprietäre Softwarelizenzen kurzfristig eine einfache Lösung bei Personal- und Ressourcenknappheit darstellen, die Erfahrung zeigt aber, dass die Kosten mittel- bis langfristig nur begrenzt steuerbar sind und Abhängigkeiten zunehmen können“, sagt Krömer. Bei konsequenter Nachnutzung, Weiterentwicklung und Finanzierung gut funktionierender Open Source-Lösungen ist es für das BKG dagegen möglich, die Kontrolle über die Kosten und Weiterentwicklung von Software und Diensten im Geoinformationsbereich zu behalten und dadurch Ressourcen für andere Geschäfts- und Verwaltungsprozesse zur Verfügung zu haben.
„Eine Herausforderung wird sein, die Interessen verschiedener Behörden zu koordinieren und aufeinander abgestimmte Lösungen anzubieten“, so Krömer. Deshalb hat das BKG die Debatte zur vermehrten Nutzung von Open Source-Software im Geoinformationswesen angestoßen und wird diese mit den Partnerbehörden im Bund offen fortführen. Ziel ist es, in diesem Jahr die Bedarfe und Lösungsmöglichkeiten zu erfassen, um dann spätestens im nächsten Jahr konkrete Handlungsempfehlungen zur Einrichtung und Verwendung des Open-Source-Software-Potenzials für den Geoinformationsbereich auszuarbeiten.
