LiveEO startet eine eigene Satellitenkonstellation zur Überwachung kritischer Infrastrukturen und setzt damit „einen Meilenstein für Deutschland als Standort für die kommerzielle Raumfahrt“, berichtet das Berliner Unternehmen. Damit soll eine Lücke im europäischen Markt für hochauflösende Erdbeobachtungsdaten geschlossen werden.
Die Konstellation mit dem Namen Twinspector liefert großflächige, hochauflösende, dreidimensionale Bilder der Erde und wurde speziell für die Überwachung kritischer Infrastrukturen entwickelt.

Die in 2028 startende Konstellation besteht aus zwei Satelliten. So entstehen dreidimensionale Bilddaten, mit denen etwa die Höhe von Vegetation oder Gebäuden mit Genauigkeit von einem Meter bestimmt werden kann. Quelle: LiveEO
Die hochauflösenden Bilder werden von zwei einzelnen Satelliten erfasst und ermöglichen dadurch die 3D-Auswertung. Beispielsweise ist die Konstellation in der Lage, die Höhe von 1,1 Millionen Bäumen mit einer Genauigkeit von etwa einem Meter in weniger als einer Sekunde zu messen – eine Größenordnung, die neue Anwendungsmöglichkeiten für Infrastruktur-, Umwelt- und Risikobewertungen eröffnet. Zu den langjährigen Kunden von LiveEO zählen bereits die Deutsche Bahn und E.ON, deren Klimaresilienz und Sicherheit durch Twinspector weiter verbessert werden kann.
Trotz eines starken Raumfahrt-Ökosystems fehlte es Deutschland bisher an einem kommerziellen Anbieter, der in der Lage ist, sehr hochauflösende 3D-Satellitenbilder in großem Maßstab für diesen Bereich zu liefern, so LiveEO.
„Deutschland hat alles, was es braucht, um eine führende Rolle in der Raumfahrt zu übernehmen“, sagt Sven Przywarra, Mitbegründer von LiveEO. „Mit Twinspector bauen wir eine kommerzielle Satellitenkapazität auf, die die technologische Unabhängigkeit Europas stärkt.“ Die 350 Kilogramm schweren Satelliten sollen in 2028 mit SpaceX ins All gebracht werden.
Erfahrung aus Deutschland
Die Entwickelung, die bereits seit drei Jahren startete, lief im Geheimen. Twinspector stellt, so LiveEO, die erste weltweit vollständig vertikal integrierte Satellitenlösung, die speziell für die Anforderungen kritischer Infrastrukturen entwickelt wurde.

Daniel Seidel (links) und Sven Przywarra (rechts) mit dem lebensgroßen Modell der Twinspector-Kamera, der Schlüsselkomponente der Satellitenkonstellation von LiveEO, die speziell für die Bereitstellung hochauflösender 3D-Daten für kritische Infrastrukturen entwickelt wurde. Quelle: LiveEO
Bislang hat das Unternehmen keine eigenen Satelliten entwickelt, sondern Daten anderer Satellitenkonstellationen vertrieben und ausgewertet. Die starke Nachfrage nach den KI-gestützten Analyseprodukten von LiveEO hat das Unternehmen zu diesem Schritt bewegt. LiveEO sieht einen wachsenden Bedarf an satellitengestützter Überwachung kritischer Infrastrukturen, insbesondere im Energie- und Verkehrssektor und nun auch im Sicherheitsbereich, der bis jetzt noch nicht gedeckt werden könne.
Bei der Umsetzung des Projekts wurde LiveEO unter anderem von Manfred Krischke unterstützt, der bereits Ende der 1990er Jahre die RapidEye-Satellitenkonstellation ins Leben gerufen hat, die heute als erste wirklich kommerzielle Konstellation gilt. „Ich war an vielen kommerziellen Weltraummissionen beteiligt, aber Twinspector sticht aus einem entscheidenden Grund hervor: Die Mission wird von den Kundenbedürfnissen bestimmt, nicht von der Technologie“, sagt Manfred Krischke. „Wir setzen die nachgewiesene Nachfrage in ein Konstellationsdesign um, das vom ersten Tag an einen operativen Mehrwert liefert.“
Satellitenfertigung entlang der deutschen Wertschöpfungskette
Die Konstellation wird entlang einer starken deutschen Wertschöpfungskette produziert. Zu den Partnern zählen unter anderem Reflex Aerospace, Engineering Minds Munich und KTO, die die enthaltenen Kameras bauen.
„Wir haben mehr als zehn internationale Hersteller sowohl für den Satellitenbau als auch für die Kameraproduktion evaluiert“, sagt Daniel Seidel, Mitbegründer von LiveEO. „Letztendlich hat uns die Qualität der heimischen Lieferkette überzeugt, von der Satellitenplattform bis zur Optik. Deutschland verfügt über beeindruckende, oft unterschätzte Kompetenzen im Weltraum. Diese Stärke bündeln wir nun, um die weltweit leistungsstärkste 3D-Kamera zu realisieren.“
Die Satelliten werden von dem New-Space-Anbieter Reflex Aerospace in München gebaut. „Für die technologische Souveränität und Widerstandsfähigkeit der europäischen Verteidigungs- und Weltrauminfrastruktur ist es entscheidend, dass wir die Fähigkeit zur eigenen Produktion und Innovation in Deutschland und Europa erhalten“, sagt Walter Ballheimer, CEO von Reflex Aerospace. „Wir freuen uns daher sehr, dass LiveEO mit Reflex Aerospace auf einen starken Partner made in Europe setzt.“
Souveränität in der Erdbeobachtung
Aus geopolitischer Sicht gewinnt der unabhängige Zugang zu hochauflösenden Satellitendaten zunehmend an Bedeutung. In vielen Fällen hing die Verfügbarkeit solcher Daten bisher vom guten Willen anderer Staaten ab. Eigene, kommerziell betriebene Kapazitäten gelten daher als wichtiger Baustein strategischer Souveränität, nicht zuletzt für einen unabhängigen Journalismus und die zuverlässige Überprüfung von Informationen in Krisenregionen.
Vor diesem Hintergrund vertieft LiveEO auch seine seit 2019 bestehende Zusammenarbeit mit der WirtschaftsWoche. Im Rahmen einer exklusiven Medienpartnerschaft kann die Redaktion Bildmaterial aus der Twinspector-Konstellation in Auftrag geben und in Print- und Digitalformaten verwenden. Im Format „Wirtschaft von oben“ hat das Magazin in Zusammenarbeit mit LiveEO inzwischen in mehr als 370 Folgen wirtschaftliche Zusammenhänge anhand von Satellitenbildern erklärt. „In unserem Jubiläumsjahr machen wir unser Motto greifbar: Vorausdenken. Vorwärtsgehen“, sagt Martin Dowideit, stellvertretender Chefredakteur der WirtschaftsWoche.
Technologie für große Dimensionen
Die Kamera eines einzelnen Twinspector-Satelliten hat eine Größe, die mehr als 1.000 CubeSats entspricht, einer Standardeinheit für Satelliten, die in etwa einem Kubikdezimeter entspricht. Technologisch setzt Twinspector auf die Datenverarbeitung direkt auf dem Satellit. Durch den Einsatz mehrerer GPUs in jedem Satelliten können KI-gestützte Analysen bereits im Weltraum durchgeführt werden, was die Auswertung beschleunigt und große Datenmengen effizient nutzbar macht.

