Im Gespräch mit der BUSINESS GEOMATICS sprechen die WhereGroup-Geschäftsführer Peter Stamm und Olaf Knopp über Digitale Souveränität und Open Source.
Die 2007 in Bonn gegründete WhereGroup zählt zu den Pionieren von Open Source in der Geoinformationswirtschaft. Zwar reichen die Ursprünge freier Software deutlich weiter zurück, einer breiteren Öffentlichkeit wurden die zugrunde liegenden Konzepte jedoch erst in den 1980er Jahren bekannt. Im Bereich der Geoinformationssysteme (GIS) spielten Open-Source-Ansätze damals noch eine untergeordnete Rolle.
Mit ihrer langjährigen Erfahrung aus Vorgängerfirmen brachte die WhereGroup früh umfassendes Know-how im Open-Source-GIS-Umfeld mit und trug maßgeblich dazu bei, den Open-Source-Gedanken, die dahinterstehende Philosophie und die besondere Entwicklungsdynamik freier Software in der GIS-Welt zu etablieren. Aus einer zunächst kleinen technologischen Nische entwickelte sich so ein leistungsfähiger und heute breit akzeptierter Ansatz für professionelle Geoinformationslösungen.
Heute beschäftigt die WhereGroup mehr als 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und gehört damit zu den größten Unternehmen im Bereich Open-Source-GIS in Deutschland. Zu den Referenzen zählen namhafte Kunden wie das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG), die Deutsche Bahn und Vattenfall. Das Unternehmen realisiert GIS-Projekte unterschiedlichster Größenordnungen – von spezialisierten Fachanwendungen bis hin zu komplexen Enterprise-Lösungen.

Peter Stamm ist Mitgründer und kaufmännischer Geschäftsführer der WhereGroup. Er begleitet die strategische Entwicklung des Unternehmens und die Umsetzung des Geschäftsmodells Open Source.
Quelle: WhereGroup

Olaf Knopp ist Mitgründer und technischer Geschäftsführer der WhereGroup und Experte für Open-Source-GIS. Er engagiert sich seit vielen Jahren für die Weiterentwicklung freier Geoinformationssysteme und offener Standards.
Quelle: WhereGroup
BG: Digitale Souveränität ist derzeit in aller Munde. Wie sieht die Open-Source-Community das?
Knopp: In der Vergangenheit wurde zwar gerne über digitale Souveränität diskutiert, in der Praxis schlug sich das jedoch weniger nieder. Dabei entspricht all das, was heute unter dem Schlagwort der digitalen Souveränität in den Fokus gerückt wird – also die Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern und Produkten, die Stärkung der Flexibilität, die Schaffung von Resilienz und die Förderung von Innovation – genau dem, was wir in der Open-Source-Community seit Jahrzehnten praktisch leben. Inzwischen haben das auch die Spitzen von Verwaltung, Wirtschaft und Politik erkannt. Überall, wo es um Unternehmensdaten, personenbezogene Informationen oder kritische Infrastruktur geht – also bei Themen wie DSGVO-konformer Datenschutz, NIS-2-Richtlinie, Software Bill of Materials (SBOM) oder IT-Security – sind sie allgegenwärtig. Im Grunde ist die digitale Souveränität nur ein nebensächlicher Aspekt.
Stamm: Die Digitalisierung in Deutschland gewinnt dadurch eine neue Qualität. Wenn wir deutlich größere Anteile der hierzulande eingesetzen Software auch von sehr gut qualifizierten Unternehmen in Deutschland herstellen lassen, ensteht erst eine tatsächliche digitale Souveränität. Von allen volkswirtschaftlichen Vorteilen ganz zu schweigen. Warum sollten wir weiterhin mehrere Milliarden Euro jährlich für Software in die USA überweisen, deren Quellcode schlicht eine Black Box ist?
Warum ist Open Source ein so wichtiger Baustein für die digitale Souveränität?
Knopp: Die Situation im Bereich Open Source, also freier Software, ist heute nicht mehr mit früher zu vergleichen. Als wir mit der WhereGroup angefangen haben, mussten wir gegen verschiedenste Diffamierungen und Vorurteile gegenüber diesem Ansatz ankämpfen. Wir waren Pioniere. Heute sind die Vorteile dieses Ansatzes allgemein anerkannt, was durch Fakten untermauert wird. Die Lösungen funktionieren zuverlässig, sie können langfristig sicher betrieben werden und sind sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb wirtschaftlich. Inzwischen unterstützt auch die öffentliche Verwaltung den Einsatz freier Software, etwa durch Rahmenverträge zur Migration von Oracle nach PostgreSQL oder durch angepasste EVB-IT-Verträge für Open-Source-Lösungen. Selbst Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie PricewaterhouseCoopers sehen Open-Source-Software als zentrales Element für den digitalen Standort Deutschland. Kürzlich sind die erweiterten EVB-IT-Musterverträge in Kraft getreten, in denen die Beschaffung von Open-Source-Software und -Dienstleistungen durch die öffentliche Verwaltung offiziell verankert ist. Auch Bayern stellt in der Umweltverwaltung auf Open Source um. Die Beispiele ließen sich nahezu beliebig fortsetzen.
Stamm: Zudem stört viele die Abhängigkeit von Anbietern, Technologien oder Plattformen. Sie schafft nicht nur rechtliche Unsicherheit, macht Kosten unkontrollierbar und schränkt Flexibilität ein. Sie verhindert auch Innovation. Was innovativ ist und was nicht, entscheiden dann andere – oft weiß man gar nicht, warum. Es entsteht ein fremdgesteuerter Fortschritt. Als Kunde benötigt man aber natürlich auch eine gewisse Haltung zu innovativen Projekten, die in der Vergangenheit nicht immer gegeben war. Die Einführung geht schließlich immer mit einem Risiko einher. Wenn etwas schiefging, konnte man bei einem klassischen Anbieter die Verantwortung eher auf den Hersteller projizieren. Open-Source-Projekte sind dagegen immer sehr auf Innovation aus. Unsere Erfahrungen zeigen, dass dies Freiheit braucht. Dieser Gedanke setzt sich immer mehr durch.
Knopp: Freiheit ist in unserer Community konkret definiert und im Wertekanon fest verankert. Sie wird seit Jahrzehnten gelebt. Das heißt, das Programm kann ausgeführt werden, wie und wofür man möchte. Es kann jederzeit bis auf die Ebene des Quellcodes untersucht und an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Und es kann jederzeit von jedem nachgenutzt werden. Jeder kann es verbessern und die Vorteile stehen der Allgemeinheit zur Verfügung.
Oft wird gesagt, dass proprietäre Systeme dem Angebot an Open-Source-Lösungen in Sachen Funktions- und Leistungsumfang weit überlegen sind.
Stamm: Das gehört auch in die Welt der Mythen, die von den Open-Source-Gegnern gerne verbreitet werden. De facto ist das heute nicht mehr richtig. Im Zeitalter der Desktop-GIS-Systeme hatten die Hersteller noch einen Vorsprung in Sachen Leistungsfähigkeit, doch mit der Migration der Systeme auf Internettechnologien hat sich das längst nivelliert, wenn nicht sogar umgekehrt. Die Diskussionen rund um die digitale Souveränität haben zumindest dazu geführt, dass die Qualität der Angebote viel objektiver betrachtet wird.
Knopp: Mit QGIS steht ein GIS zur Verfügung, das schon lange das Funktionsniveau traditioneller GIS-Lösungen erreicht hat. QGIS war schon vor vielen Jahren ein Game Changer für die Geoinformationslandschaft. Der Beweis für seine Leistungsfähigkeit ist beispielsweise bei Projekten der DHL, von Vattenfall oder dem Ersatzbaustoffkataster erbracht. QGIS musste sich im Markt zunächst gegen etablierte Lösungen behaupten. Anwender entscheiden sich längst aus pragmatischen Gründen für Open Source, weil es wesentlich wirtschaftlicher, flexibler, innovativer und schneller ist – gar nicht aus ideologischen Gründen.
Wie sehen Sie den Einfluss von KI?
Knopp: In der Open-Source-Welt herrscht grundsätzlich Einigkeit darüber, dass wir bei KI in der Softwareentwicklung noch sehr am Anfang stehen und noch viele Innovationen erwarten dürfen, die es produktiv zu nutzen gilt. Wir arbeiten beispielsweise eng mit der Plattform Langdock zusammen, die von dem gleichnamigen Berliner Start-up entwickelt wurde. Sie ermöglicht die Nutzung bestehender KI-Modelle, ohne dass sensible Daten in unsichere Cloud-Umgebungen oder in außereuropäische Rechtsräume abfließen. Das ist sicher und DSGVO-konform – ein echter Fortschritt für die digitale Souveränität im KI-Zeitalter. Man muss aber auch vorsichtig sein. Die KI ist in Teilbereichen der Programmierung ein Werkzeug, das enorme Effektivitätsgewinne mit sich bringen kann, besonders in frühen Entwicklungsphasen, wie etwa beim Prototyping. Doch das gesamte Projekt dauert meist noch genauso lange wie bisher, da Bereiche wie Konzeption oder Qualitätsmanagement nach wie vor sehr aufwendig sind.
Stamm: Die Entwicklungen im Bereich KI sind heute weitaus dynamischer als das Know-how der Anwender und Dienstleister. Man bekommt die PS gar nicht auf die Straße, die KI heutzutage bietet. Aber auch hier gibt es viele Mythen und Übertreibungen. Eine große Herausforderung bei KI-generierten Softwarecodes ist etwa das Fehlermanagement. Genau wie Sprachmodelle halluzinieren, liefert KI Programmierfehler, die sie natürlich nicht kenntlich macht, da sie als programmierendes System genauso wenig einer Eigenkontrolle unterliegt wie ein Sprachmodell. Die Fehler zu finden und zu beheben, ist weiterhin Aufgabe des Menschen. Genau hier liegt – Stand heute – die große Herausforderung in den Projekten.
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