Die Stadt Essen hat einen Internet-Shop für amtliche Geodaten realisiert. In weiteren Schritten soll daraus eine übergreifende Angebots-Plattform für kommunale Dienstleistungen, Daten und Produkte werden.

Die Produktion der ausgegebenen Karte geschieht automatisiert mit den CISS-Werkzeuge. Ein Algorithmus erstellt dabei beispielsweise auch die passende Kartengröße, wenn Flurstücksnummern oder Adressdaten eingegeben wurden.
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Bei Digitalisierungsstrategien der Öffentlichen Verwaltungen stehen die sogenannten „One-Stop-Shops“ sehr weit oben im Aufmerksamkeitsranking. Wobei „Shop“ ein Ausdruck ist, der die falsche Fährte legen könnte. Denn man verspricht sich nicht nur mehr Umsätze, vor allem jedoch eine moderne Dienstleistungsinfrastruktur für Wirtschaft und Dienstleister. Die Vision: Daten, Datenprodukte, Mehrwertinformationen oder administrative Dienstleistungen aus dem gesamten kommunalen Ökosystem, von der Verwaltung, über die Versorger bis hin zu Eigenbetrieben oder dem Tourismusmarketing, können hier per Mausklick einfach, rechtssicher und vertraulich bezogen werden. Die Erwartungen sind Bürokratieabbau, Beschleunigung von Planungen oder agilere Entscheidungsstrukturen.
Doch wie eine solche Idee in die Praxis umsetzen? Etwa einen Top-Down-Umsetzungsansatz nach guter alter deutscher Manier? Nein, lieber agiler, vom Kleinen ins Große arbeitend, also Bottom-Up-Strategie – so entschied man sich zumindest in der Stadt Essen. Dort wurde in den letzten 12 Monaten ein Shop umgesetzt, der zunächst in der ersten Phase für die amtlichen Geobasisdaten sowie kostenfreie historische Kartenprodukte realisiert wurde. Der GeoShop ist On-premises beim Essener Systemhaus (ESH) gehostet. „Er erfüllt jetzt schon die vollständigen Anforderungen der amtlichen Katasterauskunft“, sagt Frank Knospe, Leiter des Amts für Geoinformation, Vermessung und Kataster der Stadt.
Fachliche Anforderungen gemeistert
Auch hier musste die aus dem Geodaten-Bereich bekannte fachliche Komplexität gemeistert werden. Dazu gehören die Anbindung des Systems an die katasterführenden Systeme, die Aufarbeitung der Daten sowie die Generierung nutzerfreundlicher Workflows und Produkte. Eine besondere Herausforderung lag beispielsweise im Rechtemanagement. Amtliche Geobasisdaten werden in NRW im Rahmen des Open-Data-Prinzips bereitgestellt (außer den Eigentümerangaben). Daher werden mit differenzierten Vertraulichkeitsstufen im Shop die Zugriffmöglichkeiten geregelt. „Hier steckt ein komplexes, aber sehr wichtiges Verfahren mit vielen Verschiedenen Anwendungsfällen im Rahmen des amtlichen Katasterwesens dahinter“, beschreibt Knospe.
Wichtig und anspruchsvoll zugleich waren hierbei die Identifizierungs- und Authentifizierungsverfahren. So besteht zum Beispiel auch die Möglichkeit, sich über die BundID im Shop anzumelden. Alle Bürger:innen in Deutschland können sich hier für Online-Verwaltungsleistungen identifizieren und authentifizieren – in etwa nach den Prinzipien, wie sie bei kommerziellen Shops mit ID-Verfahren von Google oder Apple bekannt sind – nur eben im Sinne der Digitalen Souveränität mit einem deutschen Verfahren.
Die Stadt Essen ist bestrebt, die Bund ID zu verwenden, um ein breites Dienstleistungsangebot bereitzustellen und dieses stetig auszubauen. Sie ist aus Sicht der Stadt einfach und standardisiert nutzbar, außerdem ist ein solches, von den obersten Regierungsbehörden initiiertes Identifikationsverfahren in vielen anderen europäischen Ländern bereits selbstverständlich.
Bei dem integrierten Bezahldienst orientiert sich die Stadt Essen an den Prämissen der Digitalen Souveränität (XRechnung etwa soll in Zukunft berücksichtigt werden), aktuell unterstützt die Stadt GiroCheckout (Sparkassen), Debit- und Kreditkartenzahlung sowie PayPal.
Verwaltungsübergreifend abgestimmte Strategie
Für Knospe liegt der wesentliche Erfolgsfaktor des Projekts in den zuvor festgelegten Rollen und Verantwortlichkeiten über die gesamte Kommune hinweg. Wichtig war vor allem die Abstimmung mit den IT-führenden Stellen, allen voran Chief Digital Officers (CDO) Peter Adelskamp. Dabei wurde eine klare, gemeinsame Strategie erarbeitet und Verbindlichkeit hergestellt.
Klar geregelt wurde etwa, welche Abteilung welche Verantwortlichkeit besitzt. Typische IT-Domänen wie Payment oder IT-Infrastruktur wurde in Essen den IT-Experten zugewiesen, sämtlichen fachlichen Aufgaben rund um das Geodatenmanagement dem Amt für Geoinformation, Vermessung und Kataster. „Diese verbindliche, von allen gestützte und demnach auch in der Praxis gelebte Aufteilung war extrem wichtig“, so Knospe, der erfreut ist, wie „niederschwellig und effizient das gesamte Projekt lief“.
Weitere Zielsetzungen
In der zweiten Projektphase geht es nun darum, welche erweiterten Bereiche in den Shop integriert werden sollen, damit dies als digitales Ökosystem für alle kommunalen Akteure zur Verfügung steht. Die Strategie wird demnach neu justiert, ganz im Sinne einer agilen Verwaltungsmodernisierung. Es steht zum Beispiel schon fest, dass das Katasteramt, nachdem es eine Art Kristallisationspunkt für einen übergreifenden Shop gelegt hat, nun Teile der Projektverantwortlichkeit weitergeben und sich auf seine ureigene Fachdomäne konzentrieren wird.
Damit soll auch die Digitalisierungsstrategie der Stadt Essen weiterentwickelt werden. „Wir stehen auch als Großstadt vor der Herausforderung, dass die finanziellen und personellen Kapazitäten in Deutschland beschränkt sind oder sogar nachlassen“, so Knospe. Eine Lösung sieht die Stadt in der Nutzung der Deutschen Verwaltungscloud, was volkswirtschaftlich Kosten senken kann und trotzdem die Teilhabe auch kleinerer Kommunen (per niederschwelligen SaaS-Diensten) verbessern kann.
An Ideen mangelt es nicht. Es gibt bereits einen bunten Blumenstrauß, der „immer wieder überraschend ist, wenn man erstmal anfängt zu sammeln“, so Knospe. Sozialdienstleistungen, Abfallmanagement, Baulastenverzeichnis, soziale Ferienprogramme, Straßenzwillinge, Zustandsdaten von Straßen und vor allem – im vom Strukturwandel betroffenen Ruhrgebiet extrem wichtig –, die Auskunft über Altlasten. Für viele solcher Themen gibt es bereits Insellösungen, die nun langfristig im GeoShop abgebildet werden können. Die Vision in Essen geht sogar noch weiter in Richtung dynamischer Daten, also in Echtzeit von Sensoren gelieferte Zustandsdaten zu Hitze, Umweltbelastungen, Wasserqualität etc. Schon heute gibt es etwa sensorbasierte Verkehrsdaten, die nun zur Veredelung über Portale bereitgestellt werden könnten. „Unser Amt kann so maßgeblich zur Beschleunigung von bürokratischen Prozessen in Deutschland beitragen“, sagt Knospe und verweist damit auf eine der wichtigsten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland.
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