In Großbritannien entsteht mit NUAR ein staatlich getragenes System für die Leitungsauskunft. Es tritt in Konkurrenz zum bestehenden System LSBUD.
Das Projekt des National Underground Asset Register (NUAR) wurde bereits im Jahr 2018 ins Leben gerufen. NUAR stellt eine interaktive digitale Karte unterirdischer Leitungen und Kabel dar. Bau- und Planungsunternehmen erhalten dort Auskunft über unterirdische Leitungen, wodurch die Sicherheit bei Tiefbauarbeiten verbessert werden soll. Derzeit deckt es mehr als 80% der bekannten unterirdischen Anlagen in England, Wales und Nordirland ab. Die Teilnahme von Netzbetreibern ist gesetzlich vorgeschrieben.

England stellt das IT-System für die Leitungsauskunft mit NUAR auf neue Füße.
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Große politische Ambition
NUAR deckt England, Wales und Nordirland ab. Insgesamt gibt es über 600 öffentliche und privatwirtschaftliche Netzbetreiber. Aktuell sind dort bereits Daten von über 350 Unternehmen verfügbar, darunter die meisten großen Energie- und Wasserversorger, mehrere große Telekommunikationsunternehmen, kleinere Telekommunikationsanbieter, unabhängige Netzbetreiber, Verkehrsunternehmen und Kommunalbehörden. Die in NUAR hinterlegten Daten umfassen detaillierte, vermessungsgenaue Daten zur Lage der Netzinfrastruktur. Damit soll ein zentrales Register für sämtliche unterirdische Leitungen entstehen und weitere Recherchen zu Leitungsverläufe und das Einholen entsprechender Daten erübrigt. Vorbild dazu ist beispielsweise das in den Niederlanden etablierte Klic-System. Die Auskunft soll nahezu in Echtzeit erfolgen, was möglich sein wird, da alle Leitungsdaten in NUAG detailliert vorgehalten werden.
NUAR ist staatlich. Dahinter steht die ehemalige Geospatial Commission, die im Government Digital Service (GDS) aufgegangen und Teil des Departments for Science, Innovation and Technology (DSIT) ist. Konkret wird NUAR von der untergeordneten Ordnance Survey (OS) betrieben, der britischen Vermessungsbehörde. Der englische, im Bereich Nukleartechnik spezialisierte Ingenieursdienstleiter AtkinsRéalis hatte einen Prototyp des Systems entwickelt, bevor dieser zum 1. April 2025 in die operative Verantwortung des OS wechselte. Die Kosten dafür beriefen sich laut Medienaussagen auf rund 30 Millionen Pfund.
Die Regeln für die Teilnahme an dem Service sind noch nicht vollständig festgelegt. Zuletzt hatte die OS dazu den Markt befragt. Eine abschließende Stellungnahme zu dieser Konsultation soll in Kürze veröffentlicht werden und damit die endgültigen rechtlichen Rahmenbedingungen festlegen.
Bisher gab es in England, Wales und Nordirland kein einheitliches Format für den Austausch von Informationen über unterirdische Anlagen. Als die Arbeiten an NUAR begannen, lag der Schwerpunkt darauf, wie sich Sicherheit und Effizienz bei der Verwaltung des komplexen Netzes unterirdischer Anlagen im Vereinigten Königreich – bestehend aus rund 4 Millionen Kilometern unterirdischer Rohre und Kabel – verbessern lassen. Die Statistiken weisen rund 60.000 versehentliche Beschädigungen auf. Infolgedessen führen die Eigentümer dieser Anlagen ihre Aufzeichnungen derzeit in einer Vielzahl unterschiedlicher Formate, von maßgeschneiderten Datenbanken bis hin zu nicht vektorisierten PDF-Dateien.
Hintergrunde von NUAR
Bisheriges Ziel ist es, dass NUAR bis Ende 2028 vollständig ausgebaut sein soll, also alle Netzbetreiber ihre Netzinformationen auf dem System hinterlegt haben. Das Finanzierungsmodell sieht vor, dass Anfragende für den Dienst bezahlen müssen, in etwa so wie in den Niederlanden, allerdings sind die Konditionen hierfür noch nicht bekannt.
Netzbetreiber oder von diesem mandatierte Drittunternehmen werden informiert, sobald eine Anfrage auf dem betroffenen Gebiet gestellt wird. Im Admin-Portal können Berichte erstellt werden, die zusammenfassen, wer wann auf die Daten des Anlagenbesitzers zugegriffen hat. Diese Berichtsfunktion soll weiter verfeinert werden.
Die Benachrichtigung über Bauarbeiten ist in zwei Phasen unterteilt. Die erste Phase ist bereits implementiert und umfasst eine Recherchefunktion für in einem Gebiet betroffenen Leitungsbetreiber. Anfragende bekommen die detaillierten Netzdaten aktuell dann noch direkt vom Anlagenbetreiber. Dazu ist NUAR über entsprechende APIs vernetzt, Anfragen werden also automatisiert weitergeleitet.
In der zweiten Phase wird die Kommunikation ausgeweitet und verfeinert, wobei es hier enge Abstimmungen zwischen Netzwerkbetreibern und Behörden gibt. Für den Zugang zum NUAR-Dienst werden Unternehmen und Institutionen speziell autorisiert. Ebenso werden Auskunftsprozesse für Privatleute diskutiert, die ebenfalls von dem Auskunftsservice profitieren sollen. Gerade von Landwirten und Grundstückseigentümer:innen kommen in England viele Anfragen.
Ebenso sollen weitere Behörden etwa im Umfeld von Entschärfungen von Blindgängern aus Kriegszeiten oder Polizei beziehungsweise Feuerwehr angebunden werden. OS leitet dabei Konzeption und Entwicklung erweiterter Dienste und Funktionen.
Neue Funktionen
Zeitgleich mit dem Übergang zur öffentlichen Beta-Phase wurden auch eine Reihe weiterer Verbesserungen eingeführt. Dazu gehören eine neue Schnellzugriffsliste in der Kartenansicht, die auf einen Blick zeigt, welche Netzbetreiber erfasst sind, oder eine Kennzeichnung aller Netzbestandteile mit dem Datum der letzten Datenaktualisierung. Administratoren erhalten auf dem Dashboard zudem eine Anzeige, ob Netzbetreiber ihre Daten gemäß den vereinbarten Aktualisierungsplänen aktualisiert haben.
Die britische Regierung arbeitet mit Unterstützung von OS und AtkinsRéalis weiterhin mit Interessengruppen im ganzen Land zusammen, um Ideen zu testen und zu verfeinern, wie NUAR-Daten für andere Zwecke und Nutzer nützlich sein könnten. Die Zusammenarbeit mit Anlagenbesitzern, lokalen Behörden und anderen Interessengruppen ist für NUAR entscheidend, um das volle Potenzial als transformative digitale Innovation mit nationaler wirtschaftlicher Wirkung auszuschöpfen.
Ungewisse Zukunft für etablierte Auskunftsverfahren
Allerdings trifft NUAR auch auf bisher etabliertes System für die Leitungsauskunft. Mit LinesearchbeforeUdig (LSBUD) gibt es bereits seit vielen Jahren eine Organisation inklusive Online-Dienst, die sich der Leitungsauskunft verschrieben hat. Nach Angaben des für Auskunftssuchende kostenfreien Dienst sind 60 % aller Netzbetreiber in Großbritannien Mitglied. Die Teilnahme ist für Netzbetreiber freiwillig, aber kostenpflichtig. Daher kann LSBUD keine Vollständigkeit bei der Auskunft gewährleisten. Aktuell sind 160 Unternehmen Mitglied, die mehr als 2 Millionen Kilometer Leitungsnetze betrieben. 4 Millionen Anfragen werden von LSBUD nach eigenen Angaben jährlich bearbeitet. 300.000 Nutzer:innen sind registriert. Ähnlich wie bei dem deutschen BIL-System fokussiert LSBUD auf die Leitungsrecherche. Anfragende erhalten die Informationen, welche Leitungsbetreiber bei geplanten Maßnahmen betroffen sind und konkret angefragt werden müssen, wobei LSBUD als Datendrehscheibe fungiert. Wesentlicher Unterschied ist, dass bei LSBUD die Leitungsbetreiber für die Kosten aufkommen, bei NUAR die Anfragenden. Noch sind keine Kooperationen von LSBUD und dem OS bekannt, doch es gibt bereits lautstarke Forderungen zur Zusammenarbeit. Die Sicherheit, so wird auf allen Seiten gefordert, sollte stets die oberste Priorität haben.
